Wirtschaft

Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen: Wo die Probleme in Deutschland liegen und was passieren muss

In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren größere Versäumnisse, sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft, die das Wachstum verhindert haben. Der Sachverständigenrat Wirtschaft benennt die strukturellen und konjunkturellen Probleme jetzt in seinem Jahresgutachten.
24.11.2024 06:03
Lesezeit: 3 min
Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen: Wo die Probleme in Deutschland liegen und was passieren muss
Wirtschaftliche Stagnation und mangelnde Investitionen – Experten fordern mehr Dynamik für Deutschlands Zukunft. (Foto:dpa) Foto: Julian Stratenschulte

Stagnation ohne Ende – das ist das Ergebnis der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen. Gefordert wird eine konsequente Modernisierung des Landes in vielen Bereichen.

Wirtschaftsstandort Deutschland muss attraktiver werden

Kapitalmarktanalyst Robert Halver fordert dabei an erster Stelle weniger Bürokratie und mehr Planungssicherheit für deutsche Unternehmen, damit Investitionen in den Wirtschaftsstandort wieder attraktiv werden können. Auch die deutschen Wirtschaftstugenden wie Zuverlässigkeit, Innovationskraft, Qualitätsbewusstsein und das Leistungsprinzip müssten wieder stärker in den Fokus gerückt werden.

Die deutsche Wirtschaft ist bereits im internationalen Vergleich abgehängt worden. Dieses Jahr soll das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent schrumpfen und die Prognose für 2025 mit einem Wachstum von mageren 0,4 Prozent ist ebenfalls nicht erbaulich. Halver weist darauf hin, dass es weltweit immer mehr attraktive Wirtschaftsstandorte gibt und Deutschland dringenden Nachholbedarf hat, um nicht vollständig abgehängt zu werden.

Die Inflation in Deutschland ist auf dem Rückzug und auch für 2025 wird nur eine Steigerung um 2,1 Prozent erwartet. Doch auch trotz steigender Reallöhne ist die Ausgabebereitschaft der Deutschen gering. Zu viele Unsicherheiten für zukünftige Entwicklungen lassen die Menschen im Lande das Geld zusammenhalten. Das wirkt jedoch als fatale Konjunkturbremse. Auch klagen die Wirtschaftsweisen über zu geringe Investitionen in den zukunftsorientierten öffentlichen Sektor, wie die Verkehrsinfrastruktur, das Bildungswesen und auch die Verteidigung.

Fehlende digitale Innovationen im Finanzsystem

Auch die Digitalisierung schreitet nicht schnell genug voran. Dies kostet insbesondere im Finanzsystem das Potenzial für Innovationen und Effizienzsteigerungen. Digitalisierung in diesen Bereichen führt zu niedrigeren Kosten, da Dienstleistungen effizienter werden. Die neuen Zahlungsdienstleister wie PayPal oder auch Klarna kommen aus dem Ausland und auch weitere Innovationen in diesem Bereich dürften eher von den neuen FinTech- oder auch den Big-Tech-Playern ausgehen. Deutschland ist da abgeschlagen und bewegt sich im europäischen Vergleich gerade noch im unteren Mittelfeld, so Ulrike Malmendier vom Sachverständigenrat Wirtschaft.

Auch spricht sich der Sachverständigenrat für den geplanten digitalen Euro aus, der aus seiner Sicht eine sichere und kostengünstige Alternative zu Internet- Bezahlverfahren und Kreditkarten bietet. Hierdurch könne auch eine größere Unabhängigkeit gegenüber internationalen Zahlungsdienstleistern erreicht werden.

Digitalisierung und Innovation brauchen Strom: Strompreis als wichtiger Motor

Für Robert Halver sind auch die Stromkosten ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Um Deutschland attraktiv zu machen, müsste eben auch eine Energiesicherheit zu vernünftigen Preisen gewährleistet sein. In diesem Bereich ist Deutschland schon nicht mehr wettbewerbsfähig, für Halver sind jedoch die Energiekosten die Arbeitskosten der Zukunft.

Die hohen Energiepreise sind auch für die Verbraucher ein Problem. Sie reduzieren den privaten Konsum, der auch 2025 nach Ansicht der Wirtschaftsweisen nur sehr geringfügig steigen wird.

Mieten sind ebenfalls ein wichtiges Thema

Das Problem der hohen Mieten und Immobilienpreise war ebenfalls Gegenstand der Untersuchungen. Dabei wurde die Knappheit des Wohnraums nicht nur als soziales, sondern auch als gesamtwirtschaftliches Problem eingeordnet. Dies liege vor allen Dingen daran, dass die hohen Preise einen Zuzug von Arbeitskräften in produktive Regionen hemmen, wie die Sachverständigen ausführten. Deshalb ist es wichtig, das Wohnraumangebot in Ballungsräumen zu stärken und den Zugang zu Sozialwohnungen zu erleichtern. Hierfür müsse die soziale Wohnungspolitik effizienter gestaltet und auch der Wohnungsbestand effektiver genutzt werden.

Deutschland wirtschaftlich abgehängt

Wie Martin Werding vom Sachverständigenrat ausführte, stellt sich die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland deutlich schwächer dar als in anderen entwickelten Volkswirtschaften. Er erwartet auch für 2025 nur eine Wirtschaftsleistung in Deutschland, die auf dem Niveau vor der Corona-Krise liegen wird.

Im Vergleich zu den Entwicklungen im gesamten Euro-Raum , mit einem Plus von 4 Prozent im Vergleichszeitraum, sieht es also in Deutschland düster aus. In den USA liegt das Niveau des Bruttoinlandsprodukts bereits jetzt bei plus 12 Prozent im Vergleich zu den Jahren vor Corona. Mit Donald Trump als neuem Präsidenten und den angekündigten Zöllen auf europäische Importe droht nun eine weitere Katastrophe für deutsche Unternehmen. Die USA sind für die deutsche Wirtschaft der wichtigste Absatzmarkt außerhalb der EU, so Robert Halver. Deutschland ist ein Patient mit vielen Krankheiten, die nicht ausreichend behandelt werden.

Auch die Rente mit 63 ist ein Problem

Wie Veronika Grimm von den Wirtschaftsweisen weiter ausführte, sei auch die Rente mit 63 ein Problem für Deutschland, da sie einen weiteren Anstieg der Bestandsrenten mit sich bringt. Grimm teilt nicht alle Handlungsempfehlungen ihrer Kollegen und weist darauf hin, dass es in Deutschland sinnvoll wäre, das Renteneinstiegsalter an die Entwicklung der weiteren Lebenserwartung zu koppeln. Sie sieht die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte mit 45 Beitragsjahren kritisch. Sie plädiert auch dafür, die öffentlichen Finanzen in ihrer Zukunftsorientierung zu stärken und einen neuen Fokus auf die private Altersvorsorge zu legen, der mittel- und langfristig eine größere Unabhängigkeit von der gesetzlichen Rente bringen könnte.

Das Expertengutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wurde bereits persönlich an Bundeskanzler Olaf Scholz überreicht. Der Sachverständigenrat, der aus fünf Mitgliedern besteht, soll bei der ökonomischen Urteilsbildung im Land helfen und arbeitet dabei sowohl für die Politik als auch für die Öffentlichkeit.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Trotz der Preisschwankungen von XRP haben Nutzer auf XRP-Staking-Plattformen über 9.000 US-Dollar pro Tag verdient.

Mit Blick auf das Jahr 2026 zeigen die Kursentwicklung und die Marktstruktur von XRP positive Veränderungen im Kryptowährungsmarkt....

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Gelbes Edelmetall erstmals über 4.700 US-Dollar – Silberpreis ebenfalls mit Allzeithoch
20.01.2026

Ein neues Goldpreis-Rekordhoch: Das gelbe Edelmetall durchbricht eine historische Marke nach der anderen, der Silberpreis zieht mit....

DWN
Technologie
Technologie Energie in unsicheren Zeiten: Was tun, wenn der Blackout in Deutschland kommt?
20.01.2026

Ein Blackout trifft moderne Gesellschaften schneller, als viele glauben. Der Ausfall in Spanien und Portugal Anfang 2025 zeigt, wie rasch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen im Januar besser als erwartet
20.01.2026

Die ZEW-Konjunkturerwartungen steigen im Januar deutlich stärker als erwartet – ein Signal, das viele als Hoffnungsschimmer für die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Exporte in die USA fallen: Autoindustrie besonders betroffen – wo es Hoffnung gibt
20.01.2026

Deutschlands USA-Exporte geraten unter Druck: Zölle, politische Drohkulissen und neue Unsicherheit im transatlantischen Geschäft treffen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Umfrage: Materialmangel in deutscher Industrie geht zurück – doch Entwarnung bleibt riskant
20.01.2026

Die Materiallage in der deutschen Industrie wirkt deutlich stabiler als noch vor wenigen Monaten. Vor allem die Autoindustrie meldet...

DWN
Panorama
Panorama Verdi-Warnstreik bremst Pendler aus: Wirtschaft warnt vor Folgen
20.01.2026

Der Verdi-Streik trifft Autofahrer genau zum Start in den Tag: Warnstreiks im öffentlichen Dienst sorgen für Sperrungen, Umleitungen und...

DWN
Politik
Politik Putins Bündnisse zerfallen: Iran wird zum Schlüsselrisiko
20.01.2026

Russlands Außenpolitik steckt in der Krise: Verbündete im Nahen Osten und darüber hinaus zweifeln zunehmend am Wert der Partnerschaft...

DWN
Politik
Politik G7-Gipfelidee aus Paris: Macron regt G7-Treffen mit Russland und Dänemark an
20.01.2026

Emmanuel Macron sucht den direkten Draht zu Donald Trump – und setzt dabei auf private Nachrichten. Ein vorgeschlagenes G7-Treffen in...