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Fachkräfte für KMU: Die Bedeutung von Unternehmenskultur und Flexibilität im Recruiting

Fachkräfte für KMU zu gewinnen und langfristig zu binden, ist eine der größten Herausforderungen im Mittelstand. Nicole Bauer, Expertin für strategisches Recruiting, erklärt, wie KMU durch authentisches Employer Branding, digitale Plattformen und flexible Arbeitsmodelle junge Talente ansprechen und halten können. Ihre Tipps zeigen, wie mittelständische Unternehmen trotz begrenzter Ressourcen gegen die großen Konzerne bestehen können.
15.04.2025 07:00
Lesezeit: 3 min
Fachkräfte für KMU: Die Bedeutung von Unternehmenskultur und Flexibilität im Recruiting
Fachkräfte für KMU: Authentizität, Flexibilität und eine nachhaltige Unternehmenskultur sind der Schlüssel, um junge Talente langfristig zu gewinnen und zu binden. (Foto: iStock.com/stockfour)

DWN: Frau Bauer, warum tun sich KMU oft schwerer, junge Talente zu gewinnen und langfristig an sich zu binden, als große Konzerne?

Nicole Bauer: Große Konzerne haben meist einen Vorteil, weil sie bekannte Marken sind und mehr Ressourcen für Recruiting-Kampagnen und Employer Branding einsetzen können. Sie können Benefits und Gehälter bieten, die KMU oft nicht leisten können. Aber es gibt auch Stärken, die KMU nutzen können: eine persönliche Atmosphäre, schnellere Entscheidungswege und die Möglichkeit, direkt Verantwortung zu übernehmen. Diese Vorteile müssen KMU noch mehr kommunizieren als bisher, um sichtbar zu werden und es auch zu bleiben.

DWN: Sie nennen Sichtbarkeit. Welche Bedeutung haben digitale Plattformen dahingehend für das Recruiting von KMU?

Bauer: Digitale Plattformen sind unerlässlich, insbesondere, um junge Talente anzusprechen. Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube bieten mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit, ihre Werte und ihre Unternehmenskultur authentisch zu präsentieren. Wichtig ist, dass die Inhalte nicht künstlich wirken – kurze Videos, die echte Einblicke in den Arbeitsalltag geben, funktionieren am besten. Dabei können auch Mitarbeitende oder Azubis eine Rolle spielen, die ihre Perspektiven teilen und Fragen beantworten.

DWN: Nach der Ansprache ist die Bindung der Talente oft die nächste Herausforderung. Können KMU überhaupt Talente langfristig an sich binden?

Bauer: Ja, die Unternehmenskultur ist dabei der wichtigste Faktor. Teamgeist, Wertschätzung und transparente Kommunikation schaffen ein Umfeld, in dem sich Talente wohlfühlen und langfristig bleiben möchten. Es geht aber auch darum, dem Nachwuchs Perspektiven zu bieten, sei es durch Weiterbildungsangebote, Mentoring-Programme oder individuelle Entwicklungspläne. KMU haben hier oft einen Vorteil, weil sie direkter auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden eingehen können.

DWN: Sie sagen, dass Werte und Unternehmenskultur für junge Talente entscheidend sind. Welche Rolle spielt dabei Nachhaltigkeit?

Bauer: Nachhaltigkeit ist ein entscheidender Punkt für die Generation Z. Junge Fachkräfte möchten in einem Unternehmen arbeiten, das Verantwortung übernimmt – sei es im sozialen, ökologischen oder wirtschaftlichen Bereich. KMU sollten deshalb klar kommunizieren, wie sie zur Nachhaltigkeit beitragen, und dies in ihren Bewerbungsprozessen und ihrem Employer Branding auch sichtbar machen.

DWN: Nachwuchstalente, die oft Teil der Generation Z sind, pflegen einen hohen und schnellen Medienkonsum: Was bedeutet das für KMU, um Bewerbungen effizient zu bearbeiten?

Bauer: Schnelligkeit ist im Recruiting-Prozess ein entscheidender Erfolgsfaktor. KMU sollten klare Strukturen schaffen, um Bewerbungen effizient zu bearbeiten. Das kann durch den Einsatz moderner Tools wie KI-gestützte Bewerbungsplattformen oder standardisierte Prozesse erreicht werden. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Bewerbende zeitnah Feedback erhalten, um das Interesse zu halten und eine wertschätzende Kommunikation sicherzustellen.

DWN: Welche Fehler sehen Sie bei Stellenausschreibungen von KMU?

Bauer: Ein häufiger Fehler ist, dass die Anforderungen zu komplex und abschreckend formuliert werden. Stellenausschreibungen sollten klar und auf das Wesentliche fokussiert sein. Ebenso sollten sie nicht nur Fakten wie Gehalt und Arbeitszeiten nennen, sondern auch die kulturellen Vorteile des Unternehmens hervorheben. Junge Talente möchten wissen, wie ein Unternehmen tickt und was sie erwarten können.

DWN: Wenn wir von Arbeitszeiten sprechen, impliziert das auch New-Work-Modelle wie Home Office, remotes Arbeiten oder Teilzeit-Angebote. Wie wichtig ist die Flexibilität von KMU?

Bauer: Flexibilität gehört zu den größten Erwartungen der Generation Z. Hybride Arbeitsmodelle oder die Möglichkeit, temporär aus dem Ausland zu arbeiten, sind für viele junge Talente entscheidend. KMU können hier punkten, weil sie oft weniger starre Strukturen haben als Großkonzerne. Wichtig ist, diese Flexibilität klar zu kommunizieren, um als moderner und attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.

DWN: Zum Abschluss: Was ist Ihr wichtigster Ratschlag für KMU, um Fachkräfte langfristig zu binden?

Bauer: Authentizität ist der Schlüssel. KMU müssen nicht perfekt sein, aber sie sollten ehrlich und konsistent kommunizieren, wofür sie stehen. Eine transparente Unternehmenskultur, die gelebte Werte zeigt, schafft Vertrauen und Loyalität. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, gehört und geschätzt zu werden, bleiben sie auch in schwierigen Zeiten loyal.

DWN: Sehr geehrte Frau Bauer, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Nicole Bauer ist Geschäftsführerin von Talentscout Consulting GmbH und Expertin für strategisches Recruiting. Sie berät mittelständische Unternehmen bei der Optimierung von Bewerbungsprozessen, dem Einsatz digitaler Tools und der Entwicklung nachhaltiger Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung. Ihr Fokus liegt darauf, Unternehmen im Wettbewerb um Talente konkurrenzfähig zu machen.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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