Wirtschaft

Mercosur-Abkommen: EU-Kommission erzielt Durchbruch im Handelsdeal mit Südamerika

Zwischen der Europäischen Union und südamerikanischen Staaten soll eine der größten Freihandelszonen weltweit entstehen. Der Abkommenstext ist finalisiert, doch Widerstände gegenüber dem Mercosur-Abkommen bleiben.
06.12.2024 15:36
Lesezeit: 2 min
Mercosur-Abkommen: EU-Kommission erzielt Durchbruch im Handelsdeal mit Südamerika
Der argentinische Präsident Javier Milei (links), der uruguayische Präsident Luis Lacalle Pou, die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen, der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva und der paraguayische Präsident Santiago Pena (rechts) posieren für ein Foto während des Mercosur-Gipfels (Foto: dpa). Foto: Matilde Campodonico

Das Mercosur-Abkommen: Gegen alle Widerstände

Die EU-Kommission hat trotz anhaltender Kritik aus Ländern wie Frankreich, Italien und Polen die Verhandlungen über ein umfassendes Freihandelsabkommen mit dem Mercosur-Staatenbund abgeschlossen. Dies verkündete Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach einem abschließenden Treffen mit führenden Vertretern aus Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Die Verhandlungen dauerten fast 25 Jahre.

"Dieses Handelsabkommen ist ein Gewinn für Europa", erklärte von der Leyen in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Es schaffe Arbeitsplätze, verbessere die Auswahl für Verbraucher und fördere den Wohlstand. "Unternehmen profitieren von niedrigeren Zöllen und einfacheren Handelsprozessen", fügte sie hinzu. Auch die Mercosur-Staaten betonten die Vorteile des Abkommens für ihre Handelsbeziehungen. "Es ist kein Allheilmittel, aber eine Gelegenheit", erklärte Uruguays Präsident Luis Lacalle Pou.

Bundesregierung will Abstimmung erzwingen

Die Bundesregierung drängte zuletzt massiv darauf, die Verhandlungen abzuschließen und das Abkommen den EU-Staaten zur Abstimmung vorzulegen. "Nach über 20 Jahren Verhandlungen ist die politische Einigung zwischen der EU und den Mercosur-Staaten erreicht – eine entscheidende Hürde ist überwunden", schrieb Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf X. "Damit entsteht für mehr als 700 Millionen Menschen ein freier Markt mit mehr Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit."

Deutschland hofft, dass der handelspolitische Teil des Mercosur-Abkommens im EU-Rat per Mehrheitsentscheid angenommen wird. Ein Veto wäre dann nur noch bei Vereinbarungen zum politischen Dialog und zur Kooperation möglich. Doch dieses Vorgehen birgt rechtliche Risiken.

Das Mercosur-Abkommen würde eine der größten Freihandelszonen weltweit schaffen. Ziel ist vor allem der Abbau von Zöllen, um den Handel zu fördern.

Autobauer sehen große Chancen bei Mercosur-Abkommen

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) begrüßte das Handelsabkommen als große Chance für Unternehmen. Es könne dringend benötigte Wachstumsimpulse für die deutsche und europäische Wirtschaft bringen. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer nannte das Mercosur-Abkommen einen "Meilenstein für die EU-Handelspolitik". Besonders die deutsche Automobilindustrie sieht erhebliches Potenzial, ihre Exporte nach Südamerika auszubauen. Wegen hoher Zölle wurden 2023 nur 20.700 Pkw aus Deutschland nach Argentinien und Brasilien exportiert.

Handelspolitiker bewerten das Abkommen zudem als Signal an den künftigen US-Präsidenten Donald Trump und als wichtigen Schritt im Wettbewerb mit China. Trump solle erkennen, dass Freihandelsabkommen der Wirtschaft langfristig mehr nutzen als protektionistische Maßnahmen wie Zölle. China hingegen könnte von einem Scheitern des Mercosur-Abkommens profitieren, da sich die südamerikanischen Staaten dann stärker an Peking orientieren würden.

Fortschritte trotz langer Verzögerungen

Eine politische Grundsatzeinigung über die Freihandelszone zwischen der EU und Mercosur wurde bereits 2019 erreicht. Dennoch blockierten Länder wie Frankreich, Polen und Österreich den Fortschritt, sodass Nachverhandlungen erforderlich wurden. Kritiker warnen vor negativen Folgen des Mercosur-Abkommens, darunter ein verstärkter Preisdruck auf europäische Landwirte und die Abholzung des Regenwaldes in Südamerika. "Das Abkommen schafft wenige Gewinner, aber viele Verlierer. Zu den Profiteuren zählen Chemie-, Agrar- und Ölkonzerne, die durch Zollsenkungen enorme Gewinne erzielen", erklärte Harald Gross von Greenpeace. "Die Verlierer sind das Klima – und damit wir alle."

Die EU-Kommission und die Bundesregierung betonen dagegen die wirtschaftlichen Vorteile des Abkommens. Produkte, die in die EU gelangen, müssten weiterhin den europäischen Standards entsprechen. Unternehmen in der EU könnten jährlich mehrere Milliarden Euro an Zöllen einsparen. Bereits 2023 exportierte die EU Waren im Wert von 56 Milliarden Euro in die Mercosur-Staaten, während Importe aus diesen Ländern ein Volumen von 54 Milliarden Euro erreichten. Nach Angaben der EU könnten 60.500 Unternehmen von dem Mercosur-Abkommen profitieren.

Abstimmungsprozess bei Mercosur-Handelsabkommen noch offen

Nach Abschluss der Verhandlungen müssen die Abkommenstexte juristisch geprüft und in die Amtssprachen übersetzt werden. Die EU-Kommission wird entscheiden, ob das Mercosur-Abkommen als Ganzes oder in zwei Teile gesplittet den Mitgliedstaaten zur Abstimmung vorgelegt wird. In jedem Fall muss das Europäische Parlament zustimmen. Eine Entscheidung wird frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2024 erwartet.

Die Umsetzung des Mercosur-Abkommens gilt als schwierig, falls nationale Parlamente zustimmen müssen. Insbesondere in Frankreich gibt es massiven Widerstand, auch wegen der Proteste von Landwirten. Präsident Emmanuel Macron bezeichnete das Abkommen in seiner jetzigen Form als "inakzeptabel". Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni erklärte ebenfalls, die Voraussetzungen seien nicht gegeben. In Deutschland hingegen unterstützen Politiker von SPD, CDU/CSU und FDP das Handelsabkommen. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock (beide Grüne) sprechen sich für einen Abschluss aus.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Panorama
Panorama Weihnachtsmarkt-Umfrage: Was für Besucher wirklich wichtig ist
29.11.2025

Eine aktuelle Weihnachtsmarkt-Umfrage offenbart deutliche Verunsicherung in der Bevölkerung: Trotz festlicher Stimmung bleiben Sorgen rund...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise: Warum der Preissturz jetzt ganze Volkswirtschaften umkrempelt
29.11.2025

Der weltweite Gasmarkt kippt von Knappheit in Überfluss. Während Unternehmen jahrelang unter der Energiekrise litten, setzt eine massive...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Handelsstreit trifft große Volkswirtschaften: Zölle belasten Deutschland, China und die USA
29.11.2025

Der globale Handelskrieg belastet die größten Volkswirtschaften und sorgt für wachsende Unsicherheit bei Industrie und Konsum. Kann...

DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie im Fokus: Googles TPU-Pläne verschärfen den KI-Wettbewerb
28.11.2025

Der Wettbewerb um die leistungsfähigsten KI-Chips gewinnt rasant an Dynamik, da große Technologiekonzerne ihre Strategien neu ausrichten...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Start-up Etalytics: KI als digitaler Dirigent für die Industrieenergie
28.11.2025

In Deutschlands Fabriken verpuffen gewaltige Mengen Energie. Mit einer eigenen KI, die das System kontrolliert, gelingen Etalytics...

DWN
Finanzen
Finanzen Bullenmarkt im Blick: Steht der globale Aufwärtstrend vor einer Wende?
28.11.2025

Die globalen Aktienmärkte erleben nach Jahren starken Wachstums wieder mehr Unsicherheit und kritischere Kursbewegungen. Doch woran lässt...

DWN
Politik
Politik Milliarden-Etat für 2026: Bundestag stemmt Rekordhaushalt
28.11.2025

Der Bundestag hat den Haushalt für 2026 verabschiedet – mit Schulden auf einem Niveau, das zuletzt nur während der Corona-Pandemie...

DWN
Politik
Politik Zu wenige Fachkräfte, zu viele Arbeitslose: Deutschlands paradoxer Arbeitsmarkt
28.11.2025

Deutschland steuert auf fast drei Millionen Arbeitslose zu, doch das eigentliche Problem liegt laut Bundesagentur-Chefin Andrea Nahles...