Finanzen

Antizyklisches Investieren: Lässt sich damit der Markt schlagen?

Wer antizyklisch investiert, macht das Gegenteil dessen, was die meisten Anleger tun. Ist dabei eine höhere Rendite zu erwarten als bei einem breiten Marktportfolio?
Autor
23.12.2024 06:02
Lesezeit: 3 min
Antizyklisches Investieren: Lässt sich damit der Markt schlagen?
Die antizyklische Strategie setzt auf das Gegenteil des Herdenverhaltens, aber stößt bei Experten auf Skepsis (Foto: iStock/Vasilii Binzari). Foto: Vasilii Binzari

"Kaufen, wenn die Kanonen donnern, und verkaufen, wenn die Violinen spielen" – dieses Sprichwort bringt antizyklisches Investieren auf den Punkt. Antizyklische Investoren, auch kontrarische Investoren genannt, setzen gezielt auf Wertpapiere, die gerade unbeliebt sind oder deren Kurse besonders kräftig gefallen sind.

Die Idee dahinter: Märkte neigen zu Übertreibungen – nach unten wie nach oben –, etwa weil Anleger Herdenverhalten an den Tag legen und die Kurse im Vergleich zu fundamentalen Kennzahlen zu sehr nach oben oder unten bieten.

Antizyklisches Investieren: Experten sind kritisch

Doch obwohl die Theorie plausibel klingen mag, sehen Experten antizyklische Strategien skeptisch. Etwa hält der Wirtschaftsmathematiker Dietmar Hillebrand ein breites Marktportfolio für die meisten Anleger für sinnvoller, "da es Diversifikation und marktgerechte Renditen bietet", wie der Professor der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin gegenüber DWN erklärt.

Auch der Vermögensberater Gerd Kommer rät in seinem Buch "Souverän Investieren mit Indexfonds und ETFs" von aktiven Anlagestrategien wie dem antizyklischen Investieren ab, die auf Basis von Prognosen versuchen, besser abzuschneiden als der breite Markt.

Langfristig schafften es selbst die meisten professionellen Fondsmanager nicht, einen Vergleichsindex zu schlagen, und bei den wenigen Gewinnern lasse sich bloß schwer feststellen, ob es sich um Zufall oder Können gehandelt habe, erklärt Kommer.

Hillebrand analysierte in einer Untersuchung für den Finanzdienstleister Growney zwei antizyklische Strategien: eine Anti-Momentum- und eine Value-Strategie. Bei der Anti-Momentum-Strategie kauft ein Anleger die Aktien, die in den vergangenen 12 Monaten am kräftigsten gefallen sind, und verkauft die Top-Performer. Eine solche Strategie hätte zwischen 1926 und 2020 auf dem US-Aktienmarkt deutlich niedrigere Renditen eingefahren als ein breites Marktportfolio.

Auch die Value-Strategie konnte den Markt nicht outperformen, aber lief in dem Zeitraum besser als Anti-Momentum. Value-Anleger kaufen günstige Aktien, etwa nach Kurs-Gewinn- oder Kurs-Buchwert-Verhältnis.

Gründe für die Outperformance von Value

Gleichwohl sind sich Experten einig, dass Value-Aktien historisch in vielen Ländern höhere Renditen geliefert haben als Growth-Aktien. Das berichten etwa US-Forscher in einer Studie aus dem Jahr 2017. Growth-Titel sind im Gegensatz zu Value-Aktien eher teuer; es handelt sich in der Regel um große und bekannte Unternehmen, die in der jüngeren Vergangenheit hohe Renditen erzielt haben (auch Glamour-Aktien genannt).

Allerdings führen die US-Forscher diese Outperformance nicht auf die antizyklische Strategie zurück, sondern auf die Illiquidität der Value-Aktien. Die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufspreis an der Börse (auch Geld-Brief-Spanne genannt) sei bei Value-Aktien höher als bei Growth-Titeln. Die höheren Renditen seien daher “eine Entschädigung, die der Anleger für die Akzeptanz der Illiquidität erhält”.

Auch Dietmar Hillebrand denkt, dass antizyklische Anleger eine etwaige Überrendite nicht umsonst bekommen. Die Value-Strategie sei zwar phasenweise besser gelaufen als der breite Markt. "Anleger sind damit aber auch ein erhöhtes Risiko eingegangen", erklärt er.

Dennoch ist Hillebrand nicht kategorisch gegen ein antizyklisches Vorgehen. "Antizyklisches Investieren im Rahmen von Rebalancing ist ein bewährter Ansatz, um langfristig Mehrwerte zu erzielen und das Risiko einer Geldanlage zu verringern", erklärt er.

Wie könnte ein antizyklisches Portfolio aufgebaut sein?

Beim Rebalancing verkaufen Anleger Wertpapiere, die in der Vergangenheit besonders gut gelaufen sind, und kaufen schwächer laufende Vermögenswerte nach. Laut Studien kann das eine langfristige Mehrrendite von bis zu 0,5 Prozentpunkten pro Jahr bringen, wenn man Rebalancing innerhalb einer Anlageklasse betreibt, etwa zwischen zwei Aktienfonds. Bei Rebalancing zwischen mehreren Anlageklassen, etwa zwischen einem Aktien- und einem Anleihenfonds, kann Rebalancing die kursschwankungsbereinigte Performance verbessern.

Anleger, die nicht nur mit Rebalancing antizyklisch investieren möchten, können derweil auf eine Core-Satellite-Strategie zurückgreifen. Hier besteht der Großteil des Portfolios aus einem günstigen Welt-ETF. Daneben gibt es einen Satelliten, der aus mehreren Faktor-ETFs besteht, worunter auch ein Value-ETF sein kann.

Etwa schlug der Finanzökonom Olaf Stotz gegenüber DWN ein Portfolio aus vier ETFs vor. Das größte Gewicht hat mit 40 Prozent ein MSCI World-ETF. Dazu kommen drei ETFs auf die Faktoren Quality, Value und Size mit je 20 Prozent Anteil.

Etwa führt ishares thesaurierende ETFs auf die Indizes MSCI World Value (ISIN: IE00BP3QZB59), MSCI World Quality (IE00BP3QZ601) und MSCI World Small Cap (IE00BF4RFH31). Zwei davon kosten 0,25 Prozent pro Jahr; der Smallcap-ETF ist etwas teurer (TER von 0,35 Prozent).

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Rechnungen digitalisieren: Wie Unternehmen Liquidität und Cashflow smarter steuern

Umsatz bedeutet noch keine gesicherte Liquidität. Zwischen der erbrachten Leistung und dem tatsächlichen Eingang des Geldes können...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Elias Huber

Elias Huber arbeitet als freier Journalist und Honorar-Finanzanlagenberater. Der studierte Volkswirt schreibt vor allem über die Themen Wirtschaft und Geldanlage. 

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: SpaceX verzeichnet Rekordtief; Aktien legen bei sinkendem Ölpreis leicht zu
24.07.2026

Ein turbulenter Handelstag an den US-Börsen bringt überraschende Wendungen und herbe Verluste für ein bekanntes Imperium.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Digitale Barrieren als Geschäftsrisiko: Wie Accessiway den klassischen Audit-Zyklus ergänzen will
24.07.2026

Trotz gesetzlicher Vorgaben bleibt digitale Barrierefreiheit für viele Anbieter ein ungelöstes Problem. Accessiway will mit einer neuen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Dynastie verdient Milliarden mit der Aufrüstung Europas
24.07.2026

Die zurückhaltenden Eigentümer des Panzerherstellers KNDS stammen aus Familien, die den deutschen Unternehmenszweig über Jahrzehnte...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenz angemeldet: Der tiefe Fall des Batterieherstellers Varta
24.07.2026

Das Traditionsunternehmen Varta steht vor dem Trümmerhaufen seiner ambitionierten Expansionspläne: Nach dem Verlust wichtiger Großkunden...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft DIW-Studie warnt: AfD-Politik würde Bürger in Sachsen-Anhalt teuer zu stehen kommen
24.07.2026

Eine Umsetzung der Wirtschaftspolitik der AfD hätte für die Menschen in Sachsen-Anhalt gravierende finanzielle Einbußen zur Folge. Zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Griechenland blockiert EU-Sanktionspaket gegen Russland: Interessen eines Milliardärs stehen auf dem Spiel
24.07.2026

Es ist ein Streit um das 21. Sanktionspaket gegen Russland entbrannt. Griechenland protestiert gegen das geplante EU-Verbot für den...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögenssteuer: Als die Mittelschicht noch Häuser kaufte und die Reichen höhere Steuern zahlten
24.07.2026

Deutschland erlebt die größte Vermögensanhäufung seiner Geschichte – und gleichzeitig wird Eigentum für viele Menschen immer...

DWN
Politik
Politik Bundesverfassungsgericht zur Einreise von Afghanen: Karlsruhe kippt pauschalen Aufnahmestopp
24.07.2026

Nach dem Machtwechsel der Taliban in Afghanistan hatte Deutschland die bestehenden Aufnahmeprogramme für gefährdete Personen...