Politik

US-Industriepolitik: Warum Biden und Trump unterschiedliche Wege zur Industrieankurbelung wählen

Die US-Industriepolitik steht im Fokus der wirtschaftlichen Debatten zwischen Trump und Biden. Während die Biden-Regierung mit Industriesubventionen in den USA versucht, die Produktion zu fördern, bevorzugt Trump Zölle. Doch was bedeutet das für die US-Wirtschaft und könnte Trump langfristig erfolgreicher sein als Biden?
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avtor
02.01.2025 16:02
Lesezeit: 3 min
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Die Wirtschaftsentwicklung in den USA hat in den letzten zehn Jahren die der meisten anderen hochentwickelten Volkswirtschaften deutlich übertroffen. Wie viele – darunter auch der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank und Ex-Ministerpräsident Italiens Mario Draghi in seinem einflussreichen Bericht über die europäische Wettbewerbsfähigkeit – erkannt haben, verdanken die USA ihre „außergewöhnliche“ Wirtschaftsleistung vor allem der Dominanz großer US-Unternehmen in Hightech-Sektoren. Das verarbeitende Gewerbe in den USA jedoch tut sich schwer.

Die grundlegenden Fakten sind unumstritten. Obwohl die US-Wirtschaft in den letzten zehn Jahren ein gesundes Wachstum verzeichnete, ist die US-Industrieproduktion (bestehend aus dem verarbeitenden und dem Baugewerbe) nicht gestiegen: Der Industrieproduktionsindex liegt heute auf fast genau demselben Niveau – etwa 100 – wie 2017 und sogar 2014.

Die Regierung von US-Präsident Joe Biden hat versucht, dies zu ändern, indem sie umfangreiche Subventionsprogramme einführte, darunter den Inflation Reduction Act (IRA) und den CHIPS and Science Act, die beide 2022 verabschiedet wurden. Seitdem ist die Bautätigkeit, insbesondere im Industriebau, sprunghaft angestiegen, und die Ausgaben für den Nichtwohnungsbau erreichten 2023 ein Rekordhoch. Daten der OECD zeigen, dass die Bautätigkeit in den USA seit 2015 um etwa 80 Prozent zugenommen hat, in der EU dagegen um nicht einmal 20 Prozent.

Derartige Zahlen stehen in der Regel im Mittelpunkt der offiziellen Bewertungen des IRA und des CHIPS Act seitens der Biden-Regierung. So wird zum Beispiel darauf hingewiesen, dass der Nichtwohnungsbau heute um 30 Prozent höher liegt als vor der Pandemie. Die Produktion des verarbeitenden Gewerbes und die Beschäftigung werden jedoch kaum erwähnt.

Der Grund dafür ist unschwer zu erkennen: Die Produktion des verarbeitenden Gewerbes in den USA stagniert seit 2015, während sie in der Eurozone um (zugegebenermaßen winzige) 4 Prozent und in der Europäischen Union insgesamt um 8 Prozent gestiegen ist. Ebenso hat die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe seit dem Ende des auf die Pandemie folgenden Aufschwungs Mitte 2022 nicht mehr zugenommen, und ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung ist weiter gesunken. Während Subventionen für das verarbeitende Gewerbe von Hunderten von Milliarden Dollar also einen Bauboom auslösen können – vor allem, wenn sie den Bau neuer Anlagen belohnen, wie es bei den meisten Subventionsprogrammen des IRA und des CHIPS Act der Fall ist –, führen sie nicht unbedingt zu einem Wiederaufschwung des verarbeitenden Gewerbes.

Man könnte versucht sein, zu argumentieren, dass ein sprunghafter Anstieg der Bautätigkeit zu einer höheren Produktion führen wird; es dauere nur eine Weile. Doch auf frühere Anstiege der Bautätigkeit in den USA, wie etwa unmittelbar vor der Finanzkrise 2007/08 und im Jahr 2018, folgte kein starkes Wachstum der Industrieproduktion. Wäre es dieses Mal anders, müsste die Produktion bereits im Steigen begriffen sein. Die Tatsache, dass ein Großteil der neuen Investitionen in den letzten zwei Jahren in Rechenzentren und nicht in Fabriken geflossen ist, verstärkt den Eindruck, dass dies nicht zu einer Renaissance des verarbeitenden Gewerbes führen wird.

Das Scheitern der Subventionsprogramme der Biden-Regierung dabei, das verarbeitende Gewerbe auch nur ansatzweise anzukurbeln, könnte eine Erklärung dafür sein, warum so viele US-Arbeitnehmer bei den Präsidentschaftswahlen im letzten Monat Donald Trump und nicht Vizepräsidentin Kamala Harris ihre Stimme gaben. In jedem Fall sollte es all jenen als Warnung dienen, die glauben, dass andere Volkswirtschaften wie etwa die EU dem Beispiel der USA folgen und eine aktivere Industriepolitik betreiben sollten.

Gegenwärtig unterstützen die meisten Industriesubventionen in Europa – wie jene in den USA – den Bau neuer Fabriken. Wenn jedoch die Produktionskosten zu hoch sind, um den Bau einer Fabrik zu rechtfertigen, wird die Subventionierung ihres Baus nicht zu einer höheren Industrieproduktion führen.

Könnte Trump bei der Ankurbelung der US-Produktion erfolgreicher sein als Biden? Es ist zwar unklar, ob er sein Versprechen, den IRA an seinem ersten Tag im Amt abzuschaffen, einhalten wird – nicht zuletzt, weil viele IRA-Subventionen an republikanisch geführte Bundesstaaten gehen –, aber es besteht kein Zweifel, dass er Zölle Subventionen vorzieht. Das Problem dabei ist (wie Ökonomen gerne betonen), dass ein Zoll auf eine Subventionierung der Produktion und eine Besteuerung des Verbrauchs hinausläuft.

Wenn Trump die von ihm versprochenen umfassenden Zölle erhebt, würde er den größten Teil der US-Produktion subventionieren – weit mehr als Biden, dessen Subventionen sich auf einige ausgewählte Sektoren konzentrierten. Aber irgendjemand muss für diese Produktionssubventionen bezahlen. Die Befürworter von Zöllen behaupten, dass ausländische Lieferanten die Rechnung bezahlen werden, weil sie gezwungen seien, ihre Preise zu senken. Doch die Last der Zölle, die Trump während seiner ersten Amtszeit eingeführt hat, wurde größtenteils von den amerikanischen Verbrauchern getragen, die gezwungen waren, höhere Preise für Importwaren zu zahlen. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

Es ist unwahrscheinlich, dass Trump bei der Wiederbelebung der US-Industrie erfolgreicher sein wird als Biden. Versuche der EU, Bidens oder Trumps Ansatz nachzuahmen, dürften ebenfalls scheitern. Es ist in Europa nicht anders als in den USA ein aussichtsloses Unterfangen, sich dem Langzeittrend des Niedergangs des produzierenden Gewerbes zu widersetzen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Copyright: Project Syndicate, 2024.

www.project-syndicate.org

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Daniel Gros

                                                                            ***

Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

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