Panorama

Notopfer Berlin: Historische Steuermarke als Symbol für Solidarität und Wiederaufbau

Das „Notopfer Berlin“ half Westberlin nach dem Zweiten Weltkrieg, wirtschaftlich zu überleben. Die blaue Steuermarke brachte Milliarden ein und wurde zum Vorläufer späterer Sonderabgaben wie dem Solidaritätszuschlag. Heute sind die Marken bei Sammlern gefragt, während ihr ursprünglicher Zweck weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Eine Idee, um auch künftig Mittel freizusetzen?
05.01.2025 16:03
Lesezeit: 2 min
Notopfer Berlin: Historische Steuermarke als Symbol für Solidarität und Wiederaufbau
Die blaue Steuermarke "Notopfer Berlin" unterstützte Westberlin und ist heute ein Sammlerstück. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Zwei Pfennig entsprachen einst nur einem Cent. Doch selbst kleine Beträge summieren sich. Ab dem 1. Januar 1950 musste auf nahezu allen Briefen und Postkarten zusätzlich zum Porto die blaue Steuermarke „Notopfer Berlin“ für zwei Pfennig angebracht werden. Da Post damals ähnlich alltäglich war wie heute WhatsApp oder SMS, kamen beträchtliche Summen zusammen. Die Marke erreichte laut der Museumsstiftung Post und Telekommunikation eine beeindruckende Auflage von mindestens 170 Milliarden Stück.

75 Jahre später ist das „Notopfer Berlin“ fast in Vergessenheit geraten. Damals jedoch war diese Sondersteuer eine entscheidende Stütze für Westberlin. Rückblickend könnte sie als Vorläufer späterer Abgaben im Nachkriegsdeutschland gesehen werden – darunter die „Ergänzungsabgabe“ der 1950er-Jahre, der „Konjunkturzuschlag“ oder die „Stabilitätsabgabe“ der 1970er-Jahre. Nicht zu vergessen: der Solidaritätszuschlag. Ähnlich wie dieser blieb das „Notopfer Berlin“ länger bestehen, als ursprünglich geplant.

Ursprung in der Berlin-Blockade

Die Einführung der Abgabe begann 1948 zur Finanzierung der Berliner Luftbrücke während der Blockade durch die Sowjetunion. „Die Stadt war zerstört, die Einwohner hungerten und waren vom Umland abgeschnitten“, erklärt Hermann Wentker vom Institut für Zeitgeschichte in Berlin. „Für die notwendigen Importe nach Berlin war diese Finanzierung essenziell.“

Das „Notopfer Berlin“ bestand aus zwei Teilen: einem Einkommensteuerzuschlag und der sichtbaren blauen Marke für Postsendungen. Letztere wurde Ende 1948 in der britischen und amerikanischen Zone eingeführt und teilweise auch in der französischen Zone genutzt. Ab Januar 1950 galt das Gesetz deutschlandweit, obwohl die Blockade 1949 beendet worden war.

Finanzielle Hilfe für den Bund

Für die neue Bundesrepublik stellte das „Notopfer Berlin“ eine äußerst lukrative Einnahmequelle dar. „Die Notlage Berlins bestand weiterhin“, erklärt Wentker. Zudem verfügte der Bund über begrenzte eigene Mittel, da die Aufteilung von Einkommen- und Körperschaftssteuern zwischen Bund und Ländern erst 1955 geregelt wurde. Daher griff man gern auf diese Einnahmequelle zurück.

Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums stiegen die Einnahmen von 29 Millionen Mark (etwa 15 Millionen Euro) im Jahr 1948 auf mehr als eine Milliarde Mark in den Jahren 1954 bis 1956. Bis zur Abschaffung Ende 1957 erzielte das „Notopfer Berlin“ knapp 7,3 Milliarden Mark (etwa 3,7 Milliarden Euro). Selbst danach flossen durch Prüfungen und Verfahren weitere Beträge in die Kasse.

Geplante Befristung von drei Monaten

Bereits damals wurde Kritik laut, wie man sie heute vom Solidaritätszuschlag kennt: zu hoch und zu lang. „Als das Notopfer im November 1948 eingeführt wurde, war es zunächst auf drei Monate beschränkt“, schrieb der Wirtschaftswissenschaftler Willi Albers. „Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, und die Abgabe existiert noch immer.“

Trotzdem gab es wenig politischen Widerstand in der Ära Adenauer. Die westdeutschen Parteien waren sich einig, Westberlin inmitten der DDR zu halten.

Belastung für Arbeitnehmer

Die Kommunistische Partei Deutschlands kritisierte die Zwangsabgabe vehement. „Die Lohn- und Gehaltsempfänger werden stark belastet, um den Kalten Krieg zu finanzieren“, sagte KPD-Abgeordneter Friedrich Rische 1949 im Parlament. Ostberlin missfiel die Abgabe ebenfalls. Briefe mit der Steuermarke wurden zurückgesandt, versehen mit dem Vermerk „Steuermarke unzulässig“.

Heute erfreut sich die Marke bei Sammlern großer Beliebtheit. Laut den Jungen Briefmarkenfreunden Berlin und Brandenburg sind Rücksendevermerke besonders gefragt. Seltene Exemplare der 2-Pfennig-Marke erzielen online Preise von über 1.000 Euro.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Pleitewelle überrollt Deutschland: Immer mehr Insolvenzen – Standort zu teuer
16.03.2026

Immer mehr Betriebe wanken in die Pleite, wie der IWH-Insolvenztrend von Februar bestätigt. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht...

DWN
Panorama
Panorama Forbes-Liste der reichsten Menschen: Elon Musk kann erster Billionär der Welt werden
15.03.2026

In der aktuellen Forbes-Liste der reichsten Menschen liegt Tesla-Chef Elon Musk quasi uneinholbar in Front. Bei einem erfolgreichen...

DWN
Politik
Politik Steuerrecht: Ehegattensplitting vorm Aus? Mehr Arbeitszeit für Frauen nicht lukrativ
15.03.2026

Für viele Frauen lohnt es sich finanziell nicht, in den Job zurückzukehren oder ihre Teilzeit auszubauen, das Ehegattensplitting entpuppt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Industrial Accelerator Act: EU-Kommission stärkt Industriepolitik – Anteil am BIP soll auf 20 Prozent steigen
15.03.2026

Die Europäische Kommission will mit dem Industrial Accelerator Act die Industriepolitik der EU neu ausrichten und die Produktion in Europa...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilien-Prognose 2026: Bremst das Baukreditgeschäft alles aus?
15.03.2026

Nach einem hoffnungsvollen 2025 wird die Preisentwicklung für Immobilien laut Greis-Kaufpreisindex im laufenden Jahr 2026 wieder...

DWN
Finanzen
Finanzen Mazda 6e im Vergleich: Wie wettbewerbsfähig ist das Elektromodell?
15.03.2026

Die neue Mazda 6e entsteht auf chinesischer Plattform und markiert einen strategischen Neustart für die Baureihe Mazda6. Kann das...

DWN
Technologie
Technologie Immer mehr US-Forschende zieht es nach Deutschland
15.03.2026

Aus politischen Gründen geht das Weiße Haus gegen Elite-Unis vor. Für Wissenschaftler und Studierende aus den USA wird Deutschland daher...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI trifft auf SaaS: Steht die Softwarebranche vor einem Strukturwandel?
15.03.2026

Künstliche Intelligenz verändert die wirtschaftliche Logik der Softwarebranche und setzt das klassische SaaS-Modell unter Druck. Steht...