Panorama

Nach Flugzugabsturz: Kremlchef Putin entschuldigt sich

Nach dem Absturz eines aserbaidschanischen Flugzeugs sah sich Moskau Schuldvorwürfen ausgesetzt. Nun ruft Kremlchef Putin seinen aserbaidschanischen Kollegen an - mit einer Erklärung.
28.12.2024 17:14
Aktualisiert: 28.12.2024 17:14
Lesezeit: 3 min
Nach Flugzugabsturz: Kremlchef Putin entschuldigt sich
Dieses am 27.12.2024 vom Pressedienst des kasachischen Katastrophenschutzministeriums zu Verfügung gestellte Videostandbild zeigt die Bruchlandung der Embraer 190 der Azerbaijan Airlines in der Nähe des Flughafens von Aktau. (Foto: dpa) Foto: Uncredited

Nach dem Absturz der Passagiermaschine in Kasachstan mit 38 Toten hat sich Kremlchef Wladimir Putin bei dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev für den Vorfall entschuldigt. "Wladimir Putin entschuldigte sich dafür, dass sich der tragische Vorfall im russischen Luftraum ereignete", teilte der Kreml in Moskau nach einem Telefonat der beiden mit.

Demnach erklärte Putin auch, dass zu dem Zeitpunkt die russische Flugabwehr im Einsatz gegen ukrainische Drohnenangriffe gewesen sei. Die aus Baku kommende Maschine hatte in Grosny, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus, landen sollen. Dass die russische Flugabwehr das Flugzeug mit einer Rakete getroffen habe, sagte Putin in dieser Deutlichkeit allerdings nicht.

Putin "sprach den Familien der Opfer erneut sein tiefes und aufrichtiges Beileid aus und wünschte den Verletzten eine baldige Genesung", teilte der Kreml weiter mit. In dem Gespräch sei festgestellt worden, dass das aserbaidschanische Passagierflugzeug wiederholt versuchte, auf dem Flughafen von Grosny zu landen. "Gleichzeitig wurden Grosny, Mosdok und Wladikawkas von ukrainischen Kampfdrohnen angegriffen, wobei die russische Luftabwehr diese Angriffe abwehrte", teilte der Kreml mit.

Die Maschine der Fluggesellschaft Azerbaijan Airlines mit 67 Menschen an Bord flog trotz ihrer Schäden über das Kaspische Meer. Bei der versuchten Landung in Aktau in Kasachstan stürzte sie ab. 29 Menschen überlebten, die auch wichtige Zeugen sind.

Putin telefonierte wenig später auch mit dem kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew. Die beiden Präsidenten hätten sich angesichts russischer und kasachischer Todesopfer gegenseitig ihr Beileid ausgesprochen, teilte der Pressedienst des Kreml mit. Beide Seiten erwarten demnach eine "objektive und transparente" Untersuchung.

Auch Selenskyj spricht mit Aliyev

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb seinerseits onlinw, er habe ebenfalls mit Aliyev gesprochen und sein Beileid ausgedrückt. Russland müsse Erklärungen geben und damit aufhören, Desinformationen zu verbreiten. Fotos und Videos zeigten eindeutig den Schaden am Flugzeugrumpf, der stark darauf hindeute, dass die Maschine von Splittern einer Flugabwehrrakete getroffen worden sei.

In der Mitteilung des Kreml hieß es, russische Ermittler hätten ein Verfahren wegen Verstoßes gegen die Regeln für die Sicherheit des Flugverkehrs eingeleitet. "Die ersten Ermittlungsmaßnahmen sind im Gange, und es werden zivile und militärische Spezialisten befragt."

EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas forderte etwa zeitgleich mit den Äußerungen aus Moskau eine rasche, unabhängige internationale Untersuchung. Berichte, dass russisches Feuer das Flugzeug der Azerbaijan Airlines verursacht haben könnte, erinnerten stark an den Flug MH17, schrieb die EU-Außenbeauftragte. Die Boeing der Malaysia Airlines wurde am 17. Juli 2014 über dem Donbass-Gebiet von einer russischen Luftabwehrrakete abgeschossen. Alle 298 Menschen an Bord starben.

Ermittler aus Aserbaidschan in Russland

Laut Kreml sind zwei Mitarbeiter der aserbaidschanischen Generalstaatsanwaltschaft in Grosny, wo sie mit Vertretern der russischen Seite zusammenarbeiteten. Auch an der Absturzstelle in der Nähe von Aktau gingen die Arbeiten der Ermittler aus Russland, Aserbaidschan und Kasachstan weiter, hieß es.

Die aserbaidschanische Regierung hatte zuvor erstmals öffentlich von einem Waffeneinsatz gegen das in Kasachstan abgestürzte Passagierflugzeug gesprochen. Schäden am Wrack und Zeugenaussagen legten nahe, dass das Flugzeug von außen beschädigt worden sei. Dies sei über dem ursprünglichen Zielflughafen Grosny in Russland geschehen.

"Die Ermittlungen werden klären, mit welcher Art Waffe die Einwirkung von außen geschah", sagte Verkehrsminister Rashad Nabiyev nach Angaben der staatlichen aserbaidschanischen Nachrichtenagentur Azertag in Baku. Aserbaidschan hat derweil aus Sicherheitsgründen Flüge in zehn russische Städte eingestellt. Auch einzelne Fluggesellschaften anderer Länder strichen wegen des unklaren Risikos zeitweilig einige Verbindungen nach Russland.

Viele Fragen aus Baku an Moskau

Der aserbaidschanische Minister Nabiyev listete noch weitere Fragen an Moskau auf. Nach der Beschädigung sei das Flugzeug über den russischen Flughafen Machatschkala geflogen, sagte er. Ermittler müssten klären, ob dort eine Notlandung genehmigt oder abgelehnt worden sei. Zu klären sei auch, warum die GPS-Positionsbestimmung des Flugzeugs gestört worden sei.

Der Chef der russischen Luftfahrtbehörde Rosawiazija, Dmitri Jadrow, sagte, den Piloten seien mehrere russische Ausweichflughäfen angeboten worden. Sie hätten aber über das Kaspische Meer nach Aktau in Kasachstan fliegen wollen. Das sei ihre Entscheidung gewesen. Aserbaidschanische Medien zogen diese Darstellung in Zweifel.

Propagandavideo zeigt Abschuss von Weihnachtsmann

Für Entsetzen sorgte vor dem Hintergrund des Flugzeugabsturzes vor allem im Ausland ein russisches Propagandavideo über den Abschuss des westlichen Weihnachtsmanns Santa Claus durch die Flugabwehr über dem Moskauer Nachthimmel. Zu sehen ist, wie Santa mit seiner Kutsche zum Neujahr den Russen «Geschenke» bringt: Raketen und Marschflugkörper, an einer Waffe ist auch ein Nato-Symbol angebracht. Dann sieht Santa eine russische Flugabwehrrakete, flucht und geht nach einer Explosion als Feuerwerk am Himmel auf.

Der russische Weihnachtsmann Väterchen Frost (Ded Moros) und ein Angehöriger der Flugabwehr zeigen sich in dem Video in einem Einsatzraum erleichtert über die Vernichtung des westlichen Eindringlings. "Das war's, Ziel zerstört", sagt der Soldat zu Ded Moros, der dann erwidert: "Wir brauchen nichts Fremdes an unserem Himmel."

Weil der etwa einmütige Clip im Zuge des Flugzeugabsturzes in russischen Telegram-Kanälen von Propagandisten und Kriegshetzern veröffentlicht wurde, gab es in sozialen Netzwerken Kritik. Beklagt wurde etwa eine Verharmlosung der russischen Flugabwehr und eine Verhöhnung der Opfer. Der Schauspieler Dmitri Melnikow, der den Soldaten verkörpert, erklärte dem Portal "Ostoroschno Nowosti" zufolge, dass es keinen Zusammenhang gebe und das Video schon im Herbst aufgenommen worden sei. Den Auftraggeber des teuer produzierten Reklameclips über die Flugabwehr wollte er demnach aber nicht nennen. Das Video endet mit den besten Neujahrswünschen für die Russen.

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