Politik

„Im Sinne der USA“: Warum ein Investor aus Miami Nord Stream 2 kaufen möchte

Der potenzielle Nord Stream 2 Investor Stephen Lynch möchte die Pipeline kaufen. Dies sei im Interesse der USA. Kann der Kauf der stillgelegten Pipeline gelingen? Und was würde dies für die geopolitischen Machtverschiebungen in der Region bedeuten?
02.01.2025 08:31
Lesezeit: 3 min
„Im Sinne der USA“: Warum ein Investor aus Miami Nord Stream 2 kaufen möchte
Der geplante Kauf von Nord Stream 2 durch den US-Investor Stephen Lynch könnte Europas Energieabhängigkeit von den USA weiter verstärken. (Foto: dpa) Foto: Stefan Sauer

Ende November 2024 beantragte der Investor Stephen Lynch bei der US-Regierung die Erlaubnis, die stillgelegte Pipeline Nord Stream 2 bei einer Auktion in der Schweiz kaufen zu dürfen. Dies sei im Sinne der USA, versicherte er. Europa würde ebenfalls profitieren und seine Energieversorgung wieder unter seine Kontrolle bringen können, beteuerte der US-Amerikaner. Auch könne der Besitz der Pipeline als Druckmittel gegen Russland eingesetzt werden.

Derzeit gehört die Pipeline einer Tochterfirma von Gazprom, welche jedoch hoch verschuldet ist. Sofern sie die Schulden nicht abbauen oder ihre Vermögenswerte abbauen kann, dürfte die Pipeline versteigert werden. Lynch hofft daher auf die Genehmigung aus Washington, die er für den Kauf bräuchte. Bereits im Wahlkampf hatte Lynch seinen Vertrauten Donald Trump finanziell unterstützt. Der Kauf der Gaspipeline zwischen Russland und Mecklenburg-Vorpommern dient schein- oder offenbar ebenfalls den Interessen der USA.

Stephen Lynch: Der reichste Mann, von dem man nie etwas gehört hat?

Lynch ist kein Unbekannter. Er gehört nach Angaben des Wall Street Journals zu den größten finanziellen Unterstützern Donald Trumps und blickt auf zwei Jahrzehnte erfolgreicher Geschäfte in den USA und Russland zurück. Der fließend Russisch sprechende Investor aus Miami begann seine Karriere in Russland beim Friedenskorps, einer unabhängigen Bundesbehörde der Vereinigten Staaten, die Stipendiaten ins Ausland entsendet und dort den Austausch mit der einheimischen Bevölkerung anregen soll.

Dank seiner weitreichenden Kontakte gelange es dem Investor, Vermögenswerte des Öl- und Gas-Giganten Yukos zu kaufen, nachdem sich ihr Besitzer Michael Chodorkoswki mit Putin überworfen hatte. Lynch verkaufte die Vermögenswerte schließlich gewinnbringend an die Deutsche Bank. In einer Zivilklage wurde ihm vorgeworfen, mit anderen Investoren eine Auktion manipuliert zu haben, um Yukos zu einem festgelegten Preis und in Kooperation mit den russischen Staatsbeamten zu kaufen. Diese Anschuldigungen bestreitet Lynch bis heute.

Im Falle der Nord Stream 2 Auktion verfolgt der Investor laut eigenen Angaben zwei Ziele: Zum einen möchte er „der reichste Mann sein, von dem Sie noch nie gehört haben“, zum anderen will Lynch langfristig westliche Interessen vertreten. So behauptet er: „Dies ist eine einmalige Chance für die amerikanische und europäische Kontrolle über die europäische Energieversorgung für den Rest des Zeitalters der fossilen Brennstoffe.“

Doch nicht nur würde der Nord Stream 2 Kauf Stephen Lynch in das Licht der Öffentlichkeit rücken, die er offensichtlich zu umgehen versucht. Auch stellt sich die Frage, ob der Kauf der Pipeline durch einen US-Investor nicht gar gefährlich für Europa werden könnte. Die Pipeline, die nie kommerziell in Betrieb genommen und 2022 von Saboteuren beschädigt wurde, dürfte spätestens nach Kriegsende von Europa und Russland in Betrieb genommen werden. Dabei wäre es unerheblich, wem sie gehöre — derzeit zeigten laut Lynch vor allem russische und chinesische Unternehmer Interesse. Doch schon jetzt ist ein Weiterbetrieb der Pipeline möglich, aber nicht gewollt — eine Inbesitznahme der Leitung durch Lynch könnte den künftigen Transfer zwischen Russland und Deutschland vollends zum Erliegen bringen, denn die USA gelten als einzige Macht, der dieser Energietransfer ein Dorn im Auge ist.

Nord Stream 2 in US-Besitz: Segen oder Risiko für Europa?

Derzeit sei die Zeit, Nord Stream 2 zu kaufen, äußerst günstig, mutmaßt Lynch. So könne die Pipeline für einen Bruchteil ihres Wertes ersteigert werden, welcher auf etwa 11 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Viele potenzielle Käufer wären zögerlich ob des sich intensivierenden Krieges, doch Lynchs Plan könnte an Dynamik gewinnen, wenn Donald Trump den Krieg schnell beendet, so jedenfalls seine Hoffnung.

Chas Freeman, US-Diplomat, der den China-Besuch Richard Nixon im Jahr 1972 inszenierte, kritisiert die US-Außenpolitik gegen Deutschland. „Die Deindustrialisierung Deutschlands ist das Resultat und die USA haben bestens davon profitiert. Wir verkaufen Deutschland Gas, das vier- bis fünfmal teurer ist als russisches. Wir erhöhen die Abhängigkeit Europas von unserer Energieversorgung. Die großen Ölfirmen freut es. Ich persönlich halte es für eine desaströse Entwicklung“, sagte er in einem Interview mit Simon Zeise von der Berliner Zeitung. Freeman glaubt nicht nur an eine Sprengung von Nord Stream 2 durch die USA. Auch vermutet er, dass der Kauf der Pipeline durch Lynch die Abhängigkeit Europas von den USA noch weiter intensivieren würde.

Derweil fordert Trump von Europa, größere Mengen US-amerikanischen LNG zu importieren, da er sonst hohe Zölle auf europäische Produkte erheben würde. Der Gastransit-Stopp durch die Ukraine erhöht zudem die Energiepreise, während sich die Gasspeicher Europas im besorgniserregenden Tempo leeren. Der Kauf von Nord Stream 2 durch den Investor Stephen Lynch könnte Europas Abhängigkeit von den USA noch weiter verstärken. Zwar hat die EU selbst erklärt, mittels steigender Importe aus den USA, Norwegen und Katar bis 2027 komplett auf russisches Gas zu verzichten. Ob die totale Abhängigkeit von Washington tatsächlich förderlich für die Autonomie und Wettbewerbsfähigkeit Europas wäre, darf angezweifelt werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (09/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Virgil Zólyom

                                                                            ***

Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo überrascht mit neuem Chef aus Deutschland: Eine große Chance für Volvo
26.09.2026

Der Verwaltungsrat von Volvo Cars überrascht erneut mit der Wahl eines Vorstandschefs, diesmal aber mit einem unerwartet starken Namen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kampf ums Wasser: Die wasserhungrigen Industrien
26.09.2026

Sechs Zentimeter am Rheinpegel Kaub, Lieferprobleme bei BASF, schwächelnde Wasserkraftwerke: Der Dürresommer 2026 macht endgültig klar,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Irans Feigenblatt sorgt für grüne Zahlen an der Wall Street
25.09.2026

Ein unerwarteter Wendepunkt im Nahen Osten sorgt für Bewegung an den Märkten – erfahren Sie, welche Aktien jetzt besonders profitieren.

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO rückt näher, OpenAI bremst: Was passiert mit den Rekord-Börsengängen?
25.09.2026

Was ist über Zeitplan, Bewertungen und Forderungen nach einer langsameren KI-Entwicklung vor den angekündigten Börsengängen bekannt?

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Henkel feiert 150 Jahre: Das sind die größten Herausforderungen
25.09.2026

Mit seinen bekannten Markenprodukten prägt Henkel seit Jahrzehnten den Alltag vieler Kunden. Ein Blick auf wichtige Meilensteine, Krisen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardeninvestition richtet Hunderte Satelliten auf Putin
25.09.2026

Die finnische Satellitenfirma Iceye spielt bereits eine wichtige Rolle für die Ukraine und ihre Angriffe auf russische Ziele. Nun will das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gold für mehr als acht Milliarden Dollar: Russland meldet weitere Verkäufe
25.09.2026

Russlands Zentralbank verkauft seit Jahresbeginn kontinuierlich Gold. Fast 56 Tonnen verschwanden bereits aus den offiziellen Reserven, ihr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Defekte Schraube an der Lenkung: Großrückruf bei VW, Audi und Seat
25.09.2026

Wegen möglicher Mängel an der Lenkung muss der Volkswagen-Konzern bundesweit fast eine Million Fahrzeuge der Marken VW, Audi und Seat in...