Wirtschaft

Opel Manta als E-Auto: Warum deutsche Autobauer auf Retrodesign setzen - auch Golf und Capri kehren wieder

Der 2017 vorgestellte Bulli von VW hatte bereits frühzeitig den Weg gewiesen und neue Chancen am Markt der Elektroautos aufgezeigt. Doch Volkswagen und andere haben zu lange getrödelt. Allmählich besinnen sich VW, BMW, aber auch Ford und Opel auf ihre alten Stärken. Es geht um Tradition, trendbewusstes Design und beste Feinmechanik – Dinge, von den Chinesen und Koreaner nur wenig verstehen. Selbst Elon Musks Tesla-Modelle sind ja alles andere als geschmackssicher. Die Stilkritik der DWN.
12.01.2025 10:57
Lesezeit: 6 min
Opel Manta als E-Auto: Warum deutsche Autobauer auf Retrodesign setzen - auch Golf und Capri kehren wieder
„Manta. Manta“: So schön, dass er wieder zum Bestseller für Opel in Rüsselsheim werden könnte. (Foto: Opel)

Mit dem Trend zu E-Autos hat sich die Optik und Haptik der Fahrzeuge auf deutschen Straßen spürbar verändert. Nicht unbedingt zum Positiven, würde der Publizist Ulf Poschardt sagen, der einst in seinem 2019 erschienenen Buch „911“ seinen Porsche zum „ultimativen Sportwagen“, zur „Stil-Ikone des Automobilbaus“ und einem „Phänomen der Zeit-, Kultur-, Technik- und Designgeschichte“ erkoren hat.

Gerne und oft doziert Dr. Poschardt darüber, was die Parkplätze vor ostdeutschen Plattenbauten über den Geschmack ihrer Bewohner aussagen. Früher hat er sich dann zumeist über Kias, Dacias und Nissans m Stadtbild echauffiert. Heute würde er vermutlich Mann/Frau von Welt dringend davon abraten Nios, BYDs oder sonstige gleichförmige Karossen zu erwerben – egal wie gut die Apps und das Unterhaltungsprogramm im Display funktionieren mögen. Wahrhaft automobilen Spaß macht es kaum, auf einem Stück Seife durch Berlins und Münchens Straßen dahin zu schlittern.

Opel Manta als E-Auto: Lieber ein schönes Auto fahren, sonst kann man auch gleich den Bus nehmen

Das spricht sich allmählich auch in den Chefetagen der deutschen Automobilhersteller herum. Sie fragen sich verstärkt, wie sie eigentlich am besten der Invasion und dem Innovationsdruck aus Fernost standhalten können. Durch noch mehr Gimmicks? Oder vielleicht mit mehr Sinn für Schönheit und Formen? Können sie es wirklich hören in den Vorstandsbüros? Den verzweifelten Aufschrei der Kunden nach mehr „Spice“ in ihrem Leben. Warum kauft und fährt man schließlich Auto und nimmt nicht gleich den Bus?

Mercedes, über Jahrzehnte ein stetiger Quell in Sachen Auto-Design, ist man mit seiner aktuellen Palette an E-Autos krass gescheitert. So kommt es, dass Mercedes-Boss Ola Källenius neuerdings seine Mannschaft (und sich selbst) daran erinnert: „Unsere Unternehmenshistorie ist ein absolutes Privileg und Alleinstellungsmerkmal. Sie ist eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration, aus der wir schöpfen und die wir neu interpretieren und inszenieren können.“ Eine neue Offensive ist bereits für Frühjahr 2o25 angekündigt: „Unsere Elektroautos werden sich optisch mehr am klassischen Mercedes-Design orientieren. Ein Mercedes wird unverkennbar wie ein Mercedes aussehen“, verspricht Källenius.

Die Rückbesinnung auf das Retro-Design könnte für alle deutschen Hersteller die Lösung bringen. Davon ist auch Ford überzeugt, die inzwischen gar die alten Werbe-Spots für den (von Liebhabern in Ehren gehaltenen) Ford Capri im Fernsehen ausstrahlen, um Kundschaft heiß zu machen. Lange ist der US-Hersteller Ford dem Trend zur Elektromobilität hinterhergelaufen und hat Milliarden Dollar verbrannt. Jetzt hört das Management endlich mal auf den deutschen Ableger in den Kölner Ford-Werken. Der Capri kehrt zurück!

Als elektrisches SUV-Coupé lässt die wohlgeformte Karosserie die Herzen der Fans und Nostalgiker höher schlagen. „Wir huldigen unserer Tradition und erfinden unsere Zukunft neu“, sagte Amko Leenart, Design-Direktor bei Ford Europa. 1969 wurde das Sportcoupé auf den Markt gebracht und schnell zum Kultauto im Lande. Nach nur fünf Jahren waren schon eine Million Exemplare verkauft. Anno 1986 wurde die Produktion eingestellt. Niemand weiß heute mehr so recht, warum bloß.

Auch bei Opel in Rüsselsheim hätte man so ein Auto im Portfolio – der Manta, Manta! Seit Til Schweigers gleichnamigen Film in Fachkreisen und bei seinen Liebhabern nur noch unter seinem populären Doppelnamen geläufig. Auf der Homepage von Opel heißt es: „Der Opel Manta war 1970 ein Superstar des Automobildesigns. Jetzt kommt er zurück. Elektrifizierender denn je als sogenannter RestoMod. Wir präsentieren voller Stolz den neuen, 100% elektrischen Manta GSe. Ganz der Alte, aber völlig anders.“

Bei VW indessen ist man viel zu lange in China im gelben Strom mitgeschwommen und glaubte irgendwann wohl ernsthaft, inzwischen selbst ein chinesischer Automobilhersteller zu sein. Dabei war es schon 2017 auf der North American Auto Show in Detroit als die Comeback-Studie des Ur-Bullis die Zuschauer in Verzückung setzte. Es hat leider viel zu lange gedauert, bis der alte VW-Bus in überarbeiteter, zeitgemäßer Art und Weise als ID.Buzz am Markt reüssierte – ein Klassiker des Retro-Designs, der dem VW-Konzern schon viel früher den richtigen Weg hätte weisen können. Das Design des Kleinbusses ist an den T1 angelehnt. Beispielhaft für den Blick zurück dürften die V-förmige Anmutung zwischen den Scheinwerfern, die altbewährte Zweifarb-Lackierung sowie das extra-große VW-Logo auf der Front gelten. Alles gern-gesehene, wieder erkennbare Vintage-Elemente!

Mehr Mut bei der Rückbesinnung auf die Klassiker wie Opel Manta, den Käfer oder den Bulli

Doch in letzter Konsequenz hat man sich nicht getraut, mehr als nur einen Akzent zu setzen. Schon greift Geely VW frontal mit dem Zeekr Mix an, um dem ID.Buzz demnächst auch in Europa Kunden abspenstig zu machen. Die pragmatischen Amis auf der Messe CES in Las Vegas zeigen sich schwer begeistert vom Van aus Hangzhou. Doch mehr lieben sie, streng genommen: den alten Bulli. Doch den hat VW (seit dem 80er-Jahre Vanagon) lange gar nicht mehr in den USA verkauft, weil sie mit der Zulassung in Kalifornien Probleme hatten. Ein stärkeres Retro-Statement wäre bei der Modellfolge womöglich eine konsequente Antwort auf den chinesischen Luxus-MPV - also ein sogenanntes Multi Purpose Vehicle. Für Chinesen ist es eine Art Wohnzimmer, zumeist größer als ihre Wohn-Kemenate.

Doch warum gibt es noch immer kein Remake des Klassikers schlechthin? An den alten Käfer soll an dieser telle erinnert werden, nachdem sich in deutschen Städten die Menschen immer noch nach dem Cabrio umdrehen und schwärmerisch hinterherschauen. Das mexikanische Bergdorf Taxco de Alarcón im südwestlichen Bundesstaat Guerrero ist bester Beweis dafür, dass die traditionelle Karosse noch heute sämtliche Bürger in schneeweißen „Vocho“-Taxis verlässlich von Tür zu Tür bringt. Mit den neuen Baustoffen sollte es kein Problem sein, das Modell als E-Auto zu pimpen und zu verkaufen. Zunächst sollen immerhin bald Golf und Scirocco in die Showrooms zurückkommen – die völlig verkopfte Sache mit den ID-Kennungen hat sich dann hoffentlich erledigt. „Der Volkswagen-Konzern wird zu einem designgetriebenen Unternehmen“, das sagt VW-Chef Oliver Blume schön länger. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich möglichst bald mit der neuen Devise „Success by Design“ durchsetzt in Wolfsburg und den Eigentümer-Familien Piëch und Porsche.

Das aller schärfste Retro-Auto aktuell im Stadtraum (insbesondere als Zweitwagen der Reichen und Schönen von Zürich) ist der Microlino. „Seines Lebens schönster Traum: Ein kleiner Wagen mit viel Raum.“ So hatte einst BMW in den 1950er-Jahren per Zeichentrick-Werbespot seine Isetta beworben. Das sogenannte Motocoupé wurde von 1955 bis 1962 gebaut. Der wie eine Knutschkugel geliebte Wagen wurde vor allem wegen des Ein- und Ausstiegs durch die kühlschrank-artige Front-Tür zur Stil-Ikone. Die Schweizer Firma Micro Mobility hat das Potenzial erkannt und unterdessen als Microlino wiederbelebt. Wie damals schon ein wahres Leichtfahrzeug – jetzt auch mit E-Antrieb.

Was eigentlich jeden Fahrzeug-Hersteller auf den naheliegenden Gedanken bringen sollte, dank moderner Verbundstoffe, eigentlich doch jedes Kult-Auto der unterschiedlichen Epochen mit Elektro-Motor zu versehen und einfach nachzubauen. Die alten Heckflossen-Träume von Chevrolet und Cadillac etwa. Die Gangster-Autos Dodge Charger und Challenger aus Quentin Tarantinos Auto-vernarrten Filmen („Death Proof“). Oder Muscle-Cars des Film-Noir der 60er- und 70er-Jahre. Mit dem ersten viertürigen Cabrio – dem Lincoln Continental von 1961. Der Ford Mustang vor allem, dann aber auch wirklich so richtig! Wie ihn Steve McQueen in „Bullitt“ in rasanter Berg- und Talfahrt durch die Straßen San Franciscos gepeitscht hat.

Auch die klassischen Limousinen ließen sich verschönern im Vergleich des fernöstlichen Einheitsbrei. BMW etwa hat mit dem Konzept der E-Limousine „Vision Neue Klasse“ in die Zukunft blicken lassen. Als „Neue Klasse“ wurde früher schon einmal der BMW 1500 bezeichnet, der 1962 den Automarkt betörte. Das Modell entpuppte sich schon seinerzeit als genau jenes benötigte Erfolgsmodell für die Münchner, die damals noch finanziell tief in der Klemme steckten und erst dadurch mit ihrem Haifisch-artigen Schnauzen zu Design-Klassikern avancierten und zum heutigen Premiumhersteller. 2026 soll die Studie Realität werden, was BMW-Fans alter Schule wirklich hoffen. Die Zeichen stehen auf Zuversicht im deutschen Automobilsektor – bloß nicht länger, auf die falschen Propheten und Billigheimer hören!

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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