Politik

Trump gegen BRICS: Strafzölle, Indiens Annäherung an China und die neue Weltordnung

Bereits Wochen vor seiner Rückkehr ins Weiße Haus richtete der designierte US-Präsident Donald Trump eine deutliche Warnung an die BRICS-Staaten. „Sucht euch einen anderen Trottel“, schrieb er auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social und drohte den neun Mitgliedern der Staatengruppe mit Strafzöllen in Höhe von 100 Prozent, sollten sie versuchen, die globale Vorherrschaft des Dollars in Frage zu stellen.
25.01.2025 16:01
Lesezeit: 4 min

Trumps Warnung bezieht sich auf sein Wahlversprechen, an seinem ersten Tag im Amt einen 25-Prozent-Zoll auf Importwaren aus Kanada und Mexiko einzuführen. China, die Hauptzielscheibe des Trumpschen Protektionismus, wird voraussichtlich mit einem zusätzlichen Zoll in der Höhe von 10 Prozent belegt. Das kommt angesichts des eskalierenden Handelskrieges zwischen China und den Vereinigten Staaten zwar nicht überraschend, doch Trump richtet seinen Zorn inzwischen auch gegen Indien, ein Gründungsmitglied der BRICS und einer der wichtigsten Verbündeten Amerikas.

Indien zwischen den Fronten: Geopolitische Neuorientierung in der BRICS-Ära

Bisher ist es Indien gelungen, durch eine Bekräftigung seines Bekenntnisses zum Dollar einen unmittelbaren Konflikt zu vermeiden. Doch derartige politische Unsicherheiten stellen einen weiteren der vielen Gründe dar, warum die indische Regierung ohne viel Aufhebens auf Nummer sicher geht und eine Annäherung an China anstrebt – ein Schritt, der eine geopolitische Wende einläuten könnte.

Das Tauwetter zwischen China und Indien ist in den letzten Monaten immer deutlicher zutage getreten. Im Oktober erzielten die beiden Länder eine Vereinbarung zur Beendigung der jahrelangen militärischen Pattsituation entlang ihrer gemeinsamen Himalaya-Grenze. Damit wurde der Weg frei für ein überraschendes Treffen zwischen dem indischen Premierminister Narendra Modi und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des BRICS-Gipfels im russischen Kasan. Ein weiteres Zeichen für diese Wende ist das neu entdeckte Interesse indischer Regierungsvertreter an chinesischen Investitionen.

Deglobalisierung und die Neuordnung der globalen Lieferketten

Unterdessen scheinen sich die Beziehungen zwischen den USA und Indien abzukühlen. Seitdem Bangladeschs Premierministerin Sheikh Hasina im August durch einen Volksaufstand gestürzt wurde, haben Modis bevorzugte Nachrichtenagenturen, Social-Media-Aktivisten und verbündete Hindu-Nationalisten den Aufstand als einen von der CIA inszenierten Regimewechsel dargestellt. Einige warnten sogar vor ähnlichen Versuchen zur Destabilisierung Indiens durch den „amerikanischen Staat im Staate.“

Modis regierende Bharatiya Janata Party hat sich seither der antiamerikanischen Stimmung angeschlossen und beschuldigt die USA, den indischen Magnaten Gautam Adani – einen engen Verbündeten Modis, der in den USA wegen Wertpapierbetrugs und Bestechung angeklagt ist – ins Visier zu nehmen, um die indische Regierung zu sabotieren. Eine derartige Rhetorik, die eine deutliche Abkehr von der jahrzehntelangen strategischen Zusammenarbeit darstellt, weckt Erinnerungen an den Kalten Krieg, als sich das offiziell blockfreie, aber gegenüber amerikanischer Einmischung argwöhnische Indien der Sowjetunion zuwandte.

Chinas Rolle in Indiens wirtschaftlicher Strategie

Diese Verschiebungen sind auf mehrere Faktoren zurückzuführen, insbesondere auf die nachlassende Fähigkeit und Bereitschaft Amerikas, eine globale Führungsrolle einzunehmen, sowie auf die Versuche Chinas und Indiens, ihre Verhandlungsposition zu stärken. Da die Deglobalisierung die Weltwirtschaft neu gestaltet, hat Amerika Ländern wie Indien, die in Verteidigungsfragen nicht vollständig auf Amerika angewiesen sind, weniger zu bieten.

Im Gegensatz dazu lässt sich Chinas Dominanz in den globalen Lieferketten nicht mehr ignorieren. Als weltweite Supermacht in der Fertigung – China produziert mehr als die in der Rangliste folgenden neun größten Erzeugerländer zusammen – könnte China Indiens Bemühungen unterstützen, seine eigene industrielle Basis zu erweitern. In der jährlichen wirtschaftlichen Umfrage der indischen Regierung wurde diese Notwendigkeit hervorgehoben und festgestellt, dass man „sich zur Förderung der indischen Fertigung und zur Einbindung Indiens in die globale Lieferkette“ wohl „in die Lieferkette Chinas einklinken“ müsse. Daher befürwortete man in dem Bericht einen pragmatischen Ansatz, der sich darauf konzentriert, ausländische Direktinvestitionen aus China zu gewinnen.

Eine derart eindeutige Regierungsposition zugunsten einer Zusammenarbeit mit China war in Indien einst undenkbar, zumal man seit dem indisch-chinesischen Grenzkrieg von 1962 ein angespanntes Verhältnis zu diesem Nachbarn unterhielt. Nachdem 2020 bei Grenzkonflikten in der indischen Region Ladakh 20 indische Soldaten getötet wurden, reagierte Indien mit umfassenden Beschränkungen für Investitionen und Einfuhren aus China, einer Beschränkung von Visa für Führungskräfte und einem Verbot chinesischer Apps. Diese Maßnahmen führten jedoch zu massiven Verlusten für indische Unternehmen, die auf chinesische Importe angewiesen sind. Noch schlimmer war, dass Indien dadurch wichtige chinesische Investitionen entgingen, und das zu einer Zeit, in der die Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen bereits rückläufig waren.

Da sich die globalen Lieferketten mittlerweile von China abwenden, verlagern auch chinesische Hersteller ihre Standorte und gründen Niederlassungen in Ländern, die von den westlichen Strategien des Friend-Shoring und Near-Shoring profitieren. Chinesische Investitionen in Greenfield-Projekte verdreifachten sich im Jahr 2023 im Jahresvergleich auf 160 Milliarden US-Dollar, wobei ein Großteil dieser Gelder in Länder wie Vietnam, Indonesien, Ungarn und Serbien floss. Da Indien mit beschäftigungsfreiem Wachstum und hoher Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen hat, will es von diesem Trend unbedingt profitieren.

Die USA, einst wichtiger Herkunftsort ausländischer Direktinvestitionen, stehen nun in ihrem Bemühen, die heimische Produktion anzukurbeln, mit Indien im Wettbewerb um Investitionen. Diese Konkurrenz, die sich unter Trump voraussichtlich verschärfen wird, hat Indien dazu veranlasst, mehrere Investitionsvorschläge zu genehmigen und chinesischen Unternehmen sowie Führungskräften Erleichterungen – darunter eine beschleunigte Ausstellung von Visa – anzubieten.

Indiens Kurskorrektur steht in engem Zusammenhang mit den Interessen Chinas, da die wirtschaftliche Abkühlung in der Volksrepublik das Interesse chinesischer Firmen am schnell wachsenden indischen Markt geweckt hat. Indien wird voraussichtlich bis zum Ende dieses Jahrzehnts zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen, und ein stärkeres Engagement in Indien würde China einen wichtigen Puffer gegen die Bestrebungen der USA bieten, seinen geopolitischen Aufstieg einzudämmen.

Die Zukunft der BRICS-Staaten: Eine multipolare Weltordnung?

Und während die Weltöffentlichkeit weiterhin auf den eskalierenden Zollkrieg zwischen den USA und China blickt, ist Indien mit eigenen erheblichen Risiken konfrontiert. Trump, der Indien wiederholt als „sehr großen Missbrauchstäter bei Zöllen“ bezeichnete, hatte während seiner ersten Amtszeit den präferenziellen Handelsstatus Indiens aufgehoben, womit die Wahrscheinlichkeit weiterer Strafmaßnahmen steigt.

Freilich ist es unwahrscheinlich, dass Indien – das von den USA als „wichtiger Verteidigungspartner“ bezeichnet wird – seine strategische Beziehung zu den USA zugunsten engerer Beziehungen zu China aufgibt. Aber wie andere aufstrebende Mächte im globalen Süden ist Indien zunehmend frustriert über die inhärente Asymmetrie der von den USA geführten liberalen internationalen Ordnung, insbesondere über die Hegemonie des Dollars.

Indiens Balanceakt: Zwischen Kritik, Eigenständigkeit und geopolitischem Kalkül

Angeheizt werden diese Spannungen zudem aufgrund gelegentlicher Rüffel aus Amerika wegen Indiens Umgang mit Minderheiten. Nachdem Modis Regierung demokratische Institutionen systematisch geschwächt und die Kontrolle über die Medien verschärft hat, reagiert sie allergisch auf jegliche internationale Kritik. Zum Glück für Modi könnten sich solche Differenzen von selbst lösen. Schließlich ist es schwer vorstellbar, dass sich Trump allzu sehr um Indiens Beziehungen zu Russland, seine antimuslimische Politik oder demokratische Rückschritte sorgt.

Dennoch: Während Modi seine Bemühungen verstärkt, Indien in einen hinduistischen Staat zu verwandeln, ist es möglich, dass er sich Amerikas Unterstützung sichern will, indem er signalisiert, über Alternativen zu verfügen. In diesem Sinne ließen sich Indiens Avancen in Richtung China als geopolitisches Manöver betrachten, das Indien in die Lage versetzen soll, Trump auszurichten, sich „einen anderen Trottel zu suchen“, sollte er beschließen, mit harten Bandagen zu kämpfen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate, 2025.

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Debasish Roy Chowdhury

Zum Autor:

Debasish Roy Chowdhury ist Co-Autor von To Kill A Democracy: India’s Passage to Despotism (Oxford University Press, 2021).

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