Wirtschaft

Wirtschaftskrise: Merkels Vermächtnis? Deutschland hat sich zu lange ausgeruht und nichts getan

Eine internationale Studie bestätigt, dass Deutschland sich zu lange auf früheren Erfolgen ausgeruht hat – und steckt deshalb langfristig in einer politischen und wirtschaftlichen Sackgasse. Daneben stelle die Migration ein ungelöstes und widersprüchliches Problem in Deutschland dar. Welchen Anteil die Ära Angela Merkels an der katastrophalen Lage im Land hat.
06.02.2025 15:54
Lesezeit: 2 min

Die Wirtschaftslage in Deutschland ist düster. Wer trägt dafür die Verantwortung? Die Ampel oder liegt die Ursache dafür in Wahrheit in der Ära Angela Merkels, die das Land 16 Jahre lang regiert hat?

Die Selbstzufriedenheit der Merkel-Ära hole das Land nun ein, bestätigt der sogenannte Berggruen Governance Index. An der Untersuchung waren Forscher der University of California (UCLA), der Denkfabrik des Berggruen Institut und der Hertie School, einer Privatuniversität in Berlin, beteiligt.

Forscher zur Wirtschaftskrise in Deutschland: Nicht genug auf Schocks vorbereitet

„Am besorgniserregendsten ist die Art der strukturellen und tiefen Wurzeln vieler der Probleme“, sagte Studienautor Edward Knudsen. Für Lösungen brauche es Zeit und strukturelle Veränderungen. „Eine Regierungspartei gegen eine andere auszutauschen, ist nicht unbedingt die Lösung“, mahnt Knudsen.

Maßgeblich für die verfahrene Situation und die Wirtschaftskrise sind laut der Analyse der Wissenschaftler die 2010er-Jahre. Damals habe Deutschland Ressourcen, Zeit und eine stabile politische Führung gehabt, betonte Knudsen. „Aber es hat sich entschieden, die Zeit abzuwarten, anstatt sich auf zukünftige Schocks vorzubereiten.“ Deshalb fehle es Deutschland an Widerstandsfähigkeit, fügte er hinzu.

Wirtschaftskrise: Deutschland hat vier Hauptprobleme

Der Bericht identifiziert vier Hauptursachen für die diagnostizierte politische und wirtschaftliche Krise. Zum einen hätten fehlende Investitionen das Wachstum gebremst und die Ungleichheit verschärft, schreiben die Autoren des Berichts.

Daneben stelle die Migration ein ungelöstes und widersprüchliches Problem in Deutschland dar. Einerseits sei Zuwanderung in einer alternden Gesellschaft entscheidend für das Wirtschaftswachstum. „Andererseits hat sie sich zu einem zentralen politischen Konfliktherd entwickelt“, analysieren die Forschenden.

Zudem habe Deutschland in den vergangenen Jahren eine zu große Abhängigkeit von anderen Staaten entwickelt – etwa von Russland bei der Energieversorgung. Die zuletzt hinzugekommene wirtschaftliche Stagnation habe den politischen Konsens und sozialen Zusammenhalt zusätzlich geschwächt.

Zukunft des Industriestandorts Deutschland steht in Frage

Die Analyse stützt sich auf eine Vielzahl von Daten und Studien. Auf dieser Basis gibt sie verschiedene Kennzahlen an, die jeweils auf einer Skala von 0 bis 100 abgebildet werden. Der Index für die sogenannte demokratische Kontrolle fiel etwa von 100 im Jahr 2011 auf 93 im Jahr 2021.

Deutschland im Vergleich der OECD-Staaten weit abgeschlagen – das ist das enttäuschende Ergebnis auch des neuesten Länderindex' im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Eine Trendwende ist nicht gelungen. Die Forscher des ZEW empfehlen umfassende Reformen, Prioritäten bei den öffentlichen Finanzen und die Abschaffung ganzer Gesetzespakete.

Die neuen Musterschüler in der Rangliste der 21 wichtigsten Industriestaaten sind neu auf Platz 1 und 2 Dänemark und Schweden. Das zeigt: Es ist möglich, hochattraktive Standortbedingungen zu erschaffen – sogar innerhalb der Europäischen Union (EU).

Beim Forscherteam des Zentrums für Europäische Wirtschaftspolitik (ZEW) um Professor Friedrich Heinemann löst dies Zuversicht aus – auch mit Blick auf eine mögliche Reform-Agenda nach der bevorstehenden Bundestagswahl. Nötig seien eine wirklich spürbare Senkung der effektiven Steuerbelastung und eine durchgreifende Verbesserung der Investitions- und Innovationsanreize. Deutschland wie die anderen großen EU-Staaten seien unterwegs in eine ungewisse Zukunft. Ohne umfassende Reformen sei das bisherige Wohlstandsniveau nicht zu halten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Festkörperbatterien lassen auf sich warten – könnte die Halbfestkörper-Technologie zur Brückentechnologie der Energiespeicherung werden?

Die Batteriewirtschaft befindet sich derzeit in einer bemerkenswerten Übergangsphase. Während nahezu alle großen Hersteller langfristig...

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Chiphersteller Micron und Intel unter Druck, da OpenAI Berichten zufolge IPO-Verzögerung erwägt
26.06.2026

Spannende Verschiebungen an der US-Börse: Was die jüngsten Marktbewegungen für Ihr Portfolio bedeuten könnten.

DWN
Panorama
Panorama Imperien abseits des Rasens: Das verdienen die WM-Stars als Unternehmer
26.06.2026

Die bestbezahlten Fußballer der Welt definieren Reichtum neu. Längst reicht das Einkommen aus ihren Profiverträgen nicht mehr aus –...

DWN
Technologie
Technologie IT-Riese zerstreut Panik wegen gefürchtetem KI-Modell
26.06.2026

Der US-amerikanische IT-Riese Cisco ist eines der wenigen Unternehmen, denen es gestattet wurde, das berüchtigte KI-Modell Mythos zu...

DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (07/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen
26.06.2026

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Sensoren-Hersteller Balluff: „Es braucht Mut zu unbequemen Entscheidungen.“
26.06.2026

Balluff hat sich in über 100 Jahren von einer Reparaturwerkstatt zum Global Player für Sensoren und Automatisierungslösungen entwickelt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schluss mit Billig-Importen: EU stoppt Zoll-Ausnahme für Temu, Shein und Co.
26.06.2026

Wer schnellen Schnäppchen aus Fernost nachjagt, muss sich ab Sommer auf höhere Preise einstellen. Die Europäische Union schafft die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Millionenspritze für Galeria: Rettung auf Zeit oder echte Kehrtwende?
26.06.2026

Galeria steht vor der nächsten Sanierungswelle. Nach zähen Verhandlungen erhält die angeschlagene Warenhauskette einen neuen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bargeld bedroht? Bundesfinanzministerium kündigt Gesetze gegen Steuerbetrug an
26.06.2026

Das Bundesfinanzministerium geht gegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche vor. Wie Staatssekretär Michael Schrodi (SPD) nach einem...