Wirtschaft

Deutsche Wirtschaft: Großbaustelle für die neue Regierung

Die desolate Lage der deutschen Wirtschaft wird eine der größten Herausforderungen für die neue Bundesregierung und das dringendste Thema. Warum die Lösungen schwierig und kurzfristig nicht zu erwarten sind.
09.03.2025 15:58
Lesezeit: 4 min

Die erste Großbaustelle nach der Wahl in Deutschland ist die Wirtschaft für die neue Regierung. Seit Jahren nun schon gibt es kein Wirtschaftswachstum mehr und auch die weiteren Aussichten sind schlecht. Deutschlands wirtschaftliche Stärke war immer die Industrie und der Export. Doch in beiden Bereichen wachsen die Probleme und werden sich in der stärksten Volkswirtschaft der EU auch nicht so schnell lösen lassen.

Nach den USA und China ist Deutschland auch immer noch das drittgrößte Exportland der Welt. Die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen allerdings, dass das Bruttoinlandsprodukt bereits seit 2023 real zurückgeht. Seit der Krise in den Jahren 2002 und 2003 ist dies die längste Rezession, in der Deutschland jetzt aktuell feststeckt.

Miese Zahlen und miese Aussichten

Die von Destatis kürzlich veröffentlichten Daten zeigen für das letzte Quartal des Jahres 2024 und auf die Gesamtjahressicht einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von jeweils 0,2 Prozent. Sowohl Investitionen als auch das Exportvolumen sanken mit einem Minus bei der Bruttowertschöpfung in den meisten Bereichen. Besonders stark betroffen war wieder einmal das verarbeitende Gewerbe, allen voran der Maschinen- und Fahrzeugbau. Auch die Prognosen für 2025 sind durchweg pessimistisch und gehen von einem Fortschreiten der Rezession aus. Falls das eintritt, wäre dies die längste Rezession seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Auch die aktuellen Arbeitslosenzahlen liegen mit knapp unter 3 Millionen deutlich über dem Vorjahresniveau.

Strukturelle Probleme und Exportabhängigkeit

Deutschlands Probleme werden oft auch als Strukturkrise bezeichnet. Damit sind eine Reihe von Dingen gemeint, die neben den Problemen der Autoindustrie auch die starke Exportorientierung der deutschen Wirtschaft umfassen, sowie Wettbewerbsprobleme, die Herausforderungen der Energiewende und die allgemeinen geopolitischen Unsicherheiten.

Wie Ökonomen einschätzen, ist die bereits seit 2018 rückgängige Industrieproduktion in Deutschland kein konjunkturelles, sondern vielmehr ein strukturelles Problem. Die seit 2023 schwache Konjunktur ist dabei nur ein zusätzliches Problem. Sie wird sich jedoch nach den Einschätzungen der Wirtschaftsexperten in absehbarer Zeit wieder erholen, die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft müssten aber selbst gelöst werden, um eine Trendwende möglich zu machen.

Der Industriemix macht den Unterschied

Wie das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) vor kurzem in einem aktuellen Ländervergleich der Industrieproduktionen von Deutschland, Österreich, Schweiz und Dänemark aufzeigte, ist die Industrieproduktion in Deutschland bereits seit 2018 rückläufig. In Österreich ist dieser Trend erst seit 2023 erkennbar, und in der Schweiz und Dänemark sind die negativen Effekte kaum spürbar.

Im Vergleich der Industrielastigkeit dieser Länder gibt es kaum Unterschiede. Die Warenproduktion liegt in Deutschland, Dänemark und Österreich bei ungefähr 20 Prozent Anteil an der gesamten Wertschöpfung, in der Schweiz sind es 18 Prozent. Jedoch liegen die Schwerpunkte bei der Industrieproduktion in unterschiedlichen Bereichen. In Deutschland dominieren Maschinenbau mit 16,5 Prozent Anteil und der Fahrzeugbau mit 15,5 Prozent Anteil sowie die Herstellung von Metallprodukten und chemischen Erzeugnissen. Nach der WIFO-Studie lagen die Indizes der fünf wichtigsten Industriebranchen in Deutschland zuletzt unter dem Niveau des Jahres 2017. Die Schwächen der Autoindustrie, die bislang 70 Prozent ihrer Umsätze durch den Export erwirtschaftete, führten dazu, dass sie heute nicht mehr der stärkste Industriezweig im Land ist.

In Dänemark und der Schweiz hingegen finden sich andere Schwerpunkte in der Industrieproduktion. Hier dominieren mit 20,9 Prozent und 29,1 Prozent Anteil die wenig krisenanfällige Pharmaindustrie und in der Schweiz auch noch die Elektronikbranche. Das macht die Länder resistenter gegen konjunkturelle Krisen und verursacht aktuell auch keine strukturellen Probleme.

Deutschlands Liste der wirtschaftlichen Probleme ist lang

Deutschland leidet besonders stark in seinen Schlüsselbranchen, aber nicht nur dort. Auch die Baubranche hat zu kämpfen, dem Handel und der Gastronomie geht es ebenfalls schlecht. Die Vielfalt der Probleme ist das eigentliche Problem, denn sie können nicht alle in kurzer Zeit gelöst werden. Auch die Politik und insbesondere die neue Bundesregierung können die Rahmenbedingungen der deutschen Wirtschaft in vielen Bereichen nicht durch schnelle Maßnahmen neu gestalten.

Ein großes Problem für die deutschen Industrien ist zunächst die sinkende Nachfrage von wichtigen Exportmärkten wie China, die gleichzeitig auch zu einer immer stärkeren Konkurrenz werden. Auch der neue Protektionismus aus den USA mit den geplanten Einfuhrzöllen für wichtige Exportprodukte aus Deutschland bedeutet zusätzliche Absatzprobleme für das Exportland. Dazu kommen natürlich sowieso noch die geopolitischen Krisen durch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die für Verunsicherung sorgen.

Als wäre das noch nicht genug, kämpft Deutschland auch mit einer anhaltend schwachen Inlandsnachfrage und Kaufzurückhaltung der Konsumenten. Die hohe Inflation der letzten Jahre, der extreme Anstieg bei den Energiepreisen, die teuren Kreditfinanzierungen und die hohen Kosten für die Energiewende kommen auch noch dazu. Der Standort Deutschland hat also einen ganzen Sack voller Probleme.

Die deutsche Industrie beklagt zusätzlich auch die hohen Steuern und Lohnkosten für die Unternehmen, die überbordende Bürokratie und die veraltete Infrastruktur, fehlende Investitionen in Forschung und Entwicklung und den Fachkräftemangel in vielen Bereichen, der trotz hoher Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht kompensiert werden kann.

Die neue Bundesregierung hat massive Aufgaben

Industrieverbände und Ökonomen haben bereits direkt nach der Wahl ihre Forderungen an eine neue Bundesregierung gestellt. Neben einer schnellen Regierungsbildung verlangen sie Investitionen in den Wirtschaftsstandort und in Bildung und Innovation. Auch niedrigere Energiepreise, Steuerentlastungen und Bürokratieabbau stehen ganz oben auf der Liste. Die Fülle und Qualität der Probleme in Deutschland zeigen, dass es hier keine schnellen Lösungen geben wird. Die neue Bundesregierung wird auch nicht alle Rahmenbedingungen innerhalb kurzer Zeit neu gestalten können. Die Herausforderungen sind so vielfältig, dass schnelle Lösungen unrealistisch sind. Das Thema deutsche Wirtschaft muss aber ganz oben auf der Prioritätenliste der neuen Regierung stehen, wenn dieses Land die vielen strukturellen Probleme überhaupt bewältigen will.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Der Europäische Online-Glücksspielmarkt: Wachstum, Regulierung Und Konsolidierung 2026

Wenige Branchen wachsen in Europa derzeit so beständig wie das Online-Glücksspiel, und noch weniger tun das bei einem derart...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW-Werk Dingolfing rüstet auf für den entscheidenden Kampf um die Autozukunft
14.08.2026

Tausende Roboter, 280.000 Autos im Jahr und eine neue Batteriefabrik sollen BMWs größten europäischen Produktionsstandort zukunftsfähig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Solarstrom-Produktion unter Druck: Wie sicher ist Deutschlands Stromnetz wirklich?
14.08.2026

Eine Sonnenfinsternis reicht aus, um Europas Solarstrom-Produktion binnen kurzer Zeit massiv zu drücken und die Strompreise nach oben...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo ES90 im Test: Ein guter Grund, den Deutschen Lebewohl zu sagen?
14.08.2026

Der Volvo ES90 ist kein Elektroauto für Käufer, die möglichst günstig in die Premiumklasse einsteigen wollen. Doch wer Komfort,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt ECS Energiemakler: Wenn die Stromrechnung Fragen aufwirft
14.08.2026

Strom und Gas sind für viele Unternehmen heute mehr als ein einfacher Einkaufsposten. Sie sind ein Bereich, in dem Preise, Netzentgelte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ferrari Luce: Erst verspottet, jetzt reißen sich Käufer um den Elektro-Ferrari
14.08.2026

Der Ferrari Luce provozierte Fans, verunsicherte Anleger und ließ Zweifel an Ferraris Elektrostrategie wachsen. Nun ist das Verkaufsziel...

DWN
Panorama
Panorama Konsumflaute trifft Camping-Boom: Jetzt mobile Kaffeemaschinen kaufen und bares Geld sparen!
14.08.2026

Camping boomt, Reisen bleibt beliebt – doch gleichzeitig sitzt das Geld bei vielen Verbrauchern nicht mehr so locker. Genau in diesem...

DWN
Finanzen
Finanzen Norma-Aktie mit Kurssprung: Verbindungstechnikhersteller plant weiteren Aktienrückkauf
14.08.2026

Ein neuer Aktienrückkauf treibt die Norma-Aktie auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Finanziert wird das Vorhaben aus einem...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-Aktie vor dem Mega-IPO: SpaceX könnte die Euphorie zerstören
14.08.2026

Anthropic wächst rasant und könnte mit seinem Börsengang neue Maßstäbe setzen. Doch die Milliardenbewertung steht auf einem...