Technologie

Big Tech: Trumps Zolloffensive könnte Europas Abkopplung von US-Giganten auslösen

Die jüngsten Schritte der US-Regierung unter Donald Trump, die erneut protektionistische Zölle gegen Europa verhängte, könnten die entscheidende Wendung für die europäische Technologiepolitik markieren. Wie reagiert Europa, wenn die Abhängigkeit von US-Technologie zunehmend als strategisches Risiko wahrgenommen wird?
12.04.2025 11:00
Lesezeit: 3 min
Big Tech: Trumps Zolloffensive könnte Europas Abkopplung von US-Giganten auslösen
War das vielleicht längst überfällig? Die jüngsten Schritte der US-Regierung könnten die entscheidende Wendung für die europäische Technologiepolitik markieren. (Foto: dpa) Foto: Andrzej Grygiel

Big Tech: Gab Trump den Anstoß für eine neue Zukunft?

Was einst als nahezu undenkbar galt – dass Europa ohne den Zugang zu russischem Gas überleben könnte –, scheint nun vielleicht nicht mehr so abwegig. Und auch die Vorstellung, dass der Kontinent in Zukunft nicht mehr auf US-Technologie angewiesen sein wird, könnte näher rücken, als wir denken.

Die jüngsten Schritte der US-Regierung unter Donald Trump, die erneut protektionistische Zölle gegen Europa verhängte, könnten die entscheidende Wendung für die europäische Technologiepolitik markieren. Die Frage ist nun: Wie reagiert Europa, wenn die Abhängigkeit von US-Technologie zunehmend als strategisches Risiko wahrgenommen wird?

Europa ohne Big Tech – ein realistisches Szenario?

Ähnlich wie nach dem Ukraine-Konflikt und den Versuchen, Europa von russischem Gas zu entwöhnen, könnte die neue Zollpolitik ein zusätzlicher Katalysator für eine europäische Strategie der „technologischen Souveränität“ werden. Immerhin zeigt sich zunehmend, dass Europa durch die fortwährende Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen wie Amazon, Microsoft, Google und Co. nicht nur seine wirtschaftliche Unabhängigkeit aufs Spiel setzt, sondern auch die Kontrolle über grundlegende Infrastrukturen verliert, die für das tägliche Funktionieren von Staaten und Unternehmen unerlässlich sind.

Laut der Europäischen Kommission sind rund 45 Prozent der europäischen Unternehmen auf Cloud-Dienste angewiesen, die überwiegend von US-Konzernen dominiert werden. Die Sorgen über die Datenhoheit und die geopolitische Abhängigkeit von diesen Unternehmen sind spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden und den wiederholten Spannungen mit der US-Regierung aufgetaucht und haben sich unter der Präsidentschaft von Donald Trump weiter verstärkt.

Die jüngste Entscheidung der EU-Kommission, einen Vertrag im Wert von 10,6 Milliarden Euro zur Schaffung eines eigenen Satellitennetzwerks namens Iris² abzuschließen, zeigt bereits, dass Europa bereit ist, in die technologische Infrastruktur zu investieren und sich von US-Anbietern wie Elon Musks Starlink zu lösen. Das Beispiel Berlin, das den Zugang der Ukraine zu einem Satelliten-Internet-Netzwerk von Eutelsat finanziert, um sich von den US-amerikanischen Anbietern unabhängig zu machen, verdeutlicht die Ernsthaftigkeit dieser Bestrebungen.

Ein sauberer Bruch?

Die Vorstellung, dass Europa seine Abhängigkeit von Big Tech überwinden könnte, wirkt in gewisser Weise immer noch revolutionär. Doch der politische Wille, diesen Schritt zu gehen, könnte jetzt vorhanden sein. Die EU könnte beginnen, eigene Technologien zu entwickeln oder in Regionen nach Alternativen zu suchen, um den globalen Markt nicht den USA und deren Großkonzernen zu überlassen.

Der technologische Boom, der vielfach mit der Globalisierung in Verbindung gebracht wurde, hat Europa zwar eng mit den USA verknüpft, doch wie wir jüngst beobachten konnten, birgt diese Verbindung auch enorme Risiken. Sollte sich die Politik in den kommenden Jahren weiter gegen die US-Technologieindustrie wenden, ist davon auszugehen, dass die europäische Abkopplung von Big Tech mehr als nur ein vager Plan bleiben könnte.

Die Antwort von Silicon Valley – eine Rechnung mit der Zukunft?

Die Tech-Riesen aus dem Silicon Valley, die Donald Trump während seiner Präsidentschaft unterstützt haben, könnten sich nun möglicherweise in einer Zwickmühle wiederfinden. Während sie den Kampf gegen die EU und deren Regulierungsversuche unterstützt haben, könnten ihre eigenen Interessen in Europa – einem der größten Märkte für US-Technologie – in Zukunft Schaden nehmen.

Denn auch wenn die großen Tech-Konzerne wie Apple, Amazon, Microsoft und Tesla ihre globalen Geschäfte in erheblichem Umfang in Europa tätigen, könnten die geopolitischen Spannungen durch die Zollpolitik Trumps dazu führen, dass ihre Einnahmen im europäischen Markt gefährdet sind. Dies zeigte sich bereits am „Tag der Befreiung“, als die Aktienkurse der „Glorreichen Sieben“ – Apple, Microsoft, Nvidia, Amazon, Alphabet, Meta und Tesla – dramatisch fielen, nachdem die Zölle angekündigt wurden.

Europäische Reaktionen: Ein schwieriger Balanceakt

In der EU wird bereits darüber nachgedacht, wie auf die neuen US-Zölle reagiert werden soll. Während ein verstärkter Schutz der eigenen Unternehmen durch neue Regulierungen oder Steuern denkbar ist, warnen einige Wirtschaftsvertreter davor, die „große Bazooka“ auszupacken. Die Einführung von Gegenmaßnahmen könnte die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen weiter gefährden und die wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA zusätzlich belasten.

Die Ibec-Gruppe, die den Technologiesektor in Irland vertritt, hat bereits vor den langfristigen Folgen gewarnt. Eine Politik der Vergeltung könnte vor allem zu einem Rückgang der Investitionen in den europäischen Technologiemarkt führen und die Produktivität in der Region senken. Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses des Europäischen Parlaments, hat jedoch klar gemacht, dass die EU nicht davor zurückschrecken sollte, auch die Tech-Giganten ins Visier zu nehmen, wenn es die Situation erfordert.

Das Anti-Coercion Instrument (ACI) könnte hierbei als Druckmittel dienen, doch es bleibt fraglich, ob Europa tatsächlich den Mut hat, diesen Schritt zu gehen. Carsten Brzeski von ING Research bezeichnete ein solches Vorgehen als „nukleare Option“, die Europa im Falle von Vergeltungsmaßnahmen der USA teuer zu stehen kommen könnte.

Eine neue Ära der technologischen Unabhängigkeit?

Es bleibt abzuwarten, ob die Zollpolitik von Donald Trump wirklich das Signal für eine Abkopplung Europas von den US-Giganten darstellt. Doch die aktuelle geopolitische Lage, gepaart mit den wirtschaftlichen Unsicherheiten, dürfte die Diskussion um die europäische technologische Souveränität weiter anheizen. Ob es Europa gelingt, die nötigen Ressourcen zu mobilisieren, um unabhängig von den großen US-Tech-Konzernen zu werden, wird entscheidend für die Zukunft des Kontinents sein.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stromversorgung nach Kohleausstieg: Braucht Deutschland Gaskraftwerke?
16.01.2026

Die Debatte um neue Gaskraftwerke in Deutschland wird intensiver. Die Regierung sieht sie als zentral für die Versorgungssicherheit,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Institut warnt: Handelspolitik der USA trifft Deutschland langfristig
16.01.2026

Ein Jahr nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump belasten dessen Strafzölle die deutsche Wirtschaft weiterhin deutlich. Nach...

DWN
Panorama
Panorama Unser neues Magazin ist da: Krisenmodus als Normalzustand – Ausblick auf eine unsichere Zukunft
16.01.2026

Krisen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern das Betriebssystem unserer Wirtschaft. Energie, Finanzierung, Vermögen und Führung hängen...

DWN
Politik
Politik Grönland im Fokus der USA: Trump stellt Dänemark vor geopolitische Bewährungsprobe
16.01.2026

Die Spannungen zwischen den USA und Dänemark unter Präsident Trump verdeutlichen neue Bruchlinien im westlichen Bündnis. Wie belastbar...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Boom: Das sind die Gewinner und Verlierer an den Aktienmärkten
16.01.2026

Die Kräfteverhältnisse an den Börsen verschieben sich spürbar, weil KI-Investitionen, Währungseffekte und Branchenrisiken neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastung für Verbraucher: Niedrigere Energiepreise drücken Inflation unter Zwei-Prozent-Marke
16.01.2026

Die Preisentwicklung in Deutschland hat sich im Dezember weiter abgeschwächt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sorgten vor allem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Milliardenübernahme in der Stahlbranche: US-Konzern greift nach Klöckner & Co
16.01.2026

In der Stahlindustrie bahnt sich ein milliardenschwerer Deal an: Worthington Steel aus den USA will Klöckner & Co für elf Euro je Aktie...

DWN
Politik
Politik Förderung Elektroautos: Regierung vertagt Details zur neuen E-Auto Prämie 2026
16.01.2026

Wer auf eine baldige Klarheit zur neuen Kaufprämie für Elektroautos gehofft hat, muss sich weiter gedulden. Bundesumweltminister Carsten...