Wirtschaft

Zukunft unter Druck: Die Wasserstoff-Fabrik von Daimler und Volvo gerät ins Stocken

Mitten in der Energiewende setzen die Lkw-Riesen Daimler und Volvo auf Wasserstoff – doch der Fortschritt ihres Gemeinschaftsunternehmens Cellcentric bleibt hinter den Erwartungen zurück. Verzögerungen bei Genehmigungen, schleppender Infrastrukturausbau und sinkendes Vertrauen bremsen das ambitionierte Projekt.
23.04.2025 16:03
Lesezeit: 3 min

Wasserstoff-Fabrik: Die Zukunft der Schwerlastverkehrs?

Nur wenige Kilometer von Stuttgart entfernt, in einem Industriegebiet mit dem bezeichnenden Namen „Dieselstraße“, baut das Joint Venture Cellcentric an nichts Geringerem als der Zukunft des Schwerlastverkehrs. Das Unternehmen, das je zur Hälfte den Branchenriesen AB Volvo und Daimler Truck gehört, will mit wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen eine Alternative zum Dieselantrieb etablieren. Doch trotz milliardenschwerer Investitionen und politischer Rückendeckung kämpft Cellcentric mit Gegenwind.

„Wir sollten aus den Fehlern der Batterieindustrie lernen und nicht zu schnell skalieren“, warnt Betriebsleiter Lars Johansson im Gespräch mit DWN. Was optimistisch als „Pilotfabrik“ angekündigt wurde, entwickelt sich derzeit eher zu einem industriellen Experiment mit offenem Ausgang.

Milliardeninvestitionen – doch der Markt bleibt zögerlich

Seit der Gründung im Jahr 2021 haben Daimler und Volvo laut eigenen Angaben über 13 Milliarden Schwedische Kronen (rund 1,15 Milliarden Euro) in Cellcentric investiert. Weitere Investitionen sind absehbar – die Gewinnzone bleibt vorerst in weiter Ferne.

Das Versprechen: eine neue Generation von Brennstoffzellen mit deutlich höherer Effizienz und Leistung (350 kW statt der bisherigen 150 kW), niedrigeren Kosten und echtem Skalierungspotenzial für den Fernverkehr. Doch konkrete Zeitpläne für eine rentable Serienfertigung nennt das Unternehmen nicht.

Währenddessen hat Daimler bereits eine Wertberichtigung in Höhe von 281 Millionen Euro vorgenommen – ein klares Zeichen dafür, dass selbst im Mutterhaus Zweifel wachsen. Offiziell begründet wird der Schritt mit der schleppenden Entwicklung der Wasserstoff-Infrastruktur in Europa und den USA sowie regulatorischer Unsicherheit in Übersee.

Hoffnungsträger mit ungewisser Zukunft

Die Vorteile der Technologie sind theoretisch überzeugend: Lkw mit Brennstoffzellen erreichen Reichweiten von über 1.000 Kilometern, das Tanken dauert nur wenige Minuten – ein klarer Vorteil gegenüber batteriebetriebenen Fahrzeugen. Dennoch fehlt es an marktfähigen Produkten, verlässlicher Infrastruktur und einer klaren politischen Linie.

Niklas Ekström, Finanzchef von Cellcentric, bleibt dennoch optimistisch: „Große industrielle Transformationen brauchen solche Partnerschaften. Wir wollen nicht nur unsere Eigentümer beliefern, sondern die Technologie für den gesamten Markt verfügbar machen.“

Die Belegschaft von Cellcentric zählt inzwischen rund 500 Mitarbeiter, viele davon mit Erfahrung aus der Speditions- und Fahrzeugbranche. Doch ob die Vision einer europäischen Wasserstoff-Vorzeigefabrik realisiert werden kann, ist derzeit fraglich. Der geplante Bau der Großfabrik im nahegelegenen Weilheim an der Teck wurde wegen langwieriger Grundstücksverhandlungen verschoben. Ein konkreter Baubeginn steht weiter aus.

Infrastruktur in Europa: Rückstand mit Ansage

Während China massiv in Wasserstoff investiert und bereits über eine funktionierende Infrastruktur verfügt, stagniert der Ausbau in Europa und Nordamerika. „Die Verzögerungen sind gravierend“, stellt Johansson nüchtern fest. Tatsächlich existieren in Schweden kaum betriebsbereite Wasserstofftankstellen – von einem flächendeckenden Netz ist man Lichtjahre entfernt.

Das erinnert an das Schicksal von Northvolt: Das schwedische Batterie-Startup, einst gefeierter Hoffnungsträger der europäischen Elektromobilität, musste Insolvenz anmelden. Für Johansson ist das eine Lehre: „Wir sollten nicht dieselben Fehler machen und die Industrialisierung schrittweise angehen.“

Industrielle Umsetzung bleibt herausfordernd

In der Pilotanlage in Esslingen wurden bislang rund 100 Brennstoffzellensysteme gefertigt. Die Produktion ist komplex: Kohlenstoff, Platin und Iridium werden in einem aufwendigen Prozess verarbeitet, in Sandwich-Strukturen verbaut, getrocknet und in handgefertigten Aluminiumstapeln montiert. Die Serienproduktion soll in kleinen Schritten anrollen – ein Ansatz, der Kapital bindet, aber Skaleneffekte vorerst verhindert.

„Eine Brennstoffzellenproduktion erfordert weniger Investitionen als eine Gigafactory für Batterien“, meint Johansson. Doch die Herausforderung liege im Detail – und im Vertrauen der Märkte.

Fazit: Technologie mit Potenzial – aber ohne Fundament?

Wasserstoff als Energieträger könnte im Schwerlastverkehr tatsächlich zur tragenden Säule einer emissionsarmen Logistik werden. Doch der Weg dorthin ist steinig, politisch umkämpft und von wirtschaftlichen Unsicherheiten begleitet.

Cellcentric steht exemplarisch für die Chancen und Risiken der sogenannten „grünen Transformation“. Die Vision ist klar – aber Umsetzung, Marktumfeld und Infrastruktur bleiben offen.

Dass die Lkw-Giganten weiter an Diesel und Verbrennern festhalten, kommt nicht von ungefähr. „Der klassische Verbrennungsmotor hat noch eine Zukunft – die Frage ist nur, mit welchem Kraftstoff“, sagt Johansson. Doch klar ist auch: Die Zeit des klassischen Diesels läuft ab.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Geldanlage beginnt beim Fiskus: Steuerstrategien für die nächste Dekade
30.03.2026

Geldanlage beginnt nicht bei der Renditeplanung, sondern beim Fiskus. Dieser Ratgeber zeigt, warum Abgeltungssteuer, Wegzugsbesteuerung,...

DWN
Immobilien
Immobilien Historischer Durchbruch am Bau: Lohnmauer 35 Jahre nach der Einheit gefallen
30.03.2026

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung erreicht die Baubranche einen entscheidenden Meilenstein der innerdeutschen...

DWN
Politik
Politik US-Top-Professor: Trump ist im Iran in eine Falle getappt
30.03.2026

Laut dem US-Politikwissenschaftler Robert Pape bewegt sich der Iran-Krieg auf einen Punkt zu, an dem er kaum noch zu stoppen ist.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsen vor Anstieg: Kredite in Europa könnten deutlich teurer werden
30.03.2026

Mehrere Mitglieder des EZB-Rats sprechen offen über mögliche Zinserhöhungen. Die Märkte sehen aktuell eine hohe Wahrscheinlichkeit für...

DWN
Politik
Politik Umstrittener Staatsbesuch: Syrischer Präsident zu Gesprächen in Berlin
30.03.2026

Nach der Verschiebung im Januar wird der Besuch des syrischen Präsidenten nun unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen nachgeholt....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Zwischen Regenfrust und Qualitätsrausch: Die deutsche Weinbilanz 2025
30.03.2026

Das Wetterjahr 2025 verlangte den deutschen Winzern einiges an Nervenstärke ab. Besonders die heftigen Niederschläge im September setzten...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum so viele Deutsche Aktien und Fonds links liegen lassen
30.03.2026

Milliarden liegen auf Sparbüchern, während Aktien & Co. kaum genutzt werden. Warum viele Deutsche vor Wertpapieren zurückschrecken –...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldwäsche-Skandal: Wie dubiose Deals eine Schweizer Bank zu Fall brachten
30.03.2026

Eine kleine Privatbank aus Zürich entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einem profitablen, aber hochriskanten Geschäftsmodell. Die...