Wirtschaft

USA am Rande einer Rezession – Europa kämpft sich langsam zurück

Erstmals seit Jahren schrumpft die US-Wirtschaft – trotz boomender Konsumausgaben. Europa zeigt vorsichtige Stabilität, das ist die gute Nachricht. Eine schlechte gibt es aber auch: Deutschland bremst weiter die Entwicklung in Europa.
06.05.2025 10:59
Lesezeit: 2 min

Die US-Wirtschaft steht offenbar am Scheideweg: Erstmals seit drei Jahren verzeichnete die größte Volkswirtschaft der Welt im ersten Quartal einen Rückgang – und das trotz aller Bemühungen, die wirtschaftspolitische Unsicherheit durch kurzfristige Konsumimpulse und steuerliche Maßnahmen zu kompensieren. Unterdessen signalisiert die Europäische Union mit vorsichtigem Optimismus ein zaghaftes Comeback – auch wenn der wirtschaftliche Motor Deutschland noch immer stottert.

Zölle und Lageraufbau verzerren das Bild

Laut den aktuellen Zahlen ist die US-Wirtschaft im ersten Quartal um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft, was einer annualisierten Schrumpfung von 0,3 Prozent entspricht. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als viele Analysten im Vorfeld mit noch schlechteren Werten gerechnet hatten. Das Modell der Federal Reserve Bank von Atlanta etwa hatte gar einen Rückgang von 0,4 Prozent prognostiziert. Der Rückgang wird insbesondere auf eine ungewöhnlich starke Zunahme der Importe zurückgeführt – ein Symptom wachsender Unsicherheit angesichts des unberechenbaren Zollkurses der US-Regierung.

Der plötzliche Anstieg der Importe diente in erster Linie dem Aufbau von Lagerbeständen – eine klassische Reaktion auf mögliche Handelsstörungen. Doch dieser künstliche Effekt wirkt sich negativ auf die Binnenwirtschaft aus. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit bei Investoren und Unternehmen, die klare Richtlinien und Berechenbarkeit vermissen.

Und während die Konsumausgaben, Wohnimmobilieninvestitionen und Anlageinvestitionen ein solides Wachstum jenseits der 5-Prozent-Marke verzeichnen, herrscht in der Breite Nervosität. Die Plattform Polymarket, die auf Prognosemärkte spezialisiert ist, sieht die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in diesem Jahr inzwischen bei über 65 Prozent. Eine solche Einschätzung basiert auf der Annahme, dass zwei aufeinanderfolgende Schrumpfungsquartale oder eine offizielle Feststellung durch das NBER genügen, um von einer Rezession zu sprechen.

Die Spaltung der Prognosen ist Ausdruck wachsender Unsicherheit

Ein Blick auf die Prognosen unterstreicht das Ausmaß der Unsicherheit: In der aktuellen Bloomberg-Umfrage schwanken die BIP-Erwartungen für die USA im Jahresverlauf zwischen 0,5 und 3 Prozent. Diese extreme Bandbreite verweist auf eine tiefe Unsicherheit in Bezug auf die weitere geld- und handelspolitische Ausrichtung der Vereinigten Staaten. Sollte die US-Notenbank trotz Konjunkturschwäche an ihrem Zinspfad festhalten, könnte dies die fragile Lage weiter verschärfen.

Europa: Stabilität auf niedrigem Niveau – Hoffnung auf Neustart in Deutschland

Während die USA mit ihren hausgemachten Problemen ringen, zeigt sich Europa erstaunlich stabil. Laut einer Schnellschätzung von Eurostat betrug das Wachstum der EU im ersten Quartal solide 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – exakt der gleiche Wert wie im vorherigen Quartal. Dies liegt zwar im langjährigen Durchschnitt, doch der ist bekanntlich alles andere als beeindruckend. Die strukturellen Defizite innerhalb der Eurozone bleiben ungelöst, Reformdruck kommt nicht nur aus den südlichen Mitgliedsstaaten.

Besonders kritisch ist die Lage in Deutschland. Die einstige Lokomotive Europas befindet sich weiterhin im Stand-by-Modus: Im Vergleich zum Vorjahr sank das BIP leicht um 0,2 Prozent. Es fehlt an Impulsen, Investitionen und Innovationsfreude. Große Hoffnungen ruhen nun auf der neuen Bundesregierung unter Friedrich Merz, dessen Wahl zum Bundeskanzler nächste Woche erwartet wird. Doch Beobachter warnen: Die Reformversprechen sind ambitioniert – ob sie in der Realität durchsetzbar sind, steht auf einem anderen Blatt.

EZB in der Pflicht – Zinssenkungen als Konjunkturhilfe

Ein Lichtblick für die europäische Konjunktur könnte aus Frankfurt kommen. Die Europäische Zentralbank hat signalisiert, dass erste Zinssenkungen in greifbare Nähe rücken. Dies könnte – sofern nicht erneut durch geopolitische Turbulenzen torpediert – der entscheidende Impuls für eine nachhaltige Erholung sein. Klar ist: Ohne neuen wirtschaftlichen Schwung aus Berlin bleibt Europas Aufschwung ein fragiles Unterfangen.

Fazit:

Während die USA von den selbst geschaffenen Widersprüchen ihrer Wirtschaftspolitik eingeholt werden, versucht Europa mit viel Disziplin, aus dem Tal der Stagnation herauszukommen. Doch beide Wirtschaftsräume stehen vor einer Bewährungsprobe – in einem Jahr, das von politischen Weichenstellungen geprägt sein wird.

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