Wirtschaft

USA vor Energieumbruch: Strom wird zum neuen Öl – und zur nächsten geopolitischen Baustelle

Ein fundamentaler Wandel zeichnet sich in der US-Wirtschaft ab: Elektrizität verdrängt Öl als Rückgrat der nationalen Energiesicherheit. Jahrzehntelang galten Ölpreise und Fördermengen als Barometer für Wohlstand und Stabilität – doch nun gerät Strom ins Zentrum der wirtschaftlichen und politischen Planung.
11.05.2025 10:58
Lesezeit: 2 min

Strombedarf auf Jahrzehnthoch – das Netz ist nicht vorbereitet

Während der Ölverbrauch stagniert, explodiert die Nachfrage nach Strom. Verantwortlich dafür sind vor allem Rechenzentren, die das Rückgrat von Künstlicher Intelligenz, Cloud-Diensten und Kryptowährungen bilden. Hinzu kommen wachsende Elektromobilität, Wärmepumpen sowie die Dekarbonisierung industrieller Prozesse.

Nach Jahrzehnten des Stillstands steigt der US-Strombedarf erstmals seit den 1960er Jahren wieder rasant – um über 3 Prozent jährlich, so die Energieberatung Grid Strategies. Zum Vergleich: Noch vor wenigen Jahren lag das Wachstum unter 1 Prozent. Die Infrastruktur aber, die diesen Wandel tragen soll, steht unter enormem Druck.

„Wir brauchen dringend Transformatoren, Umspannwerke, Netzausbau – doch die Industrie hat zu lange im Energiesparmodus gearbeitet“, warnt Grid-Strategien-Chef Rob Gramlich. Genehmigungen für Netzanschlüsse dauern laut dem Lawrence Berkeley National Laboratory mittlerweile im Schnitt fünf Jahre.

Politischer Sprengstoff – Strom wird zur Machtfrage

Was einst die OPEC und der Ölpreis waren, könnte künftig die Regulierung des Stromnetzes werden. Investitionen in Milliardenhöhe sind nötig – doch die Bürokratie bremst, während sich demokratische und republikanische Bundesstaaten auf unterschiedliche Prioritäten konzentrieren: Erneuerbare Energien versus Rechenzentren, Dekarbonisierung versus Industrieansiedlung.

Die Regierung Joe Bidens hat mit einem Infrastrukturprogramm über 8 Milliarden US-Dollar erste Schritte unternommen, doch angesichts des enormen Bedarfs ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Trumps Rückkehr ins politische Zentrum bringt zusätzliche Unsicherheit: Er will fossile Energien wieder stärken, Umweltauflagen kippen und den grünen Umbau bremsen.

Elektrizität – ein kapitalintensiver Machtfaktor

Anders als Öl, bei dem die Kosten vor allem im Brennstoff selbst liegen, ist Elektrizität ein infrastrukturgetriebenes Geschäft. Der Kapitalbedarf ist enorm – und zieht bereits Private Equity an. Zuletzt sicherten sich der Canada Pension Fund und Global Infrastructure Partners für 6,3 Milliarden Dollar den Energieversorger Allete, der Minnesota Power kontrolliert.

Die Aussicht auf garantierte Renditen durch staatlich regulierte Stromtarife macht den Sektor für Investoren attraktiv – doch das Risiko ist hoch. Sollte die Nachfrage hinter den Erwartungen zurückbleiben, etwa durch eine Überhitzung des Rechenzentrumsmarktes, drohen Fehlinvestitionen, deren Kosten letztlich beim Verbraucher landen.

Fazit: Strom ist das neue geopolitische Öl

Die USA stehen am Beginn eines historischen Wandels. Strom wird zur strategischen Ressource – mit allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Spannungen, die einst mit Öl verbunden waren. Die kommende Präsidentschaftswahl wird darüber entscheiden, ob der Energiesektor in die Zukunft investiert – oder ins fossile Gestern zurückkehrt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen BASF-Aktie: Ludwigshafener Chemiekonzern bleibt für 2026 vorsichtig – BASF-Zahlen überzeugen nicht
27.02.2026

Die endgültigen BASF-Quartalszahlen überzeugen die Anleger nicht. Der weltgrößte Chemiekonzern hat eine vorsichtige Prognose...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Verdi-Warnstreik im Nahverkehr vielerorts gestartet: Busse und Bahnen stehen still – Tarifkonflikt spitzt sich zu
27.02.2026

Der Verdi-Warnstreik legt den Nahverkehr in weiten Teilen Deutschlands lahm und trifft Millionen Pendler. Busse und Bahnen stehen still,...

DWN
Politik
Politik US-Urteil bremst Trumps Zollpolitik: Indien setzt weiterhin auf russisches Öl
27.02.2026

Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA begrenzt den handelspolitischen Spielraum von Präsident Trump und beeinflusst die Debatte...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer: Mehrheit der Deutschen für Steuer auf zuckerhaltige Getränke
27.02.2026

Eine Umfrage zeigt: 60 Prozent der Menschen in Deutschland befürworten eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Besonders hoch ist die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI beschleunigt Stellenabbau: Diese Branchen geraten unter Druck
27.02.2026

Weltweit treiben Unternehmen den Ausbau von Künstlicher Intelligenz voran und richten ihre Investitionsstrategien neu aus. Welche Folgen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Nvidias steiler Kurssturz drückte den Technologiesektor ins Rote
26.02.2026

Trotz der hervorragenden Finanzergebnisse des KI-Riesen Nvidia konnte das Unternehmen die Investoren nicht ausreichend überzeugen. Dies...

DWN
Politik
Politik EU-Klimazoll: CO2-Zoll soll auch für Waschmaschinen und andere Waren kommen
26.02.2026

Künftig sollen 180 Industrieprodukte, darunter auch Haushaltswaren, unter den EU-CO2-Zoll fallen. Was die Kommission damit erreichen will.

DWN
Politik
Politik Bundeswehr bekommt Kamikaze-Drohen: Stärkung der Nato-Ostflanke
26.02.2026

Deutschland stellt 540 Millionen Euro für Kamikaze-Drohnen bereit und stärkt damit gezielt die militärische Präsenz an der...