Wirtschaft

Lieferketten am Limit: Handelskrieg bringt globale Versorgung ins Wanken

Die globale Lieferketten geraten durch den Handelskrieg zwischen den USA und China massiv unter Druck. Trotz Zollpause bleiben Investitionen aus – Unsicherheit lähmt die Industrie weltweit.
15.05.2025 15:11
Lesezeit: 2 min
Lieferketten am Limit: Handelskrieg bringt globale Versorgung ins Wanken
Der Zollkrieg bringt die globalen Lieferketten an ihre Grenzen. (Foto: dpa | Stephen B. Morton) Foto: Stephen B. Morton

US-Konzerne horten Bauteile – aus Angst vor neuen Zöllen

Die Spannungen zwischen den USA und China haben sich zuletzt leicht abgeschwächt – doch die Erholung der globalen Lieferketten bleibt aus. Im Gegenteil: Die aktuelle Datenlage deutet auf ein System am Rande des Zusammenbruchs hin.

Ein nun veröffentlichter Index zur Volatilität globaler Lieferketten, erstellt von der Beratungsfirma GEP (Global Enterprise Partners), zeigt ein besorgniserregendes Bild: Nach einer Phase hektischer Lageraufstockungen zogen sich die Unternehmen rasch aus neuen Bestellungen zurück. Im April, nach einer Welle von Panikkäufen zur Absicherung gegen drohende Zölle, brach die Einkaufsaktivität im verarbeitenden Gewerbe spürbar ein.

Das temporäre Aussetzen der Zölle – kurz vor Erreichen eines kritischen Punktes für die internationalen Versorgungsketten vereinbart – verschaffte den Produzenten auf beiden Seiten des Pazifiks zwar etwas Luft. Doch echte Entwarnung sieht anders aus.

„Die Aussetzung der Zölle ist zweifellos positiv. Gleichzeitig beobachten wir einen spürbaren Rückgang der Nachfrage nach chinesischen Industrieprodukten, während US-Unternehmen fieberhaft versuchen, sich mit strategischen Komponenten einzudecken – aus Angst vor neuen Handelsbarrieren“, erklärt John Piatek, Vizepräsident für Beratung bei GEP.

Die Unsicherheit bleibt jedoch bestehen. Die Unternehmen suchen weiterhin nach Wegen, um ihre Abhängigkeit von China zu reduzieren und ihre Lieferketten künftig widerstandsfähiger zu gestalten.

Der GEP-Index, der monatlich Daten von über 27.000 Unternehmen weltweit auswertet, berücksichtigt Indikatoren wie Nachfrageveränderungen, Lieferengpässe, Transportkosten und Lagerbestände. Laut Piatek hat der Handelskrieg bereits erste tiefe Spuren in der globalen Industrie hinterlassen. Sollte die 90-tägige Waffenruhe nicht verlängert werden und die Spannungen erneut eskalieren, droht eine weitere Verschärfung der Lage.

Auffällig: Im April kam es in Nordamerika zu einem sprunghaften Anstieg der Lagerbestände – ein „besorgniserregender Trend“, so Piatek. Gleichzeitig meldeten Hersteller in Asien zunehmende Probleme bei der Beschaffung und einen Nachfrageeinbruch – das Einkaufsniveau fiel auf den tiefsten Stand seit Dezember 2023.

Europa zwischen Erholung und Unsicherheit

In Europa ist die Lage insgesamt etwas stabiler: Die industrielle Rezession scheint sich dem Ende zuzubewegen. Während Großbritannien – als erstes Land mit einem vorläufigen Handelsabkommen mit den USA – weiterhin eine schwache Zulieferaktivität verzeichnet, zeigen sich in Deutschland und Frankreich erste Anzeichen industrieller Belebung. Dort steigen die Produktionskapazitäten wieder, nachdem sie im Vorjahr stark unterausgelastet waren.

Experten warnen jedoch: Sollte sich der globale Handelskonflikt erneut verschärfen, könnte die zarte wirtschaftliche Erholung schnell wieder verpuffen.

In Asien hingegen – insbesondere in China, Taiwan und Südkorea – steigen die sogenannten ungenutzten Kapazitäten. Dies gilt als Frühindikator für eine Abschwächung der Konjunktur.

Vor allem die chinesische Automobilzulieferindustrie muss ihre globalen Expansionspläne überdenken. Ob Batterien für E-Fahrzeuge, Radarsysteme oder Steuerungseinheiten – die Ungewissheit über neue Zölle macht Investitionsentscheidungen außerhalb Chinas extrem schwierig. Laut S&P Global hemmen die aktuellen Handelsrisiken gezielt den Bau neuer Fabriken im Ausland.

Vertragspause ohne Vertrauen: Neue Deals auf Eis

Trotz der Entspannung bleiben viele potenzielle Verträge zwischen chinesischen Produzenten und ihren US-Partnern auf Eis. Der Grund: mangelndes Vertrauen in die Nachhaltigkeit der Waffenruhe.

Qian Kang, Eigentümer einer Leiterplattenfabrik in der chinesischen Provinz Zhejiang, bringt es auf den Punkt: Die Lage könne sich schlagartig ändern, sobald die 90-tägige Frist endet.

Stephen Edwards, Geschäftsführer des Hafens im US-Bundesstaat Virginia, äußerte sich im Interview mit CNBC ähnlich: Wenn globale Unternehmen tatsächlich ihre Abhängigkeit von China reduzieren wollten, sei sein Hafen bereit, neue Handelsrouten abzuwickeln – insbesondere mit Südostasien, Indien und Europa.

„In den letzten vier Jahren haben wir das stärkste Wachstum bei Handelsvolumen mit Indien, Vietnam und europäischen Ländern gesehen“, so Edwards. Der Handel mit China sei in diesem Zeitraum weitgehend stabil geblieben.

„China ist weiterhin unser zweitgrößter Handelspartner nach der EU – aber wir sehen, dass sich dieses Gleichgewicht zu verschieben beginnt. Wir sind vorbereitet auf die neuen Realitäten“, sagte Edwards abschließend.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kritische Rohstoffe: Europas unterschätzter Machtfaktor
26.05.2026

Lange Zeit galt die Globalisierung als Garant für Wohlstand und Stabilität. In einer vernetzten Welt, so die Theorie, würde der freie...

DWN
Politik
Politik Trump-Strategie zerlegt Amerikas Macht in Echtzeit
26.05.2026

Donald Trump sendet an China ein Signal, das kaum gefährlicher sein könnte. In der Taiwan-Frage rückt er von jener Abschreckung ab, auf...

DWN
Panorama
Panorama Pflegeversichung: Kinderlose sollen höheren Pflegebeitrag zahlen
26.05.2026

Die Finanzlage der Pflegeversicherung spitzt sich dramatisch zu. Jetzt prüft die Bundesregierung höhere Beiträge für Kinderlose – und...

DWN
Finanzen
Finanzen Wenn der EURIBOR steigt, wird die Mathematik weniger freundlich
26.05.2026

Der EURIBOR steigt wieder und signalisiert, dass die Zeit des billigen Geldes nicht zurückkehrt. Für Immobilienkäufer, Unternehmen und...

DWN
Politik
Politik Baltische Luftraumüberwachung wird zum Testfall für Europas Ostflanke
26.05.2026

Eine Drohne dringt in estnischen Luftraum ein, kurz darauf kündigt Polen Kampfjets für Ämari an. Was wie ein regionales Signal wirkt,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie steigert Umsatz und streicht Stellen
26.05.2026

Die deutsche Industrie meldet erstmals seit fast drei Jahren wieder steigende Umsätze – doch gleichzeitig beschleunigt sich der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft SpaceX-Börsengang könnte die gefährlichste Wette des Jahres werden
26.05.2026

SpaceX soll an die Börse, und die Zahlen wirken gigantisch. Doch hinter der möglichen Rekordbewertung stehen Milliardenverluste, enorme...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU Inc.: Europas Tech-Traum droht an Amerika zu zerbrechen
26.05.2026

Europa gründet, forscht und erfindet. Doch wenn aus Ideen Konzerne werden sollen, wandern viele der besten Firmen in Richtung USA. Mit EU...