Kapitalrotation: USA raus, Europa rein
Die Erholung der europäischen Aktienmärkte hat gerade erst begonnen – davon zeigt sich die schwedische Makroforschungsfirma Gavekal überzeugt. Doch wer von den geopolitischen Verschiebungen der US-Sicherheitspolitik profitieren will, sollte sein Kapital nicht in die Rüstungsindustrie, sondern in den Energiesektor lenken. Das erklärte Louis-Vincent Gave, CEO und Mitgründer von Gavekal, bei einem Vortrag in Stockholm.
Bereits zu Jahresbeginn kam es zu einer massiven Kapitalumschichtung – raus aus den USA, rein nach Europa. Doch dies sei nur der Auftakt einer umfassenden Neubewertung europäischer Vermögenswerte, so Cedric Gemehl, Europa-Ökonom bei Gavekal. Viele der Unsicherheiten, die Europa lange belastet hätten, verwandelten sich nun in Chancen.
Er verweist auf die Stabilisierung der politischen Lage in zwei wirtschaftlichen Schwergewichten – Frankreich und Deutschland. Und: Die Rückkehr von Donald Trump in das Rennen um das US-Präsidentenamt habe laut Gemehl einen Reformimpuls für Europa ausgelöst. „Trump 2.0 hat Europas Wirtschaftspolitik zu einem grundlegenden Kurswechsel gezwungen – hin zu wachstumsorientierten Maßnahmen.“
Deutschland lockert die Schuldenbremse – und investiert
Besonders deutlich sei dieser Wandel am Beispiel Deutschlands, wo die Regierung jüngst die Schuldenbremse aufgeweicht und neue Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur beschlossen habe. Für Gemehl ist das der Beginn einer völlig neuen fiskalpolitischen Philosophie in Europa. Die niedrige Bewertung europäischer Aktien habe zudem nichts mit einer vermeintlich schwächeren Tech-Landschaft zu tun. Vielmehr sei es die fiskalpolitische Austerität gewesen, die über Jahre hinweg die Binnennachfrage gebremst habe.
Jetzt jedoch sieht Gemehl erhebliches Potenzial für eine zweite Erholungswelle an Europas Börsen – bis Mitte 2027.
Europas Rüstungsboom als Trugschluss?
Für Louis-Vincent Gave war die wohl wichtigste globale Zäsur dieses Jahres die Rede des US-Vizepräsidenten J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Diese habe deutlich gemacht, dass die USA nicht länger gewillt seien, Europa militärisch zu schützen. Das führte zunächst zu einem massiven Kurssprung bei europäischen Rüstungsaktien.
Doch Gave warnt: Dieser Trend sei trügerisch. Die Kriege der Zukunft würden nicht mit Panzern, Kanonen und Kriegsschiffen geführt – sondern mit neuen Technologien wie Drohnen, Cyberwaffen und Weltraumsystemen. „Ja, die Verteidigungshaushalte werden steigen. Aber das Geld fließt nicht in Panzer oder Roboter, sondern in Cybersicherheit und den Orbit.“
Energiesicherheit wird zur strategischen Schwachstelle
Eine weit größere Herausforderung für Europa wäre laut Gave der Rückzug der USA aus der Sicherung globaler Handels- und Rohstoffrouten. Dies könnte zu erheblichen Turbulenzen auf den Rohstoffmärkten führen.
Ein Blick zurück: In der Energiekrise 2022 hatte die Biden-Regierung die US-Ölreserven angezapft, um den Preisverfall zu dämpfen – ein Rettungsanker für Europa. Doch sollte sich heute eine ähnliche Situation ereignen, hält Gave es für unwahrscheinlich, dass ein Präsident Trump ähnlich handeln würde. „Dass Europa keine strategischen Ölreserven besitzt, bedeutet faktisch, dass wir unsere Energieabhängigkeit von den USA akzeptieren. Das war 80 Jahre lang hinnehmbar – aber J.D. Vance hat uns deutlich gemacht, dass diese Ära vorbei ist.“
Energieinfrastruktur statt Panzer
Für Gave ergibt sich daraus eine klare Handlungsanweisung: Europa muss eigene strategische Reserven aufbauen und massiv in den Ausbau seiner Energieinfrastruktur investieren – insbesondere in die Stromnetze. „Sie fragen sich, ob Sie in Rheinmetall oder Siemens investieren sollten? Oder vielleicht in Mitsubishi Electric? Ich meine: Siemens zu kaufen ist klüger als Waffen zu kaufen.“