Politik

Rechtsrisiko aus Brüssel: EU plant Nachhaltigkeitslockerung – Juristen warnen vor Rechtsbruch

Die EU will Nachhaltigkeitsauflagen für Unternehmen radikal vereinfachen – doch Juristen schlagen Alarm: Brüssel riskiere einen Rechtsbruch mit unabsehbaren Folgen.
16.06.2025 07:13
Lesezeit: 1 min

Im Eiltempo will die EU-Kommission zentrale Nachhaltigkeitsvorgaben aufweichen. Kritiker sehen einen Bruch mit Grundrechten – und warnen vor jahrelanger Rechtsunsicherheit.

Die Europäische Union steht vor einem potenziellen Rechtsstreit mit weitreichenden Folgen für ihre eigene Wirtschaft. Mit dem sogenannten Omnibus-Vorschlag will die EU-Kommission umfassende Vereinfachungen im Nachhaltigkeitsrecht umsetzen – doch der juristische Widerstand wächst. Der renommierte EU-Rechtsexperte David Frydlinger spricht von massiven rechtlichen Risiken und einer „veritablen Gefahr“ für Rechtssicherheit und Grundprinzipien der Union.

Im Zentrum der Kritik steht das Verfahren: Ohne öffentliche Konsultation oder Folgenabschätzung und nach mutmaßlichen Geheimtreffen mit Industrievertretern legte die Kommission ihre Pläne vor. Acht Organisationen aus Umwelt- und Menschenrechtsbereichen haben deshalb Beschwerde bei der EU-Bürgerbeauftragten Teresa Anjinho eingereicht. Die Einleitung einer offiziellen Untersuchung erfolgte bereits am 23. Mai.

Rechtsstaat auf Abwegen?

Frydlinger, Partner der Kanzlei Ciro und spezialisiert auf EU-Nachhaltigkeitsrecht, warnt: Mehrere Bestandteile des Omnibus-Vorschlags könnten gegen die EU-Grundrechtecharta und die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen. Konkret geht es unter anderem darum, dass rund 80 Prozent der europäischen Unternehmen künftig von der Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung ausgenommen werden sollen. Auch das Streichen der verbindlichen Klimapläne steht auf der Liste.

Sollten diese Pläne vor dem Europäischen Gerichtshof oder dem Menschenrechtsgerichtshof landen, drohe laut Frydlinger ein jahrelanger Prozess – mit erheblichen Risiken für europäische Unternehmen. „Es ist gut möglich, dass zentrale Teile des Vorschlags für rechtswidrig erklärt werden“, sagt er. Die Folge: Rechtsunsicherheit, Investitionsrisiken und regulatorische Rückschläge.

Politik beschleunigt – ohne Sicherheitsprüfung

Trotz dieser Warnungen wird der Gesetzesprozess forciert. Am Montag präsentierte der konservative EU-Abgeordnete Jörgen Warborn (EVP) das Parlamentsdokument, das als Verhandlungsbasis dienen soll. In mehreren Punkten fordert er sogar noch weitergehende Lockerungen als die Kommission selbst.

Während die Industrie jubelt, wächst in rechtsstaatlich orientierten Kreisen die Sorge: Wird Nachhaltigkeit zur Verhandlungsmasse? Und stellt Brüssel die Wettbewerbsfähigkeit über die Rechtsprinzipien?

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Novo Nordisk-Aktie: Warum der Ozempic-Riese plötzlich alles ändert
21.09.2026

Novo Nordisk macht aus sich selbst „Novo“ und dreht sogar den berühmten Stier im Logo um. Doch hinter der vermeintlichen kosmetischen...

DWN
Finanzen
Finanzen Neue Euro-Banknoten: Diese Motive stehen zur Wahl – Umfrage endet
21.09.2026

Europas Bargeld soll moderner, sicherer und langlebiger werden. In einer großen Online-Umfrage entscheiden Bürger über mögliche Motive...

DWN
Politik
Politik Wahlsieg für Putin: Kremlpartei sichert sich Zweidrittelmehrheit
21.09.2026

Die Kremlpartei Geeintes Russland sichert sich bei der russischen Parlamentswahl offenbar erneut eine Zweidrittelmehrheit. Oppositionelle...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: AfD knapp vor SPD – in Berlin siegt die Linke
21.09.2026

Zwei Wahlen, zwei politische Erdbeben: Im Nordosten scheitert die CDU an der Sperrklausel, in Berlin wird die Linke stärkste Kraft....

DWN
Technologie
Technologie KI-Risiken: Welche Gefahren durch künstliche Intelligenz wirklich drohen
21.09.2026

Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant und löst immer neue Debatten über mögliche Risiken aus. Während einige Fachleute vor...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Europäische Banken und Stromnetze sind interessant, zehn Prozent des Portfolios in Gold
20.09.2026

Der Glaube an künftige Gewinne besiegt offenbar noch die Angst vor teurerem Geld.

DWN
Finanzen
Finanzen Investmentchancen: Korea, Luxus, Wasser – wo jetzt Rendite lockt
20.09.2026

Die Börsen stehen nahe ihren Rekorden, doch einige Anleger suchen ihre Chancen ausgerechnet dort, wo es zuletzt besonders wehgetan hat....

DWN
Panorama
Panorama KI-Kunst: Kreative Revolution oder seelenlose Kopie?
20.09.2026

Zurzeit gibt es viel Kritik an KI-generierter Kunst. Die Argumente klingen vertraut: „seelenlos“, „bloße Reproduktion des...