Start-up-Milliarden versickern – der Westen streitet, Russland rüstet
Einer der weniger beachteten, aber strategisch wichtigen Beschlüsse des NATO-Gipfels in Vilnius vor fast zwei Jahren war die Gründung des neuen Innovationsfonds der Allianz. Ziel: schneller Technologien mit doppeltem Verwendungszweck und militärischen Anwendungen voranzutreiben – ein Bedarf, der sich mit der russischen Invasion in der Ukraine massiv verschärfte. Das Vorhaben umfasst zwei Kerninstrumente: Zum einen den NATO-Innovationsbeschleuniger DIANA, an dem auch litauische Start-ups wie „Astrolight“ teilnahmen. Das Unternehmen entwickelt Laserkommunikationssysteme für Satelliten und sammelte nach der Teilnahme an DIANA 2,8 Millionen Euro ein. Das berichtet das Wirtschaftsportal Verslo žinios.
Zum anderen den Innovationsfonds (NIF) mit einem Volumen von 1 Mrd. Euro. Er funktioniert im Kern wie ein Risikokapitalfonds für Start-ups und Venture-Fonds, die Produkte mit militärischem oder dualem Zweck entwickeln. Auch das litauische Unternehmen „BSV Ventures“ gehört dazu, das im November 2024 die Platzierung eines 15 Mio. Euro Fonds abschloss. Unter den bisherigen Direktinvestitionen des NIF finden sich Start-ups aus Deutschland, Großbritannien, Portugal und Italien. Insgesamt hat der Fonds bislang mindestens 16 Investments getätigt – in Start-ups wie auch in Venture-Capital-Fonds.
Die Mehrheit der NATO-Mitgliedstaaten brachte Kapital in den Fonds ein, darunter auch Litauen. Die Beiträge teilen sich auf: 60 Prozent sind für alle Länder gleich, 40 Prozent bemessen sich nach dem nationalen BIP. Für Litauen ergibt sich so ein Beitrag von gut 30 Millionen Euro. Rund die Hälfte der Mittel floss direkt über nationale Verteidigungsministerien, der Rest über staatliche Fonds oder ähnliche Strukturen. Zwei Jahre später läuft der ehrgeizige NATO-Plan zur Bündelung des Innovationspotenzials innerhalb des Bündnisses nicht wie erhofft: Der erste Fondsmanager blieb kaum länger als ein Jahr im Amt, drei der fünf Gründungspartner sind ausgestiegen, zudem gibt es Sorgen über mögliche Interessenkonflikte.
Ungewöhnliche Struktur
Das Tech-Portal „Sifted“ berichtet über strukturelle Mängel beim Innovationsfonds der NATO. Das Modell sah vor, dass zunächst das Kapital gesammelt wird, danach das Board ernannt wird, und erst dann die Partner für das operative Investment-Management hinzukommen. Ein Insider sagte gegenüber „Sifted“, die Rekrutierung geeigneter Partner sei schwierig gewesen – nicht zuletzt wegen der teils unterschiedlichen Prioritäten der beteiligten Verteidigungsministerien. Dass die Partner von einem Board berufen werden, sei im Risikokapitalbereich unüblich – es fehlte an eingespielter Zusammenarbeit. Die ersten Partner waren Thorsten Claus, Kelly Chen, Chris O’Connor, Patrick Schneider-Sikorsky sowie der geschäftsführende Partner Andrea Traversone, der das Amt laut „LinkedIn“-Profil im September des Vorjahres abgab. Zudem hatten die Investment-Manager des NIF keine Anteile am Fonds – sie waren keine General Partner.
Ein anonymer Investor beschreibt die Erfahrungen mit dem NATO-Fonds als grundsätzlich positiv, räumt aber Konflikte ein. Hintergrund: Manche Länder traten über ihre Verteidigungsministerien bei, andere über erfahrene staatliche Fonds mit tieferem Verständnis für den Risikokapitalmarkt. „Alle wollten den NIF und die NATO-Marke für eigene Zwecke nutzen. Sie dachten, sie könnten separate Interessen verfolgen – das funktioniert aber nicht, wenn du ein VC-Fonds mit 15-Jahres-Horizont bist“, so ein Insider gegenüber „Sifted“.
Kritik an Hommels’ Doppelfunktion
Für zusätzlichen Wirbel sorgt die Rolle von Klaus Hommels, dem bekannten deutschen Risikokapitalgeber, der im Board des NIF sitzt. Hommels gründete 2012 die VC-Firma „Lakestar“ mit Sitz in der Schweiz. Zuvor war er als privater Investor tätig, seine Karriere begann nach dem Platzen der Dotcom-Blase. Er investierte in namhafte Tech-Unternehmen wie „Facebook“, „Skype“, „Revolut“ und „Klarna“. Trotzdem bezeichnet ein „Sifted“-Insider Hommels’ Engagement im NIF als Fehler. Hommels sammle aktuell Kapital für einen eigenen Fonds, der gezielt in Start-ups mit Verteidigungs- oder Doppelnutzungstechnologien investieren soll. Damit konkurriert er de facto mit dem NIF – sowohl um Start-ups als auch um Talente. Die Personalie Hommels geht auf einen Vorschlag der NATO selbst zurück. Ein Investor räumt ein, dass seine Berufung „natürlich Fragen“ aufwarf, betont aber, Hommels und die NATO hätten diese „zufriedenstellend beantwortet“.
Fakt ist: Die Investment-Aktivitäten von „Lakestar“ und dem NIF überlappen bereits – beide Fonds sind beim deutschen Raketen-Start-up „Aerospace“ sowie bei „ARX Robotics“, einem Anbieter autonomer Robotertechnik, investiert. Laut Insidern könnte Hommels beim nächsten Treffen der Fonds-Investoren im kommenden Monat aus dem Board gedrängt werden.
Trotz Startschwierigkeiten bleibt das Potenzial
Trotz des schwierigen Starts bleibt das Projekt vielversprechend – so sehen es zumindest Branchenvertreter. Der NIF gilt als innovatives Instrument zur Förderung dringend benötigter Technologien für Europa – vor dem Hintergrund einer aggressiven, revisionistischen russischen Politik und eines potenziellen US-Rückzugs unter Donald Trump, der auf Protektionismus und Isolation gegenüber den traditionellen NATO-Partnern setzt. „Das ist nicht einfach nur ein neuer Fonds, sondern ein Pilotprojekt“, sagt Marc Wietfeld, Mitgründer und CEO von „ARX Robotics“. „Sie sind Pioniere in Europa, was diesen Ansatz betrifft – deshalb müssen sie die richtigen Leute und die richtige Struktur finden.“

