Wirtschaft

Europas China-Illusion zerplatzt: Handelskammer-Chef warnt vor „Verkehrsunfall in Zeitlupe“

Chinas Industrie erobert trotz westlicher Gegenwehr immer größere Teile des Weltmarktes – getrieben von Deflation, Währungsrückenwind und technologischer Stärke. Handelskammer-Chef Jens Eskelund sieht westliche Konzerne gezwungen, im Land zu produzieren, um konkurrenzfähig zu bleiben. Er fordert die EU auf, strategische Industrien zu schützen und klare Bedingungen für den Marktzugang zu stellen.
Autor
avtor
06.08.2025 18:13
Lesezeit: 4 min

Makroökonomischer Rückenwind treibt Chinas globalen Vormarsch

Man könnte annehmen, dass Chinas dröhnender Exportmotor etwas ins Stocken geraten ist. Dass ein Gegenwind von westlichen Politikern, die die Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken wollen, und von Unternehmen, die sich zunehmend von der „Werkbank der Welt“ lösen, deutliche Spuren hinterlassen hat. Doch in Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall. China schnappt sich immer größere Stücke sowohl des europäischen als auch des weltweiten Handels, während die Unternehmen des Landes westlichen Konkurrenten zunehmend Paroli bieten. Und nichts deutet darauf hin, dass diese Entwicklung bald stoppt, meint Jens Eskelund, Präsident der Europäischen Handelskammer in China und Sprachrohr europäischer Unternehmen mit Geschäften in China. „China hat seit Beginn der Pandemie im Durchschnitt jährlich fast ein Prozent der globalen Exportvolumina gewonnen. Das ist wirklich extrem“, sagt er unter Verweis auf Daten u. a. von Container Trade Statistics.

Seit Jens Eskelund 1998 nach China zog, verfolgt er die explosive Entwicklung des Landes, seziert Industrieinvestitionen, Wachstumsraten und Exportzahlen. Als Vorsitzender der Organisation, die europäische Firmen im Land vertritt, kennt er die Handelsmuster im Detail – und ist überzeugt: China gewinnt unbeirrt immer größere Teile des Weltmarktes. Nicht wegen Subventionen oder unlauterer Praktiken, sondern weil die makroökonomischen Winde China in den Rücken blasen und die Industrie so wettbewerbsfähig ist, dass sie global zur Macht geworden ist. Westliche Unternehmen müssen sich nun nicht nur mit China als hoch effizientem Produktionsstandort für globale Lieferketten befassen, sondern auch mit chinesischen Konzernen als Rivalen auf wichtigen Weltmärkten. „Wir sind in Europa und den USA etwas arrogant gewesen und haben geglaubt, dass wir nur gleiche Wettbewerbsbedingungen brauchen, um zu gewinnen. Nun ist jedoch leider geschehen, dass chinesische Unternehmen so gut sind, dass sie gewinnen – einfach, weil sie besser sind“, sagt Eskelund. Bleibt die Reaktion des Westens aus, werde China laut ihm seinen Vormarsch fortsetzen – mit potenziell gravierenden Folgen für westliche Wirtschaft, Unternehmen und Sicherheit.

Um Chinas festen Griff auf den Welthandel zu verstehen, helfen harte Zahlen: In drei Jahrzehnten hat das Land große Teile seiner Bevölkerung aus der Armut geholt, indem es sich zur bevorzugten Fabrik der Welt entwickelte. 1990 lag Chinas Anteil an der globalen Produktion bei 3 %, 2022 laut UN-Organisation für industrielle Entwicklung bei rund 30 %. Seit der Pandemie gewinnt China weiter Marktanteile, weil schwache Inlandsnachfrage Firmen zwingt, neue Absatzmärkte zu suchen. Der Preiswettbewerb drückt die Kosten, und weltweit greifen Abnehmer billigere Produkte aus China bereitwillig auf. Eskelund warnt, man dürfe nicht nur den Wert der Exporte betrachten – entscheidend seien die Mengen. „China hat seit 32 Monaten in Folge Produzenten-Deflation. Das bedeutet, dass man für den gleichen Euro-Betrag viel mehr Container füllen kann als zuvor“, sagt er. Produzentenpreise in China sind binnen eines Jahres um rund 10 % gefallen, während sie im Westen steigen – dazu eine um 10 % schwächere Landeswährung gegenüber dem Euro. „Allein aus makroökonomischer Sicht hat China dadurch vielleicht 20 % gewonnen. Es gibt nicht viele Branchen, in denen man 20 % verlieren kann und dennoch konkurrenzfähig bleibt. Die Chinesen sind gut – aber sie haben eben auch Rückenwind“, so Eskelund. Kurz vor der Pandemie waren 31,9 % aller weltweit exportierten Container mit chinesischer Ware gefüllt, 2023 schon 36,2 %. Die USA fielen im selben Zeitraum von 7,7 auf 6,2 %, Europa von 13,1 auf 10,6 %. „Letztes Jahr hatten wir in Europa Nullwachstum beim Konsum. Schaut man aber auf die Volumina, wuchs Chinas Export nach Europa um 13 %. China gewinnt massenhaft Marktanteile.“ Eskelund rechnet mit anhaltender Deflation in China – mit weiterem Druck auf europäische Industrie: „In diesem Spiel gibt es nur einen Gewinner.“

Abhängigkeit bleibt

Trotz Bemühungen, sich weniger abhängig zu machen, erhöhen viele europäische Firmen ihre Präsenz in China. In einer Umfrage der Handelskammer gaben 26 % an, in den letzten zwei Jahren ihre Produktion im Land ausgebaut zu haben, nur 13 % reduzierten ihr Engagement. Grund seien günstige Preise, Wechselkursvorteile und jahrzehntelange Optimierung chinesischer Lieferketten. „Europäische Unternehmen werden gezwungen, über Produktion in China nachzudenken. Wenn sie konkurrenzfähig sein wollen, müssen sie Teil jener Lieferketten sein, die immer günstiger produzieren – bei gleichzeitig besserer Qualität.“ Viele Branchen fänden dort die billigsten und besten Komponenten. Angesichts schwacher Binnennachfrage dränge chinesische Produktion ins Ausland – bis Märkte gesättigt sind. „Die Frage ist, wie viel die Welt aufnehmen kann, bevor sie stoppt. Aus meiner Sicht ist das ein Verkehrsunfall in Zeitlupe. Man kann argumentieren, dass der Unfall bereits passiert ist“, warnt er – mit Blick auf Donald Trumps Strafzollpolitik. „Das ist genau der Ausdruck dafür, dass etwas zerbrochen ist. Man kann die amerikanische Herangehensweise für verrückt halten, aber Tatsache ist, dass es ein Ungleichgewicht im Welthandel gibt, das man irgendwie angehen muss.“ Die UN prognostizieren Chinas Anstieg auf 45 % der weltweiten Industrieproduktion bis 2030. Eskelund mahnt: Europäische Firmen müssten schnell reagieren, wenn chinesische Konkurrenten weltweit in ihre Märkte drängen.

EU muss handeln

2023 stammte laut EU-Kommission mehr als ein Viertel der F&E-Ausgaben der 2000 größten Unternehmen weltweit aus China – aus der EU nur 16 %. Eskelund plädiert, wie China zu denken: „Wenn ein chinesisches Unternehmen besser ist, einfach weil es ein besseres Produkt zu einem attraktiveren Preis hat – sollen wir dann auf dem heiligen Altar des Freihandels diese Industrie opfern?“ Seine Antwort: nicht immer. Stattdessen solle man Bedingungen stellen – lokale Zulieferer, Kooperationen mit Universitäten, Investitionspflichten. „Wir sollten mit einem weißen Blatt anfangen und sagen: Ihr seid herzlich willkommen auf unserem großen, wohlhabenden Binnenmarkt – hier ist der Preis dafür. Das ist das Eintrittsticket.“ Die EU müsse definieren, welche Industrien unverzichtbar sind – etwa Windkraft, Elektrolyse, Chemie, Medizintechnik, Pharma. „Können wir uns ein Europa ohne Windindustrie vorstellen? Die Solarmodule haben wir schon verloren. Wir haben gesehen, was passiert, wenn man zu abhängig von russischem Gas wird. Vielleicht ist das ein Bereich, in dem wir handeln müssen.“ „Ich glaube, dass China seinen Anteil an den globalen Exporten in naher Zukunft weiter steigern wird, aber nicht unbegrenzt große Marktanteile gewinnen kann. Die Schwerkraft setzt irgendwann ein. Deshalb glaube ich auch, dass China großes Interesse daran hat, mit dem Rest der Welt Gespräche darüber zu führen, wie die künftige Handelszusammenarbeit aussehen soll.“

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Leonora Beck

Leonora Beck ist eine erfahrene Journalistin und arbeitet seit November 2021 bei Børsen. Zuvor war sie von Oktober 2017 bis November 2021 bei Finans tätig und arbeitete 2017 als Reporterin für TV 2 DANMARK A/S und Watch Medier. Zu Beginn ihrer Karriere berichtete sie für TV 2 Business und absolvierte ein Praktikum bei Associated Press mit Schwerpunkt Wirtschaftsnachrichten. Darüber hinaus arbeitete sie als Kommunikationsbeauftragte für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Bangladesch, wo sie die Kommunikationsabteilung leitete und kritische Berichte verfasste. Leonora begann ihre Karriere bei MedWatch als Wirtschaftsreporterin und absolvierte ein Praktikum bei Dagbladet Børsen. Zu ihren Ausbildungen gehören ein Master of Arts der Columbia University und ein Bachelor-Abschluss in Journalismus der Universität von Süddänemark.
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