Wirtschaft

Wirtschaftskollaps in Sicht? Warum Russlands Steuererhöhungen das System sprengen könnten

Da dem russischen Staat die Einnahmen für die gewaltigen Militärausgaben ausgehen, setzt die Regierung zunehmend auf Steuererhöhungen für alle. Doch was bedeutet das für die Stabilität der russischen Wirtschaft? Wir betrachten die fünf zentralen Faktoren: BIP, Staatsfinanzen, Steuern, Inflation und den Rubelkurs.
Autor
avtor
29.09.2025 16:23
Lesezeit: 4 min

Kriegskosten und neue Steuerlasten für die Bevölkerung

Der russische Präsident Wladimir Putin sieht sich nach drei Jahren Krieg in der Ukraine mit steigenden Kosten der Kriegsökonomie konfrontiert und muss sich immer stärker auf die gewöhnlichen Bürger als Finanzquelle stützen, schreibt Politico. Der jüngst angekündigte Schritt ist eine Anhebung der Mehrwertsteuer (MWSt). US-Präsident Donald Trump kommentierte, dass Russland in erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten stehe. Der Kreml kontert, das Land bleibe stark und dürfe nicht unterschätzt werden. Doch wie steht es tatsächlich um Russlands Wirtschaft? Hier sind fünf Schlüsselpunkte.

1. Russlands BIP kühlt stark ab

Wie verwundbar die russische Wirtschaft ist, fragen sich derzeit erneut internationale Medien wie Politico und The Economist. Nach einer kurzen Rezession im Jahr 2022 folgten zwei Jahre soliden Wachstums, getragen von der Kriegsproduktion.

Doch 2024 ist das Bild deutlich schwächer. Im Juli legte das russische Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Der vielbeachtete PMI-Index, der einen Echtzeitblick auf die wirtschaftliche Aktivität erlaubt, deutet laut Economist seit Monaten auf Schrumpfung hin. Unternehmensgewinne steigen kaum, die Reallöhne sinken, und die Börse leidet. „Die Party der letzten beiden Jahre ist eindeutig vorbei“, resümiert The Economist.

Im Jahr 2024 wuchs das russische BIP noch um 4,3 Prozent, angetrieben vor allem durch Rekordausgaben für Militär und Rüstung. Stabil blieb mengenmäßig auch der Ölexport – allerdings durch Umleitungen von Europa nach China und Indien. Die OECD prognostiziert jedoch einen deutlichen Einbruch: Für 2025 wird nur noch 1 Prozent Wachstum erwartet, 2026 sogar nur 0,7 Prozent. Auch Russlands Wirtschaftsminister Maksim Reschetnikow musste Anfang September einräumen, dass die Abkühlung schneller kommt als gedacht.

Die Ursachen sind vielfältig: Das Kreditwachstum ist versiegt, und die Rohstofferlöse sinken angesichts fallender Ölpreise. Dass die Ölpreise zurückgingen, lag nicht zuletzt an Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die eine Erhöhung der Förderquoten im Rahmen von Opec+ durchsetzten.

2. Öffentliche Finanzen unter Druck

Laut Reuters werden Russlands Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen in diesem Monat um rund 23 Prozent niedriger liegen als im Vorjahr. Das führt zu einem wachsenden Defizit im Staatshaushalt. Zwar betrug es 2023 nach westlichen Maßstäben mit 1,7 Prozent des BIP noch einen moderaten Wert, doch Experten warnen: Ohne Energieerlöse würde das Defizit über 7 Prozent des BIP erreichen. Der Kern des Problems: Stetig steigende Militärausgaben erfordern Einsparungen an anderer Stelle – vor allem bei Investitionen in Infrastruktur.

Besonders sichtbar wird diese Verschiebung im „Nationalen Wohlstandsfonds“, der ursprünglich geschaffen wurde, um soziale Programme, Renten und Infrastrukturprojekte zu finanzieren sowie Haushaltslöcher in Krisenzeiten zu stopfen. Heute werden vor allem die Kriegskosten aus diesem Fonds gedeckt. Zwar speist er sich hauptsächlich aus Energieerlösen, doch inzwischen auch zunehmend aus Steuereinnahmen.

3. Steuererhöhungen belasten Bürger und Unternehmen

Zu Jahresbeginn erhöhte Russland die Einkommensteuer deutlich. Statt der früheren einheitlichen 13 Prozent gilt seit 2021 ein progressives System, das 2025 zu einem fünfstufigen Modell ausgebaut wurde: 13, 15, 18, 20 und 22 Prozent.

Nun kommt der nächste Schritt: Die Mehrwertsteuer soll von 20 auf 22 Prozent steigen, während ein ermäßigter Satz von 10 Prozent für Grundbedarfsgüter wie Lebensmittel, Medikamente und Kinderprodukte bleibt. Parallel will das Finanzministerium die Steuerbasis verbreitern, indem mehr kleine und mittlere Unternehmen in den Kreis der Steuerpflichtigen einbezogen werden – mit deutlich gesenkten Umsatzgrenzen.

Zusätzlich führt Russland eine Glücksspielsteuer von 5 Prozent sowie eine 25-Prozent-Abgabe auf die Einnahmen von Wettanbietern ein. Das Finanzministerium betont laut Politico, die Maßnahmen dienten „vor allem der Finanzierung von Verteidigung und Sicherheit“. Laut Zentralbankchefin Elvira Nabiullina ist das Haushaltsdefizit derzeit das größte Risiko für eine weitere Inflation.

4. Dauerproblem Inflation

Die OECD beziffert Russlands Inflation 2024 auf 8,5 Prozent – derselbe Wert wie im Vorjahr. Eine Beruhigung sei erst 2026 in Sicht, mit einem Rückgang auf 4,9 Prozent. Die Gründe sind vielfältig: schwacher Rubel, westliche Sanktionen, unterbrochene Lieferketten, steigende Löhne durch Arbeitskräftemangel und ein Defizit, das durch Schulden und den Zugriff auf Reserven gedeckt wird. Die Regierung reagiert mit Preisstopps und Importrestriktionen, die Zentralbank mit hohen Zinsen: Der Leitzins liegt aktuell bei 17 Prozent – nach einem Höchststand von 21 Prozent im Oktober 2024. Das dämpft zwar die Nachfrage, schmälert aber auch die Kaufkraft der Haushalte und Investitionsbereitschaft der Unternehmen.

5. Rubel zwischen Stärke und Instabilität

Der Rubel gilt als hoch volatil. Nach Kriegsbeginn 2022 brach er stark ein, 2024 erreichte er mit 110 Rubel je US-Dollar einen Tiefstand. Doch 2025 folgte eine überraschende Trendwende: Seit Jahresbeginn hat er gegenüber dem Dollar um 45 Prozent und gegenüber dem Yuan um 25 Prozent zugelegt. Derzeit notiert der Kurs bei 98 Rubel je Euro und 83 Rubel je Dollar. Die Aufwertung ist problematisch: Da Öl in Dollar gehandelt wird, bringt eine starke Währung weniger Rubel in den Staatshaushalt, während Exporte teurer werden. Viele Exporteure und auch die Regierung wünschen sich deshalb einen schwächeren Rubel, zumal der Haushalt mit einem Kurs von 94,3 Rubel je Dollar kalkuliert ist.

Ein wesentlicher Treiber des starken Rubels sind die hohen Leitzinsen. Hinzu kommt, dass sich durch Sanktionen das Devisengeschäft grundlegend verändert hat: Der Yuan ist mittlerweile die meistgehandelte Fremdwährung an der Moskauer Börse, und 95 Prozent des Handels zwischen Russland und China erfolgen inzwischen in Rubel oder Yuan.

Kann Russlands Wirtschaft die Kriegsökonomie noch tragen?

Für Deutschland und Europa bleibt Russlands Wirtschaft ein zweischneidiges Risiko. Einerseits zeigt die Stabilität trotz Krieg und Sanktionen, dass Moskau in der Lage ist, seine Kriegsmaschinerie länger zu finanzieren, als viele erwartet hatten. Andererseits deuten die strukturellen Probleme – von sinkenden Energieerlösen bis zu Steuererhöhungen – auf eine wachsende Belastung für Russlands Bürger und Unternehmen hin. Dies könnte längerfristig die innenpolitische Stabilität gefährden und gleichzeitig die geopolitische Dynamik im Energie- und Rohstoffhandel beeinflussen, von dem auch die deutsche Industrie abhängt.

Russlands Wirtschaft steht an einem Scheideweg. Die Kriegsökonomie kann kurzfristig durch Steuererhöhungen und hohe Öl- und Gaseinnahmen gestützt werden, doch die strukturellen Probleme wachsen: ein verlangsamtes BIP, sinkende Staatseinnahmen, steigende Inflation und eine Währung, die zwar stark wirkt, aber Exporte belastet. Für Investoren und internationale Beobachter bleibt klar: Die Belastungsgrenze von Russlands Wirtschaft könnte schneller erreicht werden, als der Kreml zugibt.

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Albina Kenda

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Albina Kenda ist eine erfahrene Journalistin, die sich auf die Berichterstattung über Geldpolitik und EU-Themen für die slowenische Wirtschaftszeitung Casnik Finance spezialisiert hat. Sie arbeitet sich regelmäßig durch endlose Stapel von Berichten, Vorschlägen, Reden und Diskussionen, um so klar wie möglich darzustellen, wie internationale und insbesondere europäische Themen uns alle betreffen, auch wenn wir uns nicht dafür interessieren.

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