Panorama

Arbeitsunfähigkeit 2025: Hohe Krankmeldungen wegen Atemwegserkrankungen

Kaum fallen die Temperaturen, steigen die Krankmeldungen in Deutschland wieder stark an. Atemwegserkrankungen und psychische Belastungen treiben die Zahlen, während telefonische Krankschreibungen kaum Einfluss haben. Die AOK erwartet, dass sich die Gesamtbilanz 2025 auf hohem Niveau hält.
15.10.2025 07:34
Lesezeit: 3 min

Wie steht es um die Gesundheit der Arbeitnehmer?

Kaum ist es etwas kühler geworden, rollen die Erkältungs-, Grippe- und Corona-Wellen durch Deutschland. In den nächsten Wochen und Monaten dürften immer wieder viele Arbeitnehmer krank ausfallen.

Die Zahl der Krankmeldungen lag in den vergangenen Jahren vergleichsweise hoch, und die Krankenversicherung AOK geht davon aus, dass dies auch im laufenden Jahr in der Gesamtbilanz so bleiben wird. Vor allem die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen steigt kontinuierlich an.

Wie oft meldet sich ein Beschäftigter im Jahr krank?

Im vergangenen Jahr laut AOK im Schnitt 2,3 Mal. "Mit 228 AU-Fällen je 100 Mitglieder ist der bisherige Höchstwert aus dem Jahr 2023 von 225 Fällen je 100 Mitglieder noch einmal übertroffen worden", teilte die Krankenversicherung mit. AU steht für Arbeitsunfähigkeit. Zum Vergleich: Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2021 kamen auf 100 Versicherte lediglich knapp 160 Krankheitsfälle pro Jahr.

Die Zahlen der AOK beziehen sich auf die ungefähr 15 Millionen Beschäftigten, die bei der Krankenkasse versichert sind.

Welche Erkrankungen treten besonders häufig auf?

Einen großen Teil der Krankheitsfälle machen Atemwegserkrankungen aus. 2024 gab es 82,2 Fälle je 100 AOK-Mitglieder. Die zweitgrößte Kategorie bilden Erkrankungen an Muskeln und Skelett mit 40,4 Fällen je 100 Versicherte. Noch deutlich dahinter liegen psychische Erkrankungen mit 14,0 Fällen je 100 Versicherte. Hier zeigt die Kurve seit Jahren nach oben, und damit auch die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund solcher Erkrankungen. "In den letzten zehn Jahren sind die Ausfalltage wegen psychischer Erkrankungen um 43 Prozent gestiegen", teilte die AOK mit.

Und wie lange fehlen die Kollegen im Schnitt, wenn sie krankgeschrieben werden?

Das variiert stark nach Erkrankung. Bei den häufig vorkommenden Atemwegserkrankungen dauerten die Krankschreibungen im Durchschnitt 5,9 Tage. Ganz anders sieht es bei psychischen Erkrankungen aus: Beschäftigte fehlten bei diesen Erkrankungen durchschnittlich 28,5 Tage pro Krankheitsfall.

Sorgt die telefonische Krankschreibung dafür, dass mehr Leute blaumachen?

Nein, sagt die AOK. "Einerseits waren 2024 insgesamt 26,4 Millionen atemwegsbedingte AU-Fälle unter den AOK-versicherten Beschäftigten zu verzeichnen. Andererseits sind von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten nur in 145.000 Fällen telefonische Krankschreibungen abgerechnet worden", erklärte Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Das bedeutet, dass 2024 rechnerisch 1,5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsfälle wegen Atemwegserkrankungen telefonisch veranlasst worden sind. Dieser geringe Anteil könne den starken Anstieg der Arbeitsunfähigkeiten nicht erklären, meint Schröder.

Gibt es eine andere Erklärung?

Sämtliche Gründe im Einzelnen sind laut AOK schwer auszumachen. Ein wichtiger Einflussfaktor für die hohen Werte ist vermutlich die Einführung der elektronischen Krankmeldung, die laut aktuellen Analysen zu einer vollständigen Erfassung der Fehlzeiten geführt hat. Früher haben nicht alle Patienten den Krankenzettel an die Versicherung gesendet.

Von 2021 zu 2022 stieg die Zahl der Krankschreibungen deutlich an. Gleichzeitig sind die Ärztinnen und Ärzte seit 2022 verpflichtet, ausgestellte Krankmeldungen direkt der jeweiligen Krankenversicherung zu melden.

Wie entwickeln sich die Zahlen im laufenden Jahr?

Die AOK geht davon aus, dass die Gesamtbilanz für 2025 ähnlich ausfallen wird wie jene des Vorjahres. Haupttreiber bleiben erneut die Atemwegserkrankungen. "Sie erreichten im Februar 2025 einen neuen Höchststand und haben sich seit April 2025 auf einem etwas niedrigeren Niveau eingependelt als in den Vergleichsmonaten des Jahres 2024", teilte die AOK mit. Seit September nehmen die Erkältungs- und Grippefälle bereits wieder zu, ebenso die Corona-Infektionen.

Stecken im AOK-Report auch gute Nachrichten?

Ja, etwas Hoffnung verbreitet die Krankenversicherung mit einer Langzeit-Auswertung zur eigenen Wahrnehmung des Gesundheitszustands und der arbeitsbezogenen Belastungen. "Nachdem die Befragungen der Beschäftigten in den Pandemiejahren deutlich höhere Werte insbesondere bei den psychischen Belastungen gezeigt hatten, liegen die Werte für Themen wie Erschöpfung, Wut oder Niedergeschlagenheit jetzt wieder auf dem Niveau wie vor der Pandemie", sagte Schröder.

Auch die gedankliche Abgrenzung von der Arbeit hat sich dem Wissenschaftlichen Institut zufolge verbessert. Der Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, denen es nach eigenen Angaben schwerfällt, nach der Arbeit abzuschalten, liegt 2025 mit knapp 18 Prozent deutlich niedriger als 2022 mit 31 Prozent. Auch der Anteil derer, die außerhalb der Arbeitszeit an Schwierigkeiten bei der Arbeit denken, ist gesunken – von 40 Prozent im Jahr 2022 auf 25 Prozent in diesem Jahr.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Finanzen
Finanzen Continental-Aktie steigt: Conti hebt nach starkem Quartal Gewinnprognose an
04.11.2026

Große Reifen für E-Autos sorgen bei Continental für Rückenwind, teurere Rohstoffe bremsen. Nun hat der Hersteller im dritten Quartal...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo: Stimmung in der Autoindustrie springt nach oben
04.11.2026

Der Index springt um fast 30 Punkte. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren dreht die Einschätzung der aktuellen Lage ins Plus. Grund...

DWN
Politik
Politik Neue Angriffe auf Iran: Europas Rechnung ist bereits um 127 Milliarden Euro höher
04.11.2026

Die geschlossene Straße von Hormus wird für Europa immer teurer. Nach Angaben von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen haben...

DWN
Finanzen
Finanzen 21 Millionen Rentner: Gesetzliche Rente steigt 2027 um mehr als vier Prozent?
04.11.2026

Eine Erhöhung von mehr als vier Prozent steht voraussichtlich für Deutschlands Rentner an. Von 2028 an müssen sich Arbeitnehmer und...

DWN
Politik
Politik Wachsende Defizite: Krankenhäuser fürchten neue Milliardenlöcher und Pleiten
04.11.2026

Die Finanzlöcher deutscher Krankenhäuser werden immer tiefer: Eine Welle von Klinik-Insolvenzen wird erwartet. Um gegenzusteuern, wollen...

DWN
Politik
Politik Auch ohne Zuckersteuer: Industrie produziert weniger Zuckergetränke
04.11.2026

Weniger zuckerhaltige Cola und Limonade, mehr Light-Getränke: Die Produktion verschiebt sich. Was die Zahlen über den Durst der Menschen...

DWN
Politik
Politik Schweden bestätigt Taurus-Lieferung: Marschflugkörper erreicht mehr als 500 Kilometer
04.11.2026

Schweden hat erstmals bestätigt, bereits Taurus-Marschflugkörper erhalten zu haben. Die Waffe kann Ziele in mehr als 500 Kilometern...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Erholung bei Chip-Aktien stützt Nasdaq – Anleger warten auf Midterm-Ergebnisse
03.11.2026

Blick auf die Wall Street: Welche Dynamiken jetzt bei Tech-Riesen und Leitindizes die Richtung vorgeben.