Winzer in Deutschland: Wie sich Weinbauern neu erfinden müssen
Es ist Mitte September und in Nordheim am Main, im fränkischen Weinbaugebiet Mainfranken, läuft die Weinlese auf Hochtouren. Petra Ungemach und ihre Tochter Christin Glaser blicken auf fünf Jahrhunderte Familientradition zurück. Doch das Selbstverständnis, vom Wein leben zu können, ist gefährdet. „Man merkt definitiv den sinkenden Absatz“, so Glaser im BR.
Nach Angaben des Deutschen Weininstituts (DWI) trinken die Deutschen im Durchschnitt nur noch rund 19 Liter Wein pro Jahr. Vor zehn Jahren waren es noch 2,25 Liter mehr. Der Rückgang betrug laut Fränkischem Weinbauverband zuletzt sechs Prozent – es ist der vierte Rückgang in Folge. Der Wandel dahinter ist laut DWI weniger konjunkturell sondern vielmehr strukturell bedingt. Besonders jüngere Konsumenten meiden Alkohol zunehmend. „Früher war Wein ein Kulturgetränk“, erinnert sich Petra Ungemach. „Heute steht der Alkohol im Vordergrund.“
Hohe Kosten, sinkende Margen, drohende US-Zölle
Parallel zu den sinkenden Absätzen steigen die Produktionskosten. Glasflaschen, Dünger, Pflanzenschutz und Energie sind teurer geworden, ebenso die Stundenlöhne für die Saisonarbeitskräfte. „Das Schwierige ist, dass wir diese Kosten momentan an den Verbraucher nicht weitergeben können“, sagt Artur Steinmann, Präsident des Fränkischen Weinbauverbands, im BR. Viele Betriebe stünden deshalb unter Druck, weil die Erlöse nicht mit den steigenden Ausgaben Schritt hielten.
Besonders betroffen seien Winzer in Steillagen, wo Maschinen nur eingeschränkt eingesetzt werden können und die Handarbeit hohe Personalkosten verursacht. „Manche arbeiten praktisch für null“, so Steinmann. Für reine Traubenproduzenten, die ihre Ernte an Genossenschaften liefern, bleibe noch weniger übrig. Sie haben keine Preisgestaltungsmacht und kaum Einfluss auf die Vermarktung, während die Kosten für Betriebsmittel und Löhne weiter steigen.
Zusätzliche Unsicherheit bereiten die weiterhin drohenden US-Strafzölle auf Weinimporte aus der EU. Das Moratorium, das im Sommer 2025 auslief, wurde bislang nicht verlängert. Laut DWI befürchten deutsche Exporteure erhebliche Einbußen, sollte Washington tatsächlich neue Zölle verhängen. Die USA sind der wichtigste Absatzmarkt für Riesling und Grauburgunder Made in Germany. Strafzölle auf deutsche Weine von bis zu 200 Prozent würden ihn deutlich verteuern und die Konkurrenzfähigkeit deutscher Erzeuger zusätzlich schwächen.
Die Rodungsfrage – oder Olivenbäume statt Reben
In Frankreich hat die Regierung auf die Überproduktion bereits reagiert und eine Rodungsprämie beschlossen. Besonders deutlich zeigt sich die Lage im Bordelais, wo viele Betriebe kaum noch Absatz finden. Einige Weinbauern prüfen deshalb Alternativen zum traditionellen Rebanbau, etwa den Anbau von Getreide oder Oliven. Das Winzerpaar Fabien und Elise Bougès aus dem Département Gironde gehört zu denjenigen, die ihr Geschäftsmodell neu ausrichten. Auf ihren Hängen, auf denen bislang Merlot und Cabernet Sauvignon wuchsen, sollen künftig Olivenbäume stehen. Auch andere Produzenten in der Region stellen auf Ackerpflanzen um, um unabhängiger von der schwankenden Weinnachfrage zu werden.
Auch in Deutschland wird über die Reduktion von Rebflächen diskutiert, etwa in Rheinland-Pfalz. Dort fordern Winzerverbände laut SWR eine ähnliche Lösung, um das Überangebot abzubauen. Simone Loose ist Inhaberin der Professur für Betriebswirtschaft des Wein- und Getränkesektors an der Hochschule Geisenheim. University und leitet das Institut für Wein- und Getränkewirtschaft. Sie hält eine Reduktion der Rebflächen für unvermeidlich. „Wir haben zu viel Menge, die die Preise so stark drückt, dass viele Winzer nicht mehr davon leben können“, so Loose im BR. Eine temporäre Stilllegung von Flächen könne helfen, Angebot und Nachfrage wieder in Balance zu bringen und zugleich die Biodiversität zu fördern.
Winzer in Deutschland: Immer mehr deutsche Weingüter müssen schließen
Tatsächlich zwingt die wirtschaftliche Realität viele Winzerinnen und Winzer in Deutschland zur Aufgabe ihrer Güter. So musste Winzer Andreas Kattler aus Grünstadt-Asselheim in der Pfalz sein Weingut Sonnenhof nach fast 50 Jahren schließen. „Wir arbeiten und wissen, dass es nicht reicht, um die Kosten zu decken“, so Kattler im SWR. Der Liter Fasswein, der im Vorjahr noch 1,15 bis 1,19 Euro einbrachte, erziele inzwischen nur noch 45 Cent. Das reiche nicht aus, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Zusätzlich verschärfen gestiegene Energie-, Lohn- und Materialkosten die Situation. Für Kattler und andere Winzer aus der Pfalz ist der Preisverfall längst ein Minusgeschäft, das ihre Existenzgrundlage bedroht. Laut Kattler ziehe sich diese Entwicklung quer durch die gesamte Branche. Die Nachfrage nach einfachem Wein sei eingebrochen, während die Produktionskosten gleichzeitig weiter stiegen. Viele kleinere Familienbetriebe stünden deshalb „mit dem Rücken zur Wand“ und sähen keine wirtschaftliche Perspektive mehr.
Wege aus der Krise: Weintourismus und Direktvermarktung
Während einige Betriebe aufgeben müssen, suchen andere nach neuen Wegen aus der Krise. So hat beispielsweise Julia Stühler aus Untereisenheim ihr Weingut zur Eventlocation umgebaut. Besucher können dort Hochzeiten feiern, Wein probieren und den Herstellungsprozess kennenlernen. „Was bringt es dir, wenn du die besten Weine hast und sie nicht verkaufen kannst?“, fragt die Unternehmerin im SWR.
Ein Beispiel, wie sich Qualität und Direktvermarktung erfolgreich verbinden lassen, zeigt das Herrengut St. Martin in der Südpfalz. Der 1974 gegründete Familienbetrieb wird heute von Stephan Schneider gemeinsam mit seinen Söhnen Christian und Florian Schneider geführt. Im Betrieb ergänzen sich Weinbau, Hotellerie und Gastronomie zu einem wirtschaftlich tragfähigen Gesamtkonzept. Das angeschlossene Hotel und Restaurant „Consulat des Weins“ zieht Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet an. Dort können Besucher nicht nur übernachten, sondern im direkten Kontakt mit den Winzern die Weine und Sekte des Hauses verkosten und regionale Küche auf hohem Niveau genießen.
Nach dem historischen Tiefstand 2024 dürfte die deutsche Weinernte auch in diesem Jahr hinter den Erwartungen zurückbleiben. Nach Schätzungen des DWI liegt das anvisierte Volumen bei rund acht Millionen Hektolitern und damit erneut unter dem Zehnjahresdurchschnitt von 8,7 Millionen Hektolitern. Bereits 2024 war die Weinlese mit 7,9 Millionen Hektolitern die kleinste seit 2017. In der Pfalz lag der Literpreis bei rund 70 Cent, während die Produktionskosten bei mindestens 1,20 Euro lagen.
Auf dem Weingut Herrengut St. Martin in der Pfalz fiel die Lese im aktuellen Erntebericht 2025 trotz Witterungsschwankungen qualitativ überzeugend aus – „klein, aber fein“, wie Juniorchef Schneider zusammenfasst. Im Direktverkauf erzielt das Weingut für viele seiner Lagenweine Preise von bis zu 22 Euro pro Flasche und mehr – ein Niveau, das im Lebensmitteleinzelhandel kaum erreichbar wäre. Besonders gefragt sind hochwertige Sorten wie Chardonnay, Weißburgunder und Spätburgunder, aber auch die feinfruchtigen Rieslinge aus den Lagen rund um St. Martin. Ergänzt durch die touristischen Angebote des Herrenguts entsteht so eine geschlossene Wertschöpfungskette, die von der Flasche bis zum Gästezimmer reicht. Das Beispiel aus St. Martin zeigt, dass Weingüter mit klarer Markenführung, regionaler Verankerung und direkter Kundennähe auch in einem herausfordernden Marktumfeld erfolgreich bestehen können.
Auch Winzerin Eva Vollmer aus Mainz-Ebersheim in Rheinhessen setzt auf neue Vermarktungswege. Sie kombiniert den Weinverkauf mit Events, Social Media und Newsletter-Marketing. „Heute bist du Marke, Mensch und Erlebnis zugleich“, sagt Vollmer, die einen alkoholfreien Wein entwickelt hat, um jüngere Zielgruppen zu erreichen. Laut Wein-Professorin Loose ist dieser Ansatz zukunftsweisend. „Nur wer sich direkt an Konsumenten wendet, kann langfristig bestehen.“ Der Weintourismus sei in Regionen wie Franken oder Rheinhessen längst zu einer stabilen Zusatzeinnahmequelle geworden.
Wein im Wandel der Trinkkultur
Klar ist, dass ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein sowie ein gesellschaftlicher Wandel das Trinkverhalten nachhaltig verändern. Der Genuss von Alkohol als selbstverständlicher Teil der sozialen Kultur verliert an Bedeutung. An die Stelle geselliger Weinabende treten heute Achtsamkeit, Sport und Gesundheits-Apps. Empfehlungen, wie die der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), ganz auf Alkohol zu verzichten, verstärken diesen Trend.
Laut dem DGE-Trendbericht „Ernährung & Gesundheit 2024” trinken insbesondere jüngere Generationen deutlich seltener Alkohol und achten stärker auf Schlaf, Fitness und mentale Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur: Die Zahl der Hauptweintrinker über 55 nimmt weiter zu, während die jüngeren Jahrgänge deutlich seltener zum Glas greifen. „Der Trend ist global und er hat gerade erst begonnen“, sagt Loose. Auch wenn der Absatz von alkoholfreiem Wein wächst, kann dieser den Rückgang nicht vollständig kompensieren. Statt Masse brauche die Branche künftig Qualität, klare Herkunft und realistische Preise.
Winzer in Deutschland: Die Zukunft des deutschen Weins
Erfolgreiche Betriebe wie das Herrengut St. Martin zeigen, dass der Wandel gelingen kann, wenn Qualität, Erlebnis und Direktvermarktung strategisch zusammengedacht werden. Doch nicht alle Weingüter verfügen über solche Strukturen oder die nötige Reichweite. Viele Winzer appellieren daher an Konsumenten, regionale Produkte wieder stärker wertzuschätzen. „Wer die Idylle erhalten will, muss bereit sein, mehr Geld für Qualität auszugeben“, sagt der baden-württembergische Winzer Martin Fischer aus Lauffen am Neckar im SWR. Nach seiner Einschätzung wäre ein fairer Preis von mindestens zehn Euro pro Flasche notwendig, um kostendeckend zu arbeiten.
Doch genau das ist leichter gesagt als getan. Während große Kellereien wie Zimmermann-Graeff & Müller, Peter Mertes oder die Felsengartenkellerei Besigheim den Markt mit günstigen Importweinen aus Spanien, Italien und Chile beliefern, kämpfen kleinere Familienbetriebe um jede Saison. Die Preisvorgaben des Lebensmitteleinzelhandels – von Discountern bis zu Supermarktketten wie Edeka, Rewe und Lidl – lassen kaum Spielraum für höhere Erzeugerpreise.
Weinbau ist für viele deutsche Winzerinnen und Winzer wirtschaftlich zum Risiko geworden. In Nordheim am Main, wo Petra Ungemach mit ihrer Tochter Christin Glaser die Trauben liest, wird das besonders deutlich. „Der Wein ist unser Herzblut“, sagte sie im BR. „Aber wenn der Preis nicht stimmt, blutet das Herz.“ Doch es gibt Wege, wie sich der Strukturwandel gestalten lässt: Weingüter wie das Herrengut St. Martin, Eva Vollmer in Mainz-Ebersheim oder Julia Stühler in Untereisenheim zeigen, dass Direktvermarktung und Erlebnisangebote neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen, die den heimischen Weinbau langfristig sichern.


