Wirtschaft verliert Zuversicht in die Reformversprechen der Merz-Regierung
In den Führungsetagen deutscher Industrieunternehmen wächst der Zweifel an der eigenen Zukunftsfähigkeit. Wie das Handelsblatt unter Berufung auf eine exklusive Studie der Beratungsgesellschaft FTI-Andersch berichtet, fehlt vielen Firmen der Glaube an die angekündigten Reformen der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU). Die Untersuchung basiert auf einer repräsentativen Befragung von 169 Industrieunternehmen durch das Institut Allensbach und zeichnet ein düsteres Bild der Stimmungslage. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Die Mehrheit der Industrieunternehmen blickt mit Sorge auf die kommenden zwölf Monate.
- 51 Prozent rechnen mit einer Stagnation oder gar Verschlechterung ihrer Geschäftslage.
- 60 Prozent der Automobilzulieferer sehen kaum noch Chancen, chinesische Autohersteller als Kunden zu gewinnen.
- 51 Prozent der Maschinenbauer befürchten, technologisch von internationalen Konkurrenten überholt zu werden – 70 Prozent erwarten dabei spürbar negative Folgen.
- Besonders alarmierend: 94 Prozent der Firmen in energieintensiven Branchen wie Chemie oder Stahl fürchten Standortschließungen in Deutschland und Produktionsverlagerungen ins Ausland.
- 93 Prozent dieser Unternehmen haben bereits Programme zur Steigerung der Energieeffizienz umgesetzt oder geplant, 86 Prozent wollen Strom künftig selbst erzeugen – etwa über Solaranlagen. Ein Viertel reduziert bereits die Produktion besonders energieintensiver Güter.
- 83 Prozent der Befragten berichten, dass geopolitische Konflikte, Lieferkettenprobleme und die wirtschaftliche Unsicherheit ihre Planung erheblich erschweren. 63 Prozent verschieben daher Investitionen.
Das Vertrauen in die jüngst angekündigten sozial- und wirtschaftspolitischen Reformen der Bundesregierung ist gering. Laut Handelsblatt glaubt die Industrie nur teilweise an die Wirksamkeit der Maßnahmen in den Bereichen Soziales, Renten und Verkehr.
Branchenlösungen: Zwischen Ausstieg, Anpassung und Eigenversorgung
„Deutschland hinkt nicht nur wegen externer Umstände hinterher – viele Unternehmen kämpfen mit strukturellen Problemen in ihren Geschäftsmodellen“, erklärte Christian Säuberlich, Geschäftsführer von FTI-Andersch, gegenüber dem Handelsblatt. Die Studie ermittelte zugleich, welche Strategien Firmen aus verschiedenen Branchen zur Sicherung ihrer Zukunft verfolgen.
Weil sie im Wettbewerb mit chinesischen Zulieferern kaum bestehen können, erwägen 79 Prozent der deutschen Autozulieferer den Ausstieg aus der Branche. Mehr als ein Viertel von ihnen sieht neue Perspektiven im Rüstungssektor, während kleinere Gruppen auf die Energie-, Medizintechnik-, Luftfahrt- oder Bahntechnik setzen.
Maschinenbauer: Spezialisierung und Serviceangebote
Nur etwa jedes fünfte Maschinenbauunternehmen plant Investitionen in Start-ups. Ein Drittel richtet sich strategisch neu aus – weg von der reinen Produktion hin zu ergänzenden Dienstleistungen. Investitionen in Software, schnellere Innovationszyklen und Nischenprodukte sollen die Wettbewerbsfähigkeit stärken. Laut Säuberlich reicht der Ruf von „Made in Germany“ allein nicht mehr aus. Deutsche Firmen müssten sich technologisch differenzieren, da sie preislich nicht mit chinesischen Konkurrenten mithalten können. In den energieintensiven Branchen – von Chemie bis Stahl – gilt eine Standortverlagerung zunehmend als unausweichlich. Hauptursache sind die hohen Energiekosten, die bislang von der Regierung kaum adressiert wurden. Viele Unternehmen setzen deshalb auf Eigenproduktion von Strom, meist durch Photovoltaikanlagen, um sich unabhängiger von Marktpreisen zu machen. Doch alternative Überlebensstrategien fehlen weitgehend.
Deutschland im Spannungsfeld von Standortkosten und Strukturwandel
Die deutsche Industrie steht vor einem doppelten Druck: Zum einen verlieren viele Unternehmen das Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit, zum anderen kämpfen sie mit globalen Wettbewerbsnachteilen – vor allem bei Energiepreisen und technologischer Dynamik. Auch deutsche Mittelständler, traditionell das Rückgrat der Wirtschaft, spüren die Folgen. Steigende Betriebskosten und regulatorische Unsicherheiten bremsen Investitionen und erschweren die Planung. Ein direkter Bezug zu internationalen Entwicklungen zeigt sich im Vergleich: Während etwa die USA durch den Inflation Reduction Act und China durch massive Subventionen ihre Industriepolitik aktiv gestalten, ringen deutsche Unternehmen um Planbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Sollte die Bundesregierung keine nachhaltige Standortstrategie umsetzen, droht eine schleichende Deindustrialisierung – mit weitreichenden Folgen für Beschäftigung, Innovation und Exportstärke.


