Wirtschaft

Stahlproduktion: Studie der Hans-Böckler-Stiftung warnt vor Milliardenverlusten durch Stahlauslagerung

Die mögliche Stahlauslagerung deutscher Produktionskapazitäten sorgt für Aufsehen. Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung warnt vor massiven Milliardenverlusten und politischen Folgen.
04.11.2025 15:22
Lesezeit: 2 min
Stahlproduktion: Studie der Hans-Böckler-Stiftung warnt vor Milliardenverlusten durch Stahlauslagerung
An einem Hochofen wird eine Probe des flüssigen Roheisens genommen. Laut einer Studie gefährdet eine Stahlauslagerung den deutschen Standort (Foto: dpa).

Studie warnt vor Milliardenverlusten durch Stahlauslagerung

Eine Verlagerung der heimischen Stahlproduktion ins Ausland würde laut einer neuen Studie im Krisenfall milliardenschwere volkswirtschaftliche Verluste nach sich ziehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Mannheim, die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde. Sie lag der Deutschen Presse-Agentur vorab vor.

Demnach drohten der deutschen Wirtschaft bis zu 50 Milliarden Euro jährlicher Wertschöpfungsverlust, wenn sie ohne inländische Stahlproduktion in einen globalen "Stahlschock" geriete. Die Autoren meinen damit ein Szenario, bei dem große Stahlexporteure wie etwa China aufgrund von geopolitischen Konflikten oder Lieferkettenproblemen ihre Ausfuhren nach Europa in kurzer Zeit erheblich drosseln würden. Eine Stahlauslagerung hätte somit gravierende Auswirkungen auf den gesamten Wirtschaftsstandort.

Studie der Hans-Böckler-Stiftung: Ohne heimische Stahlproduktion verteuert sich Stahl im Krisenfall

In einem solchen Fall müssten nachgelagerte Branchen wie die Bauwirtschaft, die Metallerzeugung, der Maschinenbau, die Elektrotechnik oder die Autobranche erheblich mehr für Stahl bezahlen. "Dieser Kostenschub würde die Produktion und damit die Wertschöpfung in diesen Sektoren verringern", hieß es. Solch eine Krise würde außerdem die Einkommen der privaten Haushalte schmälern, was wiederum die Binnennachfrage beeinträchtigen würde. Eine weitreichende Stahlauslagerung würde diesen Effekt noch verstärken und könnte langfristig zu erheblichen Milliardenverlusten führen.

"Doch auch ein schleichender Niedergang der Stahlindustrie hätte wirtschaftliche und politische Folgen", schreiben die Studienautoren Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk. Besonders betroffen wären stahlintensive Regionen wie etwa Duisburg, Eisenhüttenstadt, Bremen oder das Saarland. Erfahrungen aus den USA und Großbritannien zeigten, dass wirtschaftlicher Niedergang in industriell geprägten Regionen häufig mit einem Erstarken rechtspopulistischer Strömungen einhergehe. "Das gilt auch für Deutschland: Eine Politik, die zentrale Industrien aufgibt, schwächt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die demokratische Stabilität." Die Hans-Böckler-Stiftung warnt daher ausdrücklich vor einer unkontrollierten Stahlauslagerung.

IG Metall: Ende der Stahlproduktion gefährdet den Standort

"Die Studie zeigt deutlich: Die Stahlindustrie ist keine Branche wie jede andere", sagte der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, der dpa. "Ein Ende der Stahlproduktion in Deutschland würde den Industriestandort insgesamt massiv gefährden – mit schwerwiegenden Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und die politische Stabilität im Land."

Politik und Unternehmen trügen eine hohe Verantwortung. Bund und Länder müssten alles tun, um die Stahlindustrie in Deutschland und Europa zu sichern und zukunftsfähig zu machen. "Angesichts der geopolitischen Lage sollte jedem klar sein, dass eine eigene Stahlproduktion zwingend ist für Resilienz und sichere Lieferketten – und damit für zehntausende Arbeitsplätze weit über die Stahlbranche hinaus", erklärte Kerner. Eine Stahlauslagerung ins Ausland stehe dem entgegen und müsse verhindert werden.

Die IG Metall fordere deshalb klare Vorgaben für die Verwendung von heimischem Stahl – nicht nur bei öffentlichen Aufträgen. "Wer am europäischen Markt teilhaben will, muss auch hier produzieren und Arbeitsplätze schaffen." Zusätzlich brauche es einen wirksamen Schutz vor billigem Importstahl zu Dumpingpreisen aus China und wettbewerbsfähige Energiepreise. "Vom Stahlgipfel am Donnerstag erwarten wir ein klares Bekenntnis zu diesen notwendigen Maßnahmen von allen Beteiligten", so Kerner weiter.

Studie: Mindestens 40 Millionen Tonnen Stahl jährlich erforderlich

Die Mannheimer Wirtschaftsforscher halten langfristig eine Produktion von mindestens rund 40 Millionen Tonnen jährlich in Deutschland für notwendig, um den Bedarf verlässlich zu decken. Zum Vergleich: 2024 wurden in Deutschland rund 37 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt. Die Hälfte der Zielmenge sollte nach Ansicht der Studienautoren über eine CO₂-arme Direktreduktion erzeugt, die andere Hälfte in Elektroöfen aus Stahlschrott geschmolzen werden. Die Forscher forderten in diesem Zusammenhang mehr Investitionen in Anlagen für eine klimafreundlichere Stahlproduktion, um Stahlauslagerung zu vermeiden.

Am Donnerstag findet im Bundeskanzleramt ein "Stahlgipfel" statt. Dabei soll es um Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Stahlindustrie gehen. Die Hans-Böckler-Stiftung betont, dass eine konsequente Politik gegen Stahlauslagerung und für eine starke Stahlproduktion entscheidend sei, um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands zu sichern.

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