Volstritas warnt vor Risiken einer möglichen KI-Blase
An der Wall Street sprechen führende Investmentchefs zunehmend offen über die Risiken rund um die Investitionsthemen künstlicher Intelligenz. Einige sehen klare Überhitzungstendenzen, andere verweisen auf strukturelle Schwächen in der Verbraucher- und Kreditentwicklung. Trotz unterschiedlicher Einschätzungen wächst die Sorge, dass sich aus der aktuellen Marktphase eine KI-Blase entwickeln könnte und die Marktstruktur insgesamt fragiler geworden ist.
Jeffrey Gundlach, Chef von DoubleLine Capital, warnt, dass er in seiner Karriere keine ungesündere Marktlage erlebt habe. Er rät dazu, rund 20 Prozent eines Portfolios in liquiden Mitteln zu halten, etwa in Währungen, Einlagen oder kurzfristigen US-Staatsanleihen. Diese Positionierung soll einen Puffer gegen mögliche Kursrückgänge bieten und die Widerstandsfähigkeit der Portfolios erhöhen.
In einer Bloomberg Odd Lots Podcastfolge beschrieb Gundlach die Aktienmärkte als gefährlich, spekulativ und als die am wenigsten gesunden, die er jemals gesehen habe. Er betont, dass nicht nur Aktien überbewertet seien, sondern auch Anleihen. Besonders beunruhigt ihn jedoch der rasche Ausbau des privaten Kreditmarktes, der inzwischen ein Volumen von 1,7 Billionen US-Dollar erreicht hat.
Risiken im privaten Kreditmarkt und der möglichen KI-Blase
In diesem Segment würden zunehmend riskante Kredite vergeben, die er mit den minderwertigen Hypotheken vor der Finanzkrise 2008 vergleicht. Gundlach warnt, dass die nächste große Marktkrise mit hoher Wahrscheinlichkeit genau dort entstehen könnte. Für Teile des Marktes könnte die hohe Risikobereitschaft im Umfeld der KI-Blase zusätzlich Druck erzeugen, da Kapitalströme zunehmend in Zukunftstechnologien umgeleitet werden.
Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates, teilt die Einschätzung, dass sich die Märkte klar im Blasenbereich befinden. Er verweist darauf, dass eine KI-Blase zwar erkennbar sei, derzeit aber kein direkter Auslöser für ein Platzen sichtbar werde. Anleger sollten deshalb nicht übereilt verkaufen, nur weil Überbewertungen bestehen, da ein unmittelbarer Einbruch nicht zwingend bevorsteht.
Dalio rät Marktteilnehmern, ihre Portfolios stärker zu diversifizieren und dabei auch auf alternative Anlageklassen wie Gold zu setzen. Diese könnten helfen, die Auswirkungen künftiger Marktschwankungen abzufedern und strukturelle Risiken zu reduzieren. Dennoch bleibe unklar, welcher Faktor den entscheidenden Druck auf die Märkte auslösen könnte.
Marktverunsicherung trotz KI-Dynamik
John Waldron, Präsident der Goldman Sachs Group, sieht die Märkte ebenfalls in einer Phase, die weitere Rückschläge ermöglicht. Kurz vor der Veröffentlichung der aktuellen Nvidia-Zahlen erklärte er, dass technische Indikatoren eher auf Vorsicht hindeuteten. Der laufende Rückgang sei seiner Ansicht nach jedoch gesund, da die Märkte im Jahresverlauf stark gestiegen seien.
Im Mittelpunkt vieler Diskussionen stehe die Frage, ob die hohen Erwartungen an Renditen aus KI-Investitionen realistisch sind oder ob Teile des Markts bereits von der KI-Blase beeinflusst sind. Waldron betont, dass Anleger prüfen müssten, ob die erwartete Wertschöpfung bereits vollständig in den Kursen berücksichtigt wurde. Als schwächsten Punkt der US-Wirtschaft nennt er finanziell überlastete Verbraucher mit geringem Einkommen.
Bob Diamond, früherer Chef von Barclays und heute Partner bei Atlas Merchant Capital, spricht trotz der jüngsten Marktschwäche von einer gesunden Neubewertung riskanter Vermögenswerte. Anleger versuchten derzeit, die technologisch bedingten Veränderungen einzuordnen. Er sieht in der Korrektur keine Anzeichen für eine bevorstehende Bärenmarktphase.
Kapitalintensität der KI-Infrastruktur
Gleichzeitig warnt Diamond vor der stark gestiegenen Staatsverschuldung vieler Länder, die als dauerhafte Belastung über den Finanzmärkten liege. Hinsichtlich des wirtschaftlichen Nutzens erwartet er in den kommenden zwei bis fünf Jahren positive Effekte auf Produktivität und Inflation. Dennoch seien viele Marktteilnehmer unsicher, wie schnell sich Investitionen in KI rentieren werden.
Der Investor Ron Baron bleibt angesichts sinkender Technologiewerte gelassen. Er beobachtet die Marktschwankungen aufmerksam und sucht gezielt nach Gelegenheiten. Baron gilt als langjähriger Tesla-Befürworter und betont, persönlich keine einzige Aktie verkauft zu haben, obwohl in Kundenportfolios ein Teil der Position reduziert wurde.
Tesla mache rund 40 Prozent seines Vermögens aus, 25 Prozent entfallen auf SpaceX und 35 Prozent sind in Fonds seines Hauses investiert. Rückgänge in den Kursen bedeuteten für ihn keinen Grund zur Sorge, sondern vielmehr eine Chance, langfristige Trends besser zu nutzen.
Zweifel an der Ertragskraft großer Tech-Konzerne
Analyst Alex Haissl von Rothschild & Co äußert deutliche Zweifel, dass Microsoft im Bereich künstlicher Intelligenz ähnlich erfolgreich sein kann wie in der Cloud. Die Branche verbreite ein Narrativ, das aus seiner Sicht die Realität überzeichnet und die hohen Investitionskosten unterschätzt. Haissl argumentiert, dass KI-Infrastruktur erheblich mehr Kapital benötigt, während die erwartete Rendite deutlich niedriger ausfällt.
Nach seinen Berechnungen erfordert die Installation von Grafikprozessoren etwa sechsmal so viel Kapital wie frühe Cloud-Plattformen, um vergleichbare Wertschöpfung zu erzielen. Ein investierter US-Dollar generiere im Schnitt nur 0,2 US-Dollar Nettobarwert, während Cloud-Projekte rund 1,4 US-Dollar pro investiertem Dollar erreichen. Trotz weiterhin erwarteten Wachstums senkte Haissl das Kursziel für Microsoft von 560 auf 500 US-Dollar.
Folgen für deutsche Anleger und Märkte
Die Einschätzungen der Wall-Street-Spitzen zeigen, wie stark die Verunsicherung rund um Tech-Bewertungen und eine mögliche KI-Blase zugenommen hat. Für Deutschland, dessen Finanzmärkte eng mit den USA verflochten sind, entstehen daraus spürbare Risiken. Anleger sollten daher Bewertungen im Technologiesektor kritisch prüfen und ihre Portfolios breit aufstellen, um strukturellen Schwankungen besser zu begegnen.


