Wirtschaft

Postzentrum Frankfurt: Noch fließt die Paketflut aus China

Briefe waren gestern, die Luftpost am Frankfurter Flughafen wird von kleinen Warensendungen aus Fernost dominiert. Doch das könnte sich bald wieder ändern.
26.11.2025 07:34
Lesezeit: 3 min

Heiße Phase im Luftpostzentrum

Im Internationalen Postzentrum am Frankfurter Flughafen hat Mitte November die heißeste Jahreszeit begonnen. "Black Friday und Cyber Monday sind inzwischen stärker als das Weihnachtsgeschäft", sagt Zentrumsleiter Lutz Weiß. In dem unscheinbaren Gebäude neben dem Terminal 1 wird alles an Post umgeschlagen, was per Flugzeug nach Deutschland kommt oder von hier abfliegt. Früher prägten herkömmliche Briefe die Luftpost, doch inzwischen bestimmen kleinteilige Warensendungen das Geschäft, angeheizt durch einschlägige Sonderangebotstage und -wochen. "Wir sind zu einem Zentrum für internationale E-Commerce-Sendungen geworden."

Mannshohe Paletten aus dem Flugzeug

Mehr als mannshoch sind die Paletten, die in China gepackt und per Flugzeug nach Frankfurt transportiert wurden. Kräftige Männer öffnen die Riesenpakete, heraus quellen hunderte in Plastik verpackte Einzelpakete für Kunden in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Absender sind Einkaufsplattformen wie Temu, Shein oder Ali Baba, die seit einiger Zeit den weltweiten Onlinehandel aufrollen.

Reichweite der Plattformen wächst rasant

Laut einem Ranking des Handelsforschungsinstituts EHI zählten Shein und Temu 2024 bereits zu den größten Onlineshops und Marktplätzen in Deutschland. Nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) versenden die beiden Portale täglich rund 400.000 Pakete nach Deutschland. Nicht nur über Frankfurt, sondern auch über andere Flughäfen gelangen die Sendungen in die EU. Der Umsatz der Portale lag hierzulande 2024 demnach zwischen 2,7 und 3,3 Milliarden Euro. Laut HDE kauften im vergangenen Jahr mehr als 14 Millionen Menschen aus Deutschland bei Temu und Shein ein.

Geringe Preise, schnelle Trends

"Temu und Shein haben in relativ kurzer Zeit sehr viel Reichweite in der deutschen Bevölkerung erzielt", sagt Ralf Deckers, Experte beim Handelsforschungsinstitut IFH Köln. Eine zentrale Rolle spielten die niedrigen Preise. Deckers sieht aber weitere Gründe: So ließen sich dort außergewöhnliche oder trendige Produkte finden, die auf dem deutschen Markt sonst schwer erhältlich seien.

Hoher Anteil an Handarbeit

Bis zu 370.000 E-Commerce-Sendungen treffen täglich im IPZ Frankfurt ein, mehr als sämtliche Briefe, Postkarten und Pakete zusammen. "Der Sendungsmix wird immer internationaler", sagt Zentrumschef Weiß. Sein größtes Problem: Die Sendungen sind selten rechteckig. "Wir mussten eine spezielle Verteilmaschine entwickeln."

Sechs Kameraaugen scannen nun die vorbeiflitzenden, meist grauen Pakete, lesen die Adresse aus und leiten sie in den richtigen Schacht des Bestimmungsortes. Auf Handarbeit kann die DHL trotz dieser Automatisierung nicht verzichten. Am "Einschuss" legen Beschäftigte im hohen Tempo die Pakete im richtigen Abstand und mit der Adresse nach oben auf die Förderbänder.

Zollgrenze von 150 Euro soll fallen

Für Sendungen aus Nicht-EU-Ländern interessiert sich auch der Zoll, stichprobenartig. Bei einem Warenwert bis zu 150 Euro fällt nur die Einfuhrumsatzsteuer an, die meist vom Versender pauschal oder vom Beförderer gegen eine Servicepauschale abgewickelt wird. Zoll muss erst oberhalb dieser Grenze gezahlt werden.

Die 150-Euro-Grenze ist dem heimischen Handel wie auch den Staaten seit Langem ein großes Ärgernis und soll nach jüngsten EU-Beschlüssen zum Jahr 2028 endgültig entfallen. Mit einer Übergangslösung wollen die Mitgliedstaaten aber bereits im kommenden Jahr die Freigrenze faktisch abschaffen. Noch fehlen genaue Verordnungen, so dass sich die DHL nicht zu den konkreten Auswirkungen auf das IPZ am Flughafen äußern mag.

Tricksereien bei der Deklaration

Nach Einschätzung der EU wird nach altem Recht bei vielen kleinen Paketen massiv getrickst: Zwei von drei seien zu niedrig deklariert, so dass sich die Versender einen unlauteren Wettbewerbsvorteil gegenüber heimischen Anbietern verschafften. Außerdem sei die Freigrenze für Verkäufer ein Anreiz, größere Bestellungen einfach auf mehrere kleinere Pakete aufzuteilen. Die Paketflut in die EU sei so im vergangenen Jahr auf 12 Millionen Stück pro Tag angeschwollen.

Mehr als Zollverstöße

Ein weiteres Problem: Viele Waren entsprechen nicht den europäischen Sicherheitsstandards. Auch aus anderen Gründen muss der Zoll die Flut zumindest stichprobenartig prüfen: Im Jahr 2024 wurden am größten deutschen Flughafen über 10 Tonnen Drogen angehalten, mehr als 800 Waffen beschlagnahmt, mehr als 28.000 Verstöße gegen den Artenschutz entdeckt und über eine Million Stück gefälschter Markenware sichergestellt. Hier sind allerdings auch Aufgriffe im Passagiergepäck und der Luftfracht enthalten.

Endspurt bis Weihnachten

IPZ-Chef Weiß hat sein Team von 1.400 Leuten zum Jahresendspurt noch einmal um 150 Beschäftigte verstärkt. Mindestens bis Weihnachten läuft die Paketflut auf nur leicht abgesenktem Niveau weiter. Danach folgen Retouren und Bestellungen aus Gutscheinen, bevor es auch im Luftpostzentrum etwas ruhiger wird.

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