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Anthropic-Manager Guillaume Princen über den Wettbewerb mit OpenAI und den Konflikt mit Trump

Der Wettbewerb im KI-Markt spitzt sich zu: Anthropic, das Unternehmen hinter dem populären KI-Assistenten Claude, fordert den ChatGPT-Entwickler OpenAI heraus – mit einem klaren Fokus auf Sicherheit und Unternehmenskunden. Doch ein Konflikt mit der US-Regierung wirft neue Risiken auf. Kann Vertrauen tatsächlich zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden?
14.04.2026 19:03
Lesezeit: 4 min
Anthropic-Manager Guillaume Princen über den Wettbewerb mit OpenAI und den Konflikt mit Trump
Anthropic ist das Unternehmen hinter dem populären KI-Assistenten Claude. (Foto: dpa).

Anthropic-Manager Guillaume Princen: Sicherheit ist unsere DNA

Guillaume Princen, globaler Leiter für Start-ups und Technologieunternehmen bei Anthropic spricht offen darüber, weshalb Anwender auf die Lösungen seines Unternehmens setzen sollten. „Claude ist für Menschen gedacht, die eine vertrauenswürdige KI wollen – eine KI, die ihr Denken erweitert, statt es zu ersetzen, und die zu ihrem Nutzen entwickelt wurde, nicht um ihre Aufmerksamkeit zu binden“, sagte er im Exklusiv-Interview mit dem irischen DWN-Partnerportal Business Post.

Princen betont, dass es sich dabei nicht lediglich um ein Marketing-Narrativ zur Abgrenzung gegenüber Wettbewerbern wie OpenAI handelt, sondern um einen zentralen Bestandteil der Unternehmensstrategie. „Sicherheit liegt in der DNA von Anthropic. Sie war der Grund, warum das Unternehmen vor fünf Jahren gegründet wurde“, so Princen. Tatsächlich entstand Anthropic, nachdem die Geschwister Dario und Daniella Amodei OpenAI aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über die strategische Ausrichtung des ChatGPT-Mutterkonzerns verlassen hatten. Seither hat sich eine ausgeprägte Rivalität entwickelt. Dass OpenAI-Chef Sam Altman und die Anthropic-Führung beim India AI Impact Summit im Februar demonstrativ keine gemeinsame Bühne suchten, unterstreicht die Spannungen.

Während OpenAI mit ChatGPT zunächst einen Vorsprung im Markt für benutzerfreundliche KI-Assistenten hatte, hat das Unternehmen zuletzt gegenüber Wettbewerbern an Dynamik verloren. Zwar verfügt OpenAI weiterhin über eine höhere Bewertung und eine größere Nutzerbasis, doch Anthropic gewinnt zunehmend an Bedeutung bei Unternehmenskunden und Entwicklern. Tools wie „Claude Code“ verzeichnen starkes Wachstum.

Nachfrage nach Claude-Diensten wächst: Kommt das Anthropic-IPO?

Im April wurde bekannt, dass der annualisierte Umsatz („Revenue Run Rate“) von Anthropic mittlerweile bei 30 Milliarden US-Dollar (rund 25,6 Milliarden Euro) liegt – nach lediglich 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025. Die Nachfrage nach den Claude-Diensten hat sich deutlich beschleunigt: Mehr als 1.000 Unternehmenskunden geben inzwischen jährlich über eine Million US-Dollar aus – mehr als doppelt so viele wie noch im Februar.

Im Februar schloss Anthropic zudem eine Finanzierungsrunde über 30 Milliarden US-Dollar bei einer Unternehmensbewertung von 380 Milliarden US-Dollar ab. Wie OpenAI bereitet sich auch Anthropic offenbar auf einen Börsengang vor. Mit der Kanzlei Wilson Sonsini wurde bereits ein führender IPO-Berater mandatiert, Gespräche mit potenziellen Investoren laufen. Beim Anthropic-Börsengang könnten über 60 Milliarden US-Dollar eingesammelt werden – eine der größten Emissionen der Geschichte.

Parallel hat das Unternehmen mit „Project Glasswing“ eine neue Cybersecurity-Initiative gestartet. Dabei erhalten Tech-Konzerne wie Amazon, Apple und Microsoft Zugang zu einem leistungsfähigeren, noch nicht veröffentlichten KI-Modell, um sich auf potenzielle Cyberangriffe vorzubereiten, die mit der breiteren Verfügbarkeit solcher Systeme einhergehen könnten.

Wachstum in Europa

Princen, der vor einem Jahr die Leitung für Europa, den Nahen Osten und Afrika (EMEA) übernommen hat und kurz darauf global befördert wurde, soll das Geschäft in diesen Märkten skalieren. Der Franzose bringt umfangreiche Erfahrung mit: Er war der erste Stripe-Mitarbeiter außerhalb der USA und baute in sieben Jahren das Europageschäft maßgeblich auf – mit 12 Standorten und der Etablierung von EMEA als zentralem Wachstumstreiber. Anschließend war er CEO des Fintechs Mooncard.

Parallelen zwischen Stripe und Anthropic sieht Princen klar: „Stripe operiert ebenfalls in einem Vertrauensgeschäft“, sagt er. Beide Unternehmen seien zudem Infrastrukturanbieter, die die Grundlage für das Wachstum anderer Firmen schaffen.

Anthropic: Konflikt mit der US-Regierung

Ganz reibungslos verlief die Entwicklung allerdings nicht. Die versehentliche Veröffentlichung von Teilen des Claude-Quellcodes sorgte jüngst für negative Schlagzeilen. Schwerer wiegt jedoch der Konflikt mit der US-Regierung. Obwohl das US-Militär Claude im Konflikt mit dem Iran einsetzt, befindet sich Anthropic in einem Rechtsstreit mit der Trump-Administration. Hintergrund ist die Einstufung durch das Pentagon als Risiko in der Lieferkette – ausgelöst durch Differenzen über Sicherheitsmechanismen in der KI. Anthropic warnt, dass diese Einstufung Milliarden kosten könnte. Mehr als 100 Unternehmenskunden hätten bereits signalisiert, ihre Zusammenarbeit möglicherweise beenden zu müssen.

Die aktuellen Geschäftszahlen zeigen jedoch, dass sich der Konflikt bislang nicht negativ auswirkt. Im Gegenteil: Die öffentliche Aufmerksamkeit hat zugenommen, ebenso die Download-Zahlen von Claude in den App-Stores. „Diese Entwicklungen haben ernsthafte Diskussionen über KI-Sicherheit angestoßen – und das ist positiv“, sagt Princen. „Unser Geschäft geht gestärkt daraus hervor – mit anhaltender Dynamik im Enterprise-Segment und wachsender Nachfrage weltweit.“

Anthropic setzt auf Sicherheit als Wettbewerbsvorteil

Anthropic setzt konsequent auf Sicherheit als Differenzierungsmerkmal. „Wir hatten bereits ein Sicherheitsteam, bevor wir überhaupt ein Produkt hatten. Sicherheit ist kein nachgelagerter Aspekt, sondern integraler Bestandteil unserer Entwicklung“, so Princen. Sicherheit könne sogar ein Wettbewerbsvorteil sein – und keine Belastung.

Gleichzeitig widerspricht er der Annahme, dass ein Fokus auf Sicherheit Innovation ausbremse: „Wir lehnen den Ansatz ‚Move fast and break things‘ ab. Angesichts der Leistungsfähigkeit moderner KI ist das nicht der richtige Weg.“

Disruption im Softwaremarkt

Die Marktmacht von Anthropic zeigt sich auch in den Kapitalmärkten: Die Einführung neuer Automatisierungstools löste jüngst eine „SaaS-Pocalypse“ aus – massive Kursverluste bei Softwareunternehmen, die um ihre Geschäftsmodelle fürchten. Princen teilt diese pessimistischen Szenarien jedoch nicht: „Wir entwickeln unsere Plattform, damit andere darauf Anwendungen aufbauen und ihre Geschäftsmodelle transformieren können“, betont er. Der Fokus liege klar auf Unternehmenskunden: Rund 80 Prozent des Umsatzes stammen aus dem Enterprise-Segment – mit etwa 300.000 Unternehmen weltweit.

Anthropic treibt zudem seine Expansion in Europa voran. Nach der Ankündigung eines Standorts in Irland im März 2024 folgten zunächst 100 Stellen in Dublin und London. Kürzlich wurden weitere 200 Jobs sowie größere Büroflächen angekündigt. Gesucht werden Mitarbeiter in den Bereichen Vertrieb, Engineering, Finanzen, Recht/Compliance und Operations. „Irland bietet einen exzellenten Talentpool im KI-Bereich sowie eine innovationsfreundliche Regierung“, sagt Princen. Gemeinsam mit der staatlichen Förderagentur IDA wolle man Irlands Rolle als globales KI-Zentrum weiter stärken. Neben staatlicher Unterstützung und qualifizierten Fachkräften hebt er auch die zunehmende Verbreitung von KI-Anwendungen in der Bevölkerung hervor.

Regulierung als Standortfaktor und Fokus auf Kerngeschäft

Anthropic positioniert sich im regulatorischen Umfeld klar pro Regulierung. Das Unternehmen gehörte zu den ersten Unterzeichnern des EU-Verhaltenskodex für KI. „Europa setzt hohe Standards bei der KI-Sicherheit – genau diese wollen wir erfüllen“, so Princen. Ziel sei es, einen „Wettlauf nach oben“ („race to the top“) bei verantwortungsvoller KI zu etablieren.

Angesichts der Dynamik im KI-Sektor sieht Princen keinen Anlass für strategische Experimente. Während OpenAI zuletzt Nebenprojekte wie das Text-zu-Video-Tool Sora zurückgestellt hat, um sich stärker auf Umsatzwachstum vor einem möglichen Börsengang zu konzentrieren, bleibt Anthropic bei seiner Linie: „Unser Fokus liegt auf der Entwicklung leistungsfähiger, zuverlässiger und sicherer KI-Systeme. In Bereichen wie Programmierung und agentenbasierter KI ist Claude führend – genau dort, wo unsere Unternehmenskunden den größten Bedarf haben.“ Auch Monetarisierungsmodelle wie Werbung schließt er aus: „Wir stehen noch am Anfang. Es gibt enorm viel aufzubauen – und wir wollen die Unternehmen mit unserer Technologie befähigen.“

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