Politik

Pipeline-Debatte im Energiemarkt: Warum die Straße von Hormus entscheidend bleibt

Die Straße von Hormus bleibt trotz wiederkehrender Konflikte der zentrale Engpass im globalen Ölhandel, während Alternativen bislang wirtschaftlich und politisch scheitern. Warum setzen Staaten weiterhin auf diese riskante Route?
15.04.2026 06:04
Lesezeit: 4 min
Pipeline-Debatte im Energiemarkt: Warum die Straße von Hormus entscheidend bleibt
Die Straße von Hormus bleibt trotz geopolitischer Risiken der wichtigste Transportweg für Öl, da Alternativen wirtschaftlich und strategisch bislang keine gleichwertige Lösung darstellen (Foto: dpa) Foto: Stefan Sauer

Warum Pipelines die Straße von Hormus nicht ersetzen

Die globale Energieversorgung basiert weniger auf technischer Infrastruktur als auf militärischer Absicherung. Entscheidend ist die Präsenz der US-amerikanischen Fünften Flotte, nicht ein alternatives Pipeline-Netz.

Seit fast fünf Jahrzehnten gilt der Iran als Unsicherheitsfaktor im internationalen Energiesystem. Vor diesem Hintergrund stellt sich immer wieder die Frage, warum die Straße von Hormus nicht längst vollständig durch Pipelines ersetzt wurde. Die wirtschaftliche Realität fällt eindeutig aus. Der Aufbau entsprechender Infrastruktur rechnet sich nicht.

Mit dem aktuellen Konflikt im Iran gewinnt die Debatte erneut an Schärfe. Diskutiert wird, ob ein Netz von Pipelines aufgebaut werden könnte, das die durch die Straße von Hormus transportierten Mengen vollständig ersetzt.

Dabei stehen Fragen nach Finanzierung, politischer Koordination und Betrieb im Mittelpunkt. Medien wie die Financial Times verweisen auf eine mögliche Verschiebung von theoretischen Szenarien hin zu konkreten Planungen. Ein genauer Blick zeigt jedoch, wie begrenzt diese operative Perspektive tatsächlich ist.

Konflikterfahrungen prägen die Absicherung der Route

Die strategische Bedeutung der Straße von Hormus trat bereits im Iran-Irak-Krieg deutlich zutage. Zwischen 1984 und 1988 kam es zu massiven Angriffen auf Tanker und Handelsschiffe. Dabei wurden nicht nur gegnerische Einheiten attackiert, sondern gezielt auch kuwaitische Schiffe.

Zunächst übernahm die Sowjetunion kurzfristig den Schutz dieser Transporte, obwohl dies in die Phase des Kalten Krieges fiel. Später griffen die USA ein. Kuwaits Tanker wurden unter US-Flagge gestellt und erhielten damit Schutz durch die amerikanische Marine, wie CNN berichtet. Unterstützung kam auch von europäischen Staaten wie Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Großbritannien, die jedoch nicht aktiv in Kampfhandlungen eingriffen.

Ein Wendepunkt folgte im Frühjahr 1988, als iranische Kräfte beinahe eine US-Fregatte versenkten. Die militärische Reaktion der USA erfolgte unmittelbar. Kurz darauf endete der Krieg ohne klaren Sieger, ein Waffenstillstand wurde im August 1988 vereinbart.

Auch in den folgenden Jahren blieb die Straße von Hormus ein permanenter Krisenherd. Neben kleineren Zwischenfällen kam es wiederholt zu größeren Eskalationen, etwa 2019, als Iran einen britischen Tanker beschlagnahmte. In jüngerer Zeit nehmen zudem Drohnenangriffe zu. Zwischenfälle zwischen der US-Marine und der iranischen Revolutionsgarde gehören inzwischen zum Alltag.

Ungleich verteilte Abhängigkeit vom Engpass

Der Großteil des durch die Straße von Hormus transportierten Öls fließt in asiatische Märkte, insbesondere nach China, Indien, Japan und Südkorea. Auf Seiten der Förderländer zeigt sich jedoch eine deutlich unterschiedliche Abhängigkeit.

Kuwait, Katar und Bahrain sind vollständig auf die Passage angewiesen. Katar zählt zudem zu den weltweit größten Exporteuren von Flüssiggas. Auch der Irak ist stark abhängig, da sein zentraler Exportpunkt Basra direkt über die Straße von Hormus angebunden ist. Eine alternative Pipeline durch die Türkei existiert zwar, ist jedoch aufgrund politischer und sicherheitspolitischer Konflikte häufig außer Betrieb.

Selbst der Iran ist paradoxerweise stark von der Route abhängig. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen zwar über alternative Exportwege, können jedoch die gesamten Mengen nicht darüber abwickeln. Die strukturelle Bedeutung der Straße von Hormus bleibt damit für alle Akteure hoch.

Pipelinekapazitäten bleiben deutlich begrenzt

Unter normalen Bedingungen passieren täglich rund 20 Millionen Barrel Öl die Straße von Hormus. Dem gegenüber steht eine deutlich geringere Kapazität alternativer Transportwege über Pipelines.

Insgesamt existieren drei relevante Leitungen, die als Umgehung dienen könnten. Selbst im optimistischen Szenario könnten sie jedoch nur knapp die Hälfte der bisherigen Transportmenge übernehmen. Ihre kombinierte Kapazität liegt bei etwa neun Millionen Barrel pro Tag.

Die wichtigste Verbindung ist die saudische Ost-West-Pipeline des Konzerns Aramco. Sie verläuft über rund 1.200 Kilometer vom Ölfeld Abqaiq bis zum Hafen Yanbu am Roten Meer. Ein Teil der Kapazität wird für die inländische Versorgung genutzt, der Rest steht für den Export zur Verfügung.

Die Pipeline der Vereinigten Arabischen Emirate verbindet Abu Dhabi mit dem Hafen Fudschaira außerhalb der Straße von Hormus. Ihre Kapazität liegt bei etwa 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Eine weitere Verbindung führt vom Irak über die Türkei zum Mittelmeer, wird jedoch aktuell nur in begrenztem Umfang genutzt.

Kosten und Risiken verhindern einen Ausbau

Trotz wiederkehrender Spannungen wurde die Straße von Hormus nie über längere Zeit vollständig blockiert. Der Seetransport bleibt daher die flexibelste und zugleich kostengünstigste Option im globalen Ölhandel.

Pipelines sind in ihrer Kapazität begrenzt und an feste Routen gebunden. Tanker lassen sich dagegen flexibel einsetzen und ihre Zahl kann relativ schnell erhöht werden. Hinzu kommen erhebliche geografische und politische Hürden beim Bau neuer Leitungen.

Großprojekte müssten durch mehrere Staaten verlaufen, darunter politisch instabile oder rivalisierende Länder wie Syrien, Irak oder Jemen. Dies erhöht sowohl die Kosten als auch die Risiken erheblich. Um die Straße von Hormus vollständig zu ersetzen, wären mehrere Großpipelines erforderlich, deren Investitionsvolumen sich auf mehrere hundert Milliarden Dollar belaufen würde.

Auch die Verwundbarkeit bleibt ein zentraler Faktor. Pipelines können ebenso Ziel von Angriffen oder Sabotage werden wie Schiffe oder Hafenanlagen. Vor diesem Hintergrund hat sich die Kombination aus kalkulierbarem Risiko und militärischer Absicherung als wirtschaftlich überlegen erwiesen.

Neue Projekte stoßen auf politische Grenzen

Aktuell werden vor allem ältere Projektideen wieder aufgegriffen. Dazu gehört der von den USA unterstützte Wirtschaftskorridor IMEC, der Indien über den Persischen Golf mit Europa verbinden soll. Teile dieses Konzepts sahen auch eine Pipeline bis zum israelischen Hafen Haifa vor, gelten jedoch aufgrund politischer Spannungen als schwer umsetzbar.

Auch das seit Jahrzehnten diskutierte Projekt einer Pipeline von Basra nach Akaba in Jordanien rückt erneut in den Fokus. Dieses Vorhaben scheiterte bislang an Sicherheitsrisiken, politischen Konflikten und hohen Kosten. Bereits 2013 wurden Investitionen von rund 18 Milliarden Dollar veranschlagt.

Am realistischsten erscheint eine Erweiterung bestehender Infrastruktur in Saudi-Arabien. Das Land könnte seine Ost-West-Pipeline ausbauen oder zusätzliche parallele Leitungen errichten. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über Ausbauoptionen. Entscheidend bleibt jedoch, dass alle Projekte im direkten Vergleich zur bestehenden Route bewertet werden.

Abhängigkeit bleibt auch für Deutschland relevant

Die globale Energieversorgung bleibt trotz aller Risiken eng mit der Straße von Hormus verknüpft. Die militärische Absicherung durch die USA ermöglicht weiterhin einen vergleichsweise stabilen und kosteneffizienten Transport.

Für Deutschland ergeben sich daraus indirekte Abhängigkeiten. Selbst wenn ein Großteil der Energieimporte aus anderen Regionen stammt, wirken sich Störungen in der Straße von Hormus unmittelbar auf Preise und Lieferketten aus. Die Diversifizierung der Energieversorgung mindert Risiken, kann die strategische Bedeutung dieser Route jedoch nicht vollständig kompensieren.

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