Wasserknappheit verschärft sich weltweit
Klimawandel und vernachlässigte Infrastruktur bringen die Wassersysteme der Welt an ihre Belastungsgrenze. Doch obwohl Investitionen in Billionenhöhe erforderlich sind und die Sorge vor künftigen Engpässen wächst, haben Wasseraktien an der Börse bislang enttäuscht. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.
"Oft braucht es erst eine Krise, bevor die notwendigen Investitionen tatsächlich getätigt werden", sagt der Investor Robert Lindblom. Dass Wasser unbegrenzt zur Verfügung steht, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Klimawandel trifft auf veraltete und unzureichende Wasser- und Abwassersysteme. Dadurch gerät die Versorgung sowohl in Schweden als auch weltweit zunehmend unter Druck.
In mehreren schwedischen Kommunen gehört Wasserknappheit während der Sommermonate inzwischen zum Alltag. Bereits im Mai warnten die Behörden auf Gotland und in der südschwedischen Region Schonen vor Engpässen. Im vergangenen Jahr war auch Stockholm betroffen. Die Wasserwerke mussten ihre Kapazität wegen der hohen Wassertemperaturen reduzieren, obwohl die Stadt auf den Mälarsee zurückgreifen kann.
Die Probleme beschränken sich nicht auf Schweden. Nach Angaben des World Resources Institute könnte bereits 2050 mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung einem hohen Wasserstress ausgesetzt sein. Auch international tätige Unternehmen bekommen den zunehmenden Druck zu spüren. Der Getränkekonzern Constellation Brands, zu dessen Marken Corona gehört, musste kürzlich eine fast fertiggestellte Brauerei in Mexiko wegen Konflikten um die Wasserversorgung aufgeben. Die Stilllegung kostete das Unternehmen umgerechnet knapp 551 Millionen Euro.
Selbst die Unternehmen des KI-Booms stoßen auf Grenzen. In Chile stoppte ein Gericht kürzlich ein millionenschweres Projekt von Google. Ausschlaggebend waren Bedenken wegen des hohen Wasserverbrauchs der geplanten Anlage.
Wasseraktien ziehen Kapital an, bleiben aber zurück
Der wachsende Bedarf an Lösungen gegen Wasserknappheit zeigt sich inzwischen auch an den Finanzmärkten. Nach Angaben von Bloomberg Intelligence stieg das in wasserorientierten Aktienfonds verwaltete Kapital zwischen 2020 und 2024 um fast 60 Prozent auf mehr als umgerechnet 80,8 Milliarden Euro. Auch für Beteiligungsgesellschaften entwickelt sich Wasser zu einem interessanten Investitionsfeld. Im Juni kaufte Nordic Capital das britische Abwasserunternehmen Flowa für umgerechnet rund 597 Millionen Euro. Der Kaufpreis entsprach mehr als dem 20-Fachen des operativen Gewinns.
"Wasser ist heiß", verteidigte Nordic-Capital-Partner Andreas Näsvik den hohen Preis in einem Interview mit der schwedischen Wirtschaftszeitung Dagens industri. Ein weiterer Akteur, der sich in diesem Markt positioniert hat, ist Havsfonden. Der Themenfonds investiert in Unternehmen, deren Geschäftsmodelle mit Wasser verbunden sind. Geschäftsführer Robert Lindblom ist ein Veteran der schwedischen Finanzbranche. Unter anderem arbeitete er für den Hedgefondsverwalter Brummer & Partners.
"Allein in Schweden hat die Wasserinfrastruktur einen aufgestauten Instandhaltungsbedarf im Umfang von Hunderten Milliarden Kronen. Jedes Jahr kommen weitere zehn Milliarden Kronen hinzu. Das ist ein Bereich, in dem dringend Kapital benötigt wird und in dem Investoren tatsächlich etwas bewirken können", sagt Lindblom. Zehn Milliarden schwedische Kronen entsprechen rund 918 Millionen Euro. Der gesamte schwedische Sanierungsstau liegt damit im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich. Der Fonds investiert sowohl in Technologie- als auch in Dienstleistungsunternehmen. Neben einem klaren Bezug zum Wassersektor müssen die Unternehmen im Portfolio profitabel und börsennotiert sein sowie eine bestimmte Mindestgröße erreichen. Unter diesen Voraussetzungen kommen weltweit zwischen 80 und 100 Unternehmen als Investitionsziele infrage.
Wasser-Aktien: Der unterschätzte Milliardenmarkt Wasser
Der Kapitalbedarf im Wassersektor ist enorm. Die Nachfrage nach Süßwasser nimmt jedes Jahr zu. Gründe dafür sind unter anderem das Bevölkerungswachstum, der steigende Lebensmittelkonsum und die wachsende Zahl von Rechenzentren, die große Wassermengen für ihre Kühlsysteme benötigen.
Nach Berechnungen des World Economic Forum müssten bis 2040 umgerechnet mehr als 11,5 Billionen Euro investiert werden, um die Wassersysteme weltweit auszubauen und zu modernisieren. Werden lediglich die derzeitigen Planungen umgesetzt, dürften die Investitionen jedoch bei etwa 5,1 Billionen Euro liegen.
Trotz dieses gewaltigen Bedarfs haben sich Wasseraktien bislang nicht zu einem Börsenerfolg entwickelt. Die Branche ist von langen Investitionszyklen und vergleichsweise niedrigen Wachstumsraten geprägt. Während der Nasdaq Global Index, der die Entwicklung der internationalen Aktienmärkte abbilden soll, in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 51 Prozent gestiegen ist, legte der erfolgreichste Wasserfonds im gleichen Zeitraum um knapp 42 Prozent zu.
Nach Einschätzung Lindbloms bieten Wasserfonds allerdings Eigenschaften, die viele Anleger suchen: eine breitere Risikostreuung und geringe Kursschwankungen. Zugleich ist er überzeugt, dass der Markt das Potenzial der Branche noch nicht vollständig eingepreist hat. "Eine Erklärung für die bisherige Entwicklung ist, dass viele der Investitionen, die künftig das Wachstum antreiben sollen, noch mehrere Jahre entfernt sind und in hohem Maße von politischen Entscheidungen abhängen", sagt er.
Wasserinfrastruktur: Deutschland steht vor ähnlichen Aufgaben
Große Teile der schwedischen Wassernetze gehören Kommunen und Regionen. Diese verfügen häufig nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um die dringend notwendigen Sanierungen umzusetzen. Lindblom rechnet deshalb damit, dass neue Finanzierungsmodelle entstehen werden. Das Spektrum reicht von Privatisierungen bis zu sogenannten Blended-Finance-Modellen, bei denen privates und öffentliches Kapital zusammenwirken. "Das Investitionstempo muss steigen, sobald der aufgestaute Instandhaltungsbedarf untragbar wird. Wann genau das geschieht, lässt sich jedoch nur schwer vorhersagen. Oft braucht es erst eine Krise, bevor die notwendigen Investitionen tatsächlich getätigt werden", sagt Lindblom.
Auch Deutschland steht grundsätzlich vor der Aufgabe, seine Wasser- und Abwasserinfrastruktur an Klimaveränderungen, steigende Verbrauchsspitzen und neue industrielle Anforderungen anzupassen. Für deutsche Kommunen, Versorger und Industrieunternehmen dürfte entscheidend sein, Investitionen rechtzeitig anzustoßen. Lange Genehmigungs- und Bauzeiten erhöhen das Risiko, dass erst akute Engpässe politischen und finanziellen Handlungsdruck erzeugen. Gleichzeitig können Unternehmen, die Messsysteme, Wasseraufbereitung, Leckagekontrolle, Pumpentechnik oder effiziente Kühllösungen anbieten, langfristig von der Modernisierung profitieren.
Für Anleger bleiben Wasseraktien damit ein langfristiges Infrastrukturthema und keine Wette auf schnelle Kursgewinne. Das Wachstumspotenzial ist erheblich, hängt jedoch stark davon ab, wann Staaten und Kommunen ihre Investitionspläne tatsächlich umsetzen.

