Politik

Heuchelei als Strategie: Warum ausgerechnet Trumps Freunde den größten Beitrag zu Russlands Kriegskasse leisten

Donald Trump wirft Europa vor, Putins Krieg gegen die Ukraine mitzufinanzieren. Doch die Fakten zeigen etwas anderes: Nicht Brüssel oder Berlin halten Moskaus Energiegeschäfte am Laufen, sondern jene europäischen Regierungschefs, die Trump selbst zu seinen engsten Verbündeten zählt. Ungarn und die Slowakei sind die wahren Nadelöhre der russischen Energieroute.
01.12.2025 08:52
Lesezeit: 3 min
Heuchelei als Strategie: Warum ausgerechnet Trumps Freunde den größten Beitrag zu Russlands Kriegskasse leisten
US-Präsident Donald Trump begrüßt Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban im Weißen Haus. (Foto: dpa) Foto: Evan Vucci

Trumps Vorwürfe und die Realität europäischer Unterstützung für Kiew

Als Donald Trump im September vor der UN-Generalversammlung auftrat, sprach er dem Westen ins Gewissen: Europa finanziere mit seinen Energiezahlungen „den Krieg gegen sich selbst“. Eine Aussage, die der ehemalige Präsident und sein Vize J. D. Vance seit Monaten wiederholen, um den sinkenden amerikanischen Beitrag für die Ukraine zu rechtfertigen. Der Vorwurf klingt schlüssig, wäre er nicht so offensichtlich falsch. Europa ist seit Beginn der Invasion der größte Unterstützer der Ukraine. Die Last trägt nicht Washington, sondern die EU.

Wer tatsächlich noch immer Milliarden an russische Energiekonzerne überweist, sind zwei Staaten, deren Regierungschefs Trump offen bewundert: Ungarn unter Viktor Orbán und die Slowakei unter Robert Fico. Beide pflegen enge Kontakte zu Wladimir Putin und sehen in ihm nicht den Aggressor, sondern einen politischen Verbündeten.

Orbán sorgt für Energiezufuhr und unterläuft westliche Sanktionen

Ungarns Energiebeziehungen zum Kreml sind ein zentraler Faktor. Orbán hat in den vergangenen Jahren keine ernsthaften Schritte unternommen, um sein Land aus der Abhängigkeit russischer Energie zu lösen. Im Gegenteil: Er reist weiterhin ohne Vorankündigung nach Moskau, um Rohöl- und Gaslieferungen abzusichern. Zuletzt im Übrigen vor einer Woche. Während Deutschland seinen jahrzehntelang aufgebauten Energiepfad zu Russland mit schmerzhaften wirtschaftlichen Folgen gekappt hat, zahlen Ungarn und die Slowakei allein in diesem Jahr rund sechs Milliarden Euro an russische Energieunternehmen. Der Großteil dieser Gelder fließt direkt in den russischen Föderationshaushalt und trägt damit zur Kriegsfinanzierung bei.

Washington unter Trump verschaffte Orbán sogar zusätzliche Ausnahmen von den Sanktionen gegen russische Ölfirmen, mit dem Argument, Ungarn verfüge nicht über einen eigenen Seezugang. Dass alle Nachbarstaaten ähnliche geografische Bedingungen haben und dennoch ihre Abhängigkeit reduziert haben, spielte dabei keine Rolle. Orbán geht sogar einen Schritt weiter: Ungarns Energiekonzern MOL will die serbischen Gazprom-Vermögenswerte übernehmen, um über die bestehende Ausnahmegenehmigung weiterhin russisches Öl und Gas nach Serbien (einen der entscheidendsten russischen Verbündeten auf dem Balkan) weiterzuleiten.

Fico und Orbán unterstützen Putins „Friedensplan“ und destabilisieren Europa von innen

Robert Fico hat offen erklärt, dass der russische „Friedensplan“, der Moskau faktisch einen vollständigen Sieg verschaffen würde, aus seiner Sicht ein sinnvoller Weg sei. Orbán bezeichnet denselben Plan als „genial“. Beide Regierungen stehen klar gegen eine europäische Linie, die sich an Völkerrecht und territorialer Integrität orientiert. Diese Positionierungen sind kein Randphänomen. Sie untergraben die europäische Einheit in der Sanktionspolitik, verzögern Entscheidungen und geben Russland politische Hebelwirkung innerhalb der EU.

Selbst die Debatte über die Nutzung der eingefrorenen russischen Zentralbankvermögen zeigt das Problem: Der belgische Premierminister Bart De Wever blockiert seit Wochen ein Modell, das Milliarden für die Ukraine freisetzen könnte. Seine Argumentation lautet, ein Zugriff gefährde das Vertrauen in die Euro-Währungsordnung, während Belgien über Zeebrugge weiterhin russisches LNG importiert und damit dem Kreml allein in diesem Jahr über eine Milliarde Euro einbringt.

Ein westliches Bündnis mit Rissen

Für Deutschland ist die Lage doppelt brisant. Einerseits hat Berlin seine energiepolitische Abhängigkeit von Russland so radikal abgebaut wie kaum ein anderer Industriekonzernstaat. Andererseits unterminieren Staaten wie Ungarn und die Slowakei die gesamte europäische Politik, indem sie russische Energiewaren weiterhin beziehen und politisch gegen Kiew arbeiten. Damit entsteht eine Schieflage, die auch die deutsche Außen- und Wirtschaftspolitik belastet: Europa trägt die Hauptlast der Ukraine-Unterstützung, während einige EU-Länder gleichzeitig das System schwächen, das Deutschlands Strategie erst möglich macht. Berlin ist gezwungen, zwischen Solidarität und diplomatischer Härte abzuwägen.

Die Auseinandersetzung zwischen USA und Europa ist längst nicht mehr nur eine Frage des Verteidigungsetats, sondern der politischen Glaubwürdigkeit. Wenn Trump Europa lehrmeisterlich auffordert, die „russische Kriegskasse“ nicht zu füllen, dann ignoriert er bewusst, dass seine engsten Verbündeten zu den größten Profiteuren russischer Energie gehören. Der geopolitische Schaden ist erheblich. Russland nutzt die Spaltung innerhalb der EU konsequent, während China und andere autoritäre Staaten beobachten, wie anfällig westliche Allianzen für interne Dissidenten sind.

Europas Problem liegt nicht in Brüssel, sondern in Budapest und Bratislava

Der Westen hat in den vergangenen Jahren enorme Leistungen für die Ukraine erbracht – und Europa mehr als die USA. Doch solange einzelne EU-Staaten weiterhin russische Energie finanzieren, Moskaus Positionen übernehmen und die europäischen Entscheidungswege blockieren, verliert der Kontinent an strategischer Schlagkraft. Trumps Vorwürfe treffen also die Falschen. Nicht Europa als Ganzes hält Putins Wirtschaft am Leben, sondern jene Regierungen, die den Kreml aktiv hofieren. Wer Europas Handlungsfähigkeit stärken will, muss diese inneren Störfaktoren angehen. Nur dann kann die EU geschlossen auftreten.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Das Zeitalter des intelligenten passiven Einkommens: Bitcoin-Mining mit BlackchainMining

In der heutigen, sich rasant entwickelnden digitalen Wirtschaft sind Kryptowährungen wie Bitcoin nicht nur Vermögenswerte, sondern auch...

X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

avtor1
Marius Vaitiekūnas

Zum Autor:

Marius Vaitiekūnas ist ein ausgewiesener Experte für Geopolitik und internationale Wirtschaftsverflechtungen. Geboren 1985 in Kaunas, Litauen, schreibt er als freier Autor regelmäßig für verschiedene europäische Medien über die geopolitischen Auswirkungen internationaler Konflikte, wirtschaftlicher Machtverschiebungen und sicherheitspolitischer Entwicklungen. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind die globale Energiepolitik und die sicherheitspolitischen Dynamiken im osteuropäischen Raum.

DWN
Finanzen
Finanzen Optimismus für europäische Banken und der Auftakt zu 2026
09.12.2025

Die Wall Street steht vor Rekorden. Analysten sehen starke Impulse für 2026, doch warnen vor Risiken. Banken glänzen, Bitcoin sorgt für...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Voith: Maschinenbauer streicht 2.500 Stellen
09.12.2025

Der Maschinenbauer Voith plant in Deutschland den Abbau von bis zu 2.500 Stellen. Grund sind strukturelle Probleme wie hohe Energie- und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Feiertage killen fürs BIP: Ist das wirklich eine gute Idee?
09.12.2025

Mehr Arbeitstage, mehr Wachstum – so lautet das einfache Versprechen für 2026. Doch die Debatte über einen möglichen Wegfall eines...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Exporte: USA- und China-Geschäft bricht im Oktober ein
09.12.2025

Die deutschen Exporte geraten in ihren wichtigsten Absatzmärkten ins Rutschen, und die Zahlen aus den USA und China zeichnen ein klares...

DWN
Finanzen
Finanzen Neues Silberpreis-Rekordhoch: Engpässe treiben Aufwärtsrallye – warum Anleger jetzt wachsam sein müssen
09.12.2025

Der Silberpreis jagt von Rekord zu Rekord und übertrifft selbst den Hype um Gold, folgerichtig gibt es am Dienstag ein neues...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Arbeitsmarkt: Sieben Wege wie Unternehmen Fachkräfte finden und halten
09.12.2025

Qualifizierte Fachkräfte werden knapp – das spüren Unternehmen bei der Personalsuche immer deutlicher. Die Folgen: Engpässe,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milan Nedeljkovic BMW: Er folgt auf Oliver Zipse
09.12.2025

BMW bekommt einen neuen Chef: Milan Nedeljkovic übernimmt das Ruder von Oliver Zipse. Der Produktionsvorstand bringt Erfahrung aus fast...

DWN
Finanzen
Finanzen Allianz-Aktie im Fokus: Allianz-Kooperation mit Oaktree – was der Syndikat-Pakt für Anleger bedeutet
09.12.2025

Ein neuer Deal in London, ein bestätigtes Top-Rating und höhere Gewinnziele treiben die Allianz-Aktie bis an das Jahreshoch. Doch hinter...