Wirtschaft

Russlands Staatshaushalt unter Druck: Finanzielle Grenzen der Kriegsfinanzierung rücken näher

Russlands Kriegswirtschaft erscheint nach außen stabil, gerät jedoch zunehmend unter fiskalischen Druck. Wie lange kann das System hohe Militärausgaben und sinkende Einnahmen noch verkraften?
15.01.2026 06:02
Lesezeit: 4 min
Russlands Staatshaushalt unter Druck: Finanzielle Grenzen der Kriegsfinanzierung rücken näher
Russlands Wirtschaft wird trotz hoher Militärausgaben und westlicher Sanktionen durch stagnierendes Wachstum und sinkende Staatseinnahmen zunehmend belastet (Foto: iStock.com, Iuliia Leonteva) Foto: Iuliia Leonteva

Russlands Wirtschaft unter strukturellem Druck

Westliche Sanktionen werden weiter verschärft, während Russlands Militärausgaben auf hohem Niveau verharren. Ökonomen erwarten daher, dass die Wirtschaft des Aggressorstaates in diesem Jahr weitgehend stagniert. Kurzfristig dürfte dies die aggressive Politik von Präsident Wladimir Putin jedoch nicht bremsen.

Der durch Rüstungsausgaben gestützte Wachstumseffekt verliert zunehmend an Wirkung. Sinkende Ölpreise und der anhaltende Druck auf Russlands Energieexporte schmälern die Staatseinnahmen. Die steigenden Kriegskosten sollen daher vorwiegend über höhere Steuern aufgefangen werden.

Das Auslaufen des kriegsbedingten Wachstumsschubs

Der kriegsinduzierte Wachstumsschub ist 2025 weitgehend ausgelaufen. Nach zwei Jahren mit einem Wirtschaftswachstum von über vier Prozent verlangsamte sich das BIP-Wachstum nach vorläufigen Daten auf rund ein Prozent. Die belastenden Rahmenbedingungen dürften auch in diesem Jahr bestehen bleiben.

Russland hat damit die temporären Faktoren ausgeschöpft, die 2023 und 2024 das Wachstum getragen hatten. 2023 war die Expansion vorrangig eine Erholung nach dem Einbruch von 2022, als die Wirtschaft hastig auf eine Kriegsproduktion umgestellt wurde. 2024 beruhte das Wachstum dagegen auf massiv steigenden Staatsausgaben.

Staatsausgaben verlieren an stimulierender Kraft

Im Jahr 2024 erhöhten sich die föderalen Ausgaben um rund ein Viertel, von etwa 323,5 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf rund 402 Milliarden Euro. Diese Ausweitung stützte kurzfristig die Nachfrage und überdeckte strukturelle Schwächen der Wirtschaft.

Für 2025 und 2026 sind solche Impulse jedoch kaum noch vorhanden. Die Regierung rechnet mit Ausgaben von rund 423 Milliarden Euro im Jahr 2025 und etwa 441 Milliarden Euro im Jahr 2026. Inflationsbereinigt entspricht dies weitgehend einer Stagnation ohne neue Wachstumsimpulse.

Gedämpfte Wachstumserwartungen

Russische Behörden selbst erwarten für 2025 und 2026 ein BIP-Wachstum von jeweils etwa einem Prozent. Erst 2027 soll sich das Wachstum auf rund zwei Prozent beschleunigen. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass das Wachstum im vergangenen Jahr 0,6 Prozent betrug und 2026 bei etwa einem Prozent liegen wird.

Auch in Russland selbst mehren sich skeptische Einschätzungen. Die Wirtschaftszeitung Kommersant beschreibt das laufende Jahr als besonders anfällig für unerwartete wirtschaftliche Risiken und verweist auf die nachlassende Widerstandskraft der Volkswirtschaft.

Zunehmende Krisenanfälligkeit der Wirtschaft

Nach Einschätzung russischer Analysten ist die Wirtschaft ohne akute Krisensignale in das Jahr 2026 gestartet, verfügt jedoch nicht mehr über die frühere Stabilität. Aufgrund der engen Wirtschaftsstruktur, sinkender Investitionen und begrenzter finanzieller Reserven könnten bereits kleinere externe oder interne Schocks spürbare Folgen haben. Die wirtschaftliche Entwicklung hängt damit zunehmend von Haushaltsentscheidungen und der außenwirtschaftlichen Lage ab. Die Fähigkeit, neue Belastungen abzufedern, nimmt weiter ab.

Einbruch bei den Haushaltseinnahmen

Erstmals seit Beginn der Pandemie verfehlte Russland 2025 seine geplanten Haushaltseinnahmen. Statt der ursprünglich erwarteten rund 403 Milliarden Euro dürften die tatsächlichen Einnahmen nur etwa 366 Milliarden Euro betragen.

Hauptursachen sind geringere Steuereinnahmen infolge des schwächeren Wirtschaftswachstums sowie sinkende Erlöse aus dem Energiesektor. Niedrigere Ölpreise und hohe Abschläge für russisches Rohöl infolge westlicher Sanktionen belasten den Staatshaushalt zusätzlich.

Rückläufige Energieerlöse

Die Einnahmen aus Öl und Gas dürften 2025 bei rund 87 Milliarden Euro liegen und damit deutlich unter der ursprünglichen Planung von knapp 109 Milliarden Euro. Auch für 2026 ist angesichts der Marktbedingungen kaum mit einer Erholung zu rechnen.

Um das Haushaltsdefizit zu begrenzen, erhöht der Kreml die Steuerlast. Die Mehrwertsteuer wurde zum Jahresbeginn von 20 auf 22 Prozent angehoben. Zusätzlich plant die Regierung neue Abgaben auf Elektronikprodukte wie Laptops, Smartphones und Beleuchtung.

Militärausgaben bleiben unangetastet

Trotz der wirtschaftlichen Abkühlung sind keine Kürzungen bei den Militärausgaben vorgesehen. Für 2026 sind offiziell rund 129 Milliarden Euro für die nationale Verteidigung eingeplant, wobei Experten von deutlich höheren tatsächlichen Ausgaben ausgehen.

Russland weist einen erheblichen Teil seiner Kriegskosten nicht offen aus. Fachleute sind sich einig, dass die wirtschaftliche Belastung den Kreml nicht zu Verhandlungen zwingen wird, solange grundlegende Finanzierungsquellen bestehen bleiben.

Putins wirtschaftspolitisches Kalkül

Die wirtschaftlichen Kosten gelten für Präsident Putin als tragbar, sagt Maria Snegovaya vom Center for Strategic and International Studies. Kurzfristig verfüge Russland weiterhin über ausreichenden fiskalischen Spielraum, um den Krieg fortzusetzen.

Auch der britische Analyst Richard Connolly vom Royal United Services Institute betont, dass die Sanktionen bislang nicht ausgereicht hätten, um Moskaus Kriegsstrategie grundlegend zu verändern. Solange Russland Öl fördern und verkaufen könne, bleibe die Wirtschaft kein entscheidender Faktor für Putins Entscheidungen.

Historisch hat Russland erst bei tiefen wirtschaftlichen Krisen zu Frieden tendiert, etwa nach dem Ersten Weltkrieg oder während des Afghanistan-Kriegs der Sowjetunion. Davon sei das Land derzeit noch weit entfernt. Zudem löst hohe Inflation kaum sozialen Protest aus. Propaganda und Repression dämpfen Unzufriedenheit, während hohe Kriegsausgaben neue Gewinner hervorbringen, insbesondere in der Rüstungsindustrie.

Regionale Effekte des Krieges

In einigen strukturschwachen Regionen führte der Krieg zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Hohe Soldzahlungen und Entschädigungen für Soldatenfamilien steigerten dort Einkommen und Nachfrage spürbar. Nach Angaben der Ökonomin Jekaterina Kurbangaleeva sind die Löhne in bestimmten Berufsgruppen seit 2021 teils um das Drei- bis Fünffache gestiegen. Dieser Effekt habe jedoch nur vorübergehend gewirkt.

Fehlende Grundlage für nachhaltiges Wachstum

Langfristig sehen Experten kaum Wachstumspotenzial. Nach Einschätzung der ukrainischen Auslandsaufklärung würde ein Kriegsende die wirtschaftlichen Probleme sogar verschärfen, da militärische Aufträge wegfallen und Einkommen stagnieren könnten.

Strukturelle Schwächen wie der demografische Wandel, die starke Abhängigkeit von Rohstoffen und ein ungünstiges Investitionsklima würden durch Krieg und Sanktionen weiter verstärkt, warnt der Bruegel-Ökonom Marek Dabrowski.

Abhängigkeit von externen Faktoren

Wie lange Russland den Krieg finanzieren kann, hängt auch von China und Indien ab, den wichtigsten Abnehmern russischen Öls. Gleichzeitig erschweren verschärfte US- und EU-Sanktionen den Zugang zu Technologie und internationalen Handelswegen. Russlands Kriegswirtschaft ist damit weder kollabiert noch stabil. Sie überlebt, indem sie Belastungen in die Zukunft verlagert und strukturelle Probleme vertagt.

Auswirkungen auf Deutschland und Europa

Für Deutschland bleibt diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung. Eine anhaltend geschwächte russische Wirtschaft beeinflusst Energiepreise, Handelsströme und die sicherheitspolitische Lage in Europa. Der Befund zeigt, dass wirtschaftlicher Druck kurzfristig keine politische Kursänderung erzwingt, langfristig jedoch Risiken für Stabilität und wirtschaftliche Planbarkeit auch für Deutschland erhöht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Unternehmen, die in China tätig sind, stehen vor einer schwierigen Wahl
30.09.2026

Europäische Unternehmen mit Geschäften in China stehen vor einem Dilemma: gegen EU-Recht verstoßen oder gegen chinesisches Recht. Die...

DWN
Politik
Politik Vestager und Nobelpreisträger schlagen KI-Alarm: Kritisches Zeitfenster schließt sich Monat für Monat
30.09.2026

Europa läuft Gefahr, bei künstlicher Intelligenz dauerhaft von den USA und China abhängig zu werden. Margrethe Vestager, zwei...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
30.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...

DWN
Politik
Politik Ende des Brexit? Britischer Premier schließt Wiedereintritt in EU nicht aus
30.09.2026

Der Brexit bleibt auch Jahre nach dem Austritt ein Dauerthema im Vereinigten Königreich. Mit seiner Haltung dazu sorgt der britische...

DWN
Politik
Politik Erster AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt? Siegmund stellt sich zur Wahl
30.09.2026

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will sich nach seinem Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Dezember als Ministerpräsident...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aus für Bohai-Automotive: Werksschließung in Harzgerode
30.09.2026

Der Autozulieferer Bohai Automotive schließt sein Werk im Harz endgültig. Rund 550 Arbeitsplätze verschwinden an dem traditionsreichen...

DWN
Politik
Politik Neuordnung Pflegeversicherung beschlossen: Regierung bringt Pflegereform auf den Weg
30.09.2026

Die Bundesregierung gibt nach langem Ringen von Union und SPD grünes Licht für die geplante Pflegereform. Das Kabinett beschließt den...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Immobilienberatung: ChatGPT wählt einen Immobilienkredit – sinnvoll oder nicht?
30.09.2026

Ein Wohnungskauf für rund 803.000 Euro, eine hohe Eigenleistung und der Wunsch nach Kindern: Kann ChatGPT bei der Wahl des passenden...