Politik

USA und Iran im Konflikt: Wie China auf steigende Ölpreise reagiert

Der Krieg im Iran verschiebt die geopolitischen Gewichte zwischen Russland und China und legt ihre gegensätzlichen Energieinteressen offen. Wer profitiert strategisch von einer Eskalation im Iran und wem drohen wirtschaftliche und machtpolitische Nachteile?
03.03.2026 15:54
Lesezeit: 4 min
USA und Iran im Konflikt: Wie China auf steigende Ölpreise reagiert
Der Konflikt zwischen USA und Iran verschiebt die strategischen Interessen Chinas und verändert das geopolitische Machtgefüge auf den globalen Energiemärkten (Foto: dpa) Foto: zhengzaishuru

Unterschiedliche Interessen von Russland und China im Iran

Russland und China verfolgen im Iran grundlegend unterschiedliche strategische Ziele. Während Moskau als Energieexporteur von steigenden Ölpreisen profitiert, ist Peking als größter Energieimporteur auf stabile und möglichst niedrige Preise angewiesen.

Entsprechend divergieren die Interessen beider Großmächte im Falle eines länger andauernden Krieges deutlich. Viele Analysten gehen davon aus, dass Moskau und Peking offiziell mit scharfer Rhetorik auf einen amerikanisch-israelischen Angriff reagieren würden, ähnlich wie zuvor im Fall Syriens oder Venezuelas.

Tatsächlich stehen jedoch weniger ideologische Loyalitäten im Vordergrund als vielmehr nüchterne machtpolitische und ökonomische Kalküle. Entscheidend ist, wie sich eigene Interessen im Iran, im Nahen Osten und im globalen Machtgefüge sichern lassen.

Ölpreise als Hebel für Russlands Kriegskasse

Die Finanzierung des russischen Krieges in der Ukraine sowie die Stabilität des Staatshaushalts hängen maßgeblich von den erzielbaren Ölpreisen ab. Viele Abnehmer russischen Öls kaufen zugleich iranisches Rohöl. Fällt ein Teil der Lieferungen aus dem Persischen Golf aus, etwa durch eine Blockade der Straße von Hormus oder geringere saudische Exporte, steigt der Preis am Weltmarkt.

Ein solcher Preisanstieg verschafft Russland kurzfristig zusätzlichen finanziellen Spielraum. Höhere Exporterlöse stärken die Staatseinnahmen und erleichtern die Finanzierung militärischer Ausgaben. Ein länger andauernder Konflikt mit anhaltend hohen Energiepreisen würde Moskaus Position damit zunächst festigen.

Chinas strukturelle Abhängigkeit von günstiger Energie

Für China stellen steigende Ölpreise dagegen ein erhebliches Risiko dar. Peking ist der größte Abnehmer iranischen Öls und kauft rund 90 Prozent der iranischen Exporte. Im Jahr 2025 entsprach dies gut einer Million Barrel pro Tag, was etwa 13 bis 14 Prozent der gesamten chinesischen Rohölimporte auf dem Seeweg ausmachte.

Gleichzeitig ist Iran nur ein Teil eines größeren Versorgungsnetzes. Wichtigste Lieferanten bleiben Russland und vor allem Saudi-Arabien. Rund 44 Prozent der chinesischen Ölimporte stammen aus dem erweiterten Nahen Osten. Pekings wirtschaftliche Interessen in der Region reichen daher weit über die Beziehungen zu Teheran hinaus.

Chinas Industrie ist auf niedrige Energiepreise angewiesen, da günstige Produktionskosten ein zentraler Wettbewerbsvorteil sind. Steigende Ölpreise verteuern Produktion, Transport und Konsumgüter. Das belastet Wohlstand, Kaufkraft und Verbrauchervertrauen. Für die Führung in Peking, die seit Jahren versucht, den Binnenkonsum zu stärken, wären Inflation und Unsicherheit infolge eines Krieges im Iran politisch heikel.

Geostrategische Ambitionen im Rahmen der Neuen Seidenstraße

China verfolgt im Iran langfristige wirtschaftliche und geostrategische Ziele, insbesondere im Rahmen der Initiative „Neue Seidenstraße“ Energieprojekte, Infrastrukturinvestitionen und Transportkorridore verbinden beide Länder seit Jahren enger miteinander. Dennoch gilt die chinesische Präsenz im Iran als ausbaufähig.

Iran verfügt über umfangreiche Öl-, Gas- und Mineralvorkommen, doch viele Sektoren sind technologisch rückständig. Modernisierungsbedarf besteht vor allem in den Bereichen Digitalisierung, Effizienz und Fördertechnik. Auch im Gassektor bleiben große Felder unerschlossen. Für China eröffnen sich hier Investitionsmöglichkeiten, vor allem wenn Teheran stärker auf ausländisches Kapital und Technologie angewiesen ist.

Neben dem Zugang zu Rohstoffen spielt die geografische Lage Irans eine Schlüsselrolle. Das Land ist ein zentraler Knoten im Persischen Golf und für die Landverbindung zwischen Ostasien und Europa von strategischer Bedeutung.

Auch für chinesische Handelsströme nach Afrika ist die Golfregion ein logistisches Drehkreuz. Ein geschwächter Iran könnte für Peking wirtschaftlich noch abhängiger werden. Ein vollständiger regionaler Zusammenbruch würde jedoch Handelsrouten, Energiemärkte und Investitionen massiv destabilisieren.

Begrenzte Spielräume für Moskau

Kurzfristig profitiert Russland von hohen Energiepreisen, langfristig ist die Perspektive weniger eindeutig. Seit dem Angriff auf die Ukraine haben Moskau und Teheran ihre wirtschaftliche und militärische Kooperation ausgebaut. Neue Handelsabkommen, engere Bankverbindungen und Investitionen in strategische Sektoren wurden vereinbart.

Analysen verweisen jedoch darauf, dass die Wirtschaftsstrukturen beider Länder nur begrenzt kompatibel sind und in einzelnen Bereichen sogar konkurrieren. Das dürfte das langfristige Wachstum der bilateralen Beziehungen bremsen. Zudem bindet der Krieg in der Ukraine erhebliche russische Ressourcen, was den finanziellen und politischen Spielraum im Iran einschränkt.

Für China entsteht dadurch ein strategischer Vorteil. Je stärker Russland durch eigene Konflikte geschwächt ist, desto weniger kann Moskau seinen Einfluss in anderen Regionen ausbauen. Sollte es zu einer Verständigung zwischen China und den USA kommen, wäre Russland in vielen Projekten ersetzbar.

Zurückhaltung bei militärischer Unterstützung

Die Frage nach einer direkten militärischen Unterstützung Irans durch Russland oder China ist komplex. In Israel leben schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen mit russischen Wurzeln, rund 15 Prozent der Bevölkerung.

Die Beziehungen zwischen Moskau und Jerusalem sind daher von wechselseitigen Interessen geprägt. Zudem stellt sich angesichts des Krieges in der Ukraine die Frage, ob Russland eine weitere militärische Eskalation riskieren würde.

Zwar unterzeichneten Russland und Iran im vergangenen Jahr ein umfassendes strategisches Partnerschaftsabkommen. Teheran lieferte unter anderem Drohnen und unterstützte bei der Produktion entsprechender Systeme. Russische Offizielle betonen jedoch, dass daraus kein formelles Militärbündnis oder eine gegenseitige Beistandspflicht abgeleitet werden könne.

Auch China vermeidet eine militärische Festlegung. Zwar kritisierte Peking amerikanische und israelische Angriffe auf den Iran, leistete jedoch keine materielle Unterstützung. Trotz strategischer Partnerschaft hatte China vor dem Atomabkommen von 2015 sogar UN-Sanktionen gegen Teheran mitgetragen.

Ein nuklear bewaffneter Iran liegt nicht im Interesse Pekings. Eine solche Entwicklung würde die regionale Stabilität gefährden und andere Staaten in Asien zu eigenen Aufrüstungsentscheidungen bewegen. Gleichzeitig gilt: Je stärker der iranische Staat unter Druck gerät, desto größer wird seine diplomatische, wirtschaftliche und technologische Abhängigkeit von China.

Folgen für Energiemärkte und deutsche Industrie

Für Deutschland sind die Entwicklungen im Iran vor allem über die Energiepreise relevant. Steigende Ölpreise verteuern Transport, Produktion und Energieversorgung und wirken direkt auf Inflation und Wettbewerbsfähigkeit. Als energieimportierende Volkswirtschaft ist Deutschland ähnlich wie China auf stabile und berechenbare Märkte angewiesen.

Ein länger anhaltender Krieg im Iran würde nicht nur die strategischen Positionen Russlands und Chinas verschieben, sondern auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa verändern. Für die deutsche Industrie bleibt entscheidend, ob die globalen Energiemärkte stabil bleiben oder durch geopolitische Eskalationen erneut unter Druck geraten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Simona Toplak

Simona Toplak ist Chefredakteurin der slowenischen Wirtschaftszeitung Casnik Finance.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Teilkrankschreibung gegen hohe Fehlzeiten: Ist die Regelung sinnvoll?
05.05.2026

Krank, aber nicht ganz arbeitsunfähig – das soll künftig möglich sein: Im Zuge der neuen Gesundheitsreform hat die Bundesregierung die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Stromnetz im Kostencheck: Welche Technologien langfristig überzeugen
05.05.2026

Europas Stromversorgung steht vor einer neuen Kostenlogik, in der erneuerbare Energien, Speichertechnologien und verlässliche Grundlast...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie steigt trotz schwachem Quartal
05.05.2026

Die Zahlen fallen schwächer aus als erwartet, doch die Aktie reagiert überraschend robust. Statt Abverkauf setzt Rheinmetall auf eine...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unicredit greift Commerzbank an: Übernahme rückt näher
05.05.2026

Unicredit macht Ernst und treibt die Übernahme der Commerzbank mit Tempo voran. Doch Widerstand aus Berlin und Frankfurt könnte den Deal...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biontech-Aktie: 1.860 Stellen in Gefahr
05.05.2026

Biontech zieht die Notbremse und fährt Kapazitäten drastisch herunter. Der Sparkurs trifft Standorte weltweit – und bringt Tausende...

DWN
Politik
Politik Olena Zelenska über den Krieg: Was die Ukraine heute zusammenhält
05.05.2026

Olena Zelenska steht im Ukraine-Krieg für eine Form von Widerstand, die weit über Politik hinausreicht und psychische Gesundheit,...

DWN
Technologie
Technologie KI frisst Google: Warum Unternehmen ihre Sichtbarkeit verlieren - und wie sie das ändern
05.05.2026

Jahrelang investierten deutsche Unternehmen erhebliche Budgets in die Suchmaschinenoptimierung (SEO). Wer bei Google auf Seite eins stand,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schnappt sich BYD die Gläserne Manufaktur in Dresden?
05.05.2026

BYD: Der chinesische E-Auto-Marktführer will nach Deutschland – und hat dabei offenbar ein ehemaliges Volkswagen-Werk im Blick.