Warum Anleger den Yen im Blick behalten müssen
Noch in der vergangenen Woche sorgte die Rhetorik des US-Präsidenten rund um Grönland für Verunsicherung an den Finanzmärkten. In dieser Woche richtet sich der Fokus der Investoren jedoch auf ein deutlich technischer geprägtes Thema, das jenseits politischer Schlagzeilen liegt.
Im Zentrum steht der Yen, die japanische Währung, deren Entwicklung derzeit mit wachsender Aufmerksamkeit verfolgt wird. Auch wenn einige Marktteilnehmer die jüngsten Schwankungen als randständig bewerten, könnte eine nachhaltige Aufwertung weitreichende Folgen haben.
Eine stärkere Yen-Entwicklung hätte das Potenzial, globale Kapitalströme neu zu ordnen. Besonders betroffen wären die internationalen Aktienmärkte, allen voran die Börsen in den USA, die stark von internationalen Kapitalzuflüssen abhängen.
Yen-Aufwertung sorgt für Nervosität an den Märkten
Am vergangenen Freitag sowie zu Wochenbeginn legte der Yen gegenüber dem US-Dollar spürbar zu. Zum Ende des Handels am Freitag stieg die japanische Währung um 1,7 Prozent auf 155,7 Yen je Dollar. Am Montag setzte sich diese Bewegung fort, der Kurs näherte sich der Marke von 154 Yen. Bis Dienstag stabilisierte sich der Wechselkurs bei rund 154,60 Yen je Dollar.
Auslöser waren Berichte, wonach das US-Finanzministerium die Federal Reserve Bank of New York gebeten habe, Banken zu den angebotenen Dollar-Yen-Wechselkursen zu befragen. Solche Anfragen gelten an den Märkten häufig als Vorstufe möglicher Interventionen.
Ungewöhnliche Signale aus Washington und Tokio
Ein aktives Eingreifen der USA wäre bemerkenswert, da Washington den Yen traditionell weitgehend dem Markt überlässt. Zuletzt griff die US-Regierung in den 1990er Jahren während der asiatischen Finanzkrise stützend ein.
Parallel zu den Signalen aus den USA äußerten sich auch japanische Regierungsvertreter in einer Weise, die üblicherweise vor Marktinterventionen erfolgt. Japan hatte zuletzt im Juli 2024 aktiv in den Devisenhandel eingegriffen. Eine offizielle Stellungnahme der Trump-Regierung blieb bislang aus. Bereits im Januar hatte Japans Finanzministerin Satsuki Katayama jedoch erklärt, sie habe mit US-Finanzminister Scott Bessent über die Yen-Schwäche gesprochen, der ihre Sorgen geteilt habe.
Japans Wirtschaftspolitik verunsichert Investoren
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die innenpolitische Lage in Japan. Ministerpräsidentin Sanae Takaichi hat ein umfangreiches Konjunkturprogramm angekündigt, das mit Steuersenkungen kombiniert werden soll.
Investoren befürchten, dass diese Maßnahmen die ohnehin angespannte Haushaltslage weiter belasten könnten. Entsprechend volatil zeigten sich zuletzt sowohl der Währungs- als auch der Anleihemarkt. Trotz der jüngsten Erholung hat der Yen in den vergangenen Wochen deutlich an Wert verloren. Gleichzeitig stieg die Rendite 40-jähriger japanischer Staatsanleihen erstmals auf vier Prozent.
Historischer Renditeanstieg schürt Zweifel
Für Japan ist dieses Renditeniveau außergewöhnlich. Der Senior-Investmentanalyst Hal Cook von Hargreaves Lansdown bezeichnete den Anstieg als historisch einmalig. Während der Flucht in sichere Anlagen im April des Vorjahres lagen die Renditen derselben Anleihen noch bei 2,6 Prozent.
Ursache sei eine Kombination aus steigenden langfristigen Inflationserwartungen und wachsender Skepsis gegenüber der Fiskalpolitik der Regierung. Das Konzept, höhere Defizite durch künftiges Wirtschaftswachstum zu finanzieren, erinnere an das britische Mini-Budget unter Liz Truss und Kwasi Kwarteng im Jahr 2022. Entsprechend zurückhaltend reagierten die Kapitalmärkte.
US-Interessen und geopolitische Überlegungen
Die Unsicherheit an den japanischen Märkten hat sich weiter verstärkt, seit Ministerpräsidentin Takaichi vorgezogene Neuwahlen für Anfang Februar angekündigt hat. Gleichzeitig stellt sich für Marktteilnehmer die Frage nach den Motiven der USA.
Einige Analysten gehen davon aus, dass die Trump-Regierung einen schwächeren Dollar anstrebt, um die Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie zu stärken. Zudem berichten Medien, Washington wolle Takaichi unterstützen, die für enge sicherheitspolitische Beziehungen zu den USA eintritt. Bereits im vergangenen Jahr hatte das US-Finanzministerium zur Stützung des argentinischen Peso interveniert, um Präsident Javier Milei vor einer Wahl zu unterstützen. Diese Erfahrung nährt Spekulationen über ähnliche Strategien.
Carry-Trades als systemisches Risiko
Für Investoren steht jedoch vor allem der sogenannte Carry-Trade im Fokus. Dabei leihen sich Marktteilnehmer Kapital in Yen zu extrem niedrigen Zinsen und investieren es in höher verzinste Anlagen, häufig in den USA. Steigt der Yen deutlich im Wert, geraten diese Positionen unter Druck. Eine Auflösung der Carry-Trades würde Kapitalrückflüsse nach Japan auslösen und US-Aktien belasten.
Nach Einschätzung von Kate Marshall, Chefanalystin bei Hargreaves Lansdown, könnte eine nennenswerte Kapitalrückführung die globalen Kapitalströme kurzfristig verändern und zusätzlichen Druck auf internationale Aktienmärkte ausüben.
Marktausblick unter erhöhter Unsicherheit
Derzeit warten Investoren auf konkrete Hinweise tatsächlicher Yen-Käufe durch staatliche Stellen, insbesondere durch die USA. Mehrere Analysten halten ein kurzfristiges Eingreifen jedoch für unwahrscheinlich.
Der Citi-Stratege Osamu Takashima erklärte gegenüber der Financial Times, Japan würde vermutlich erst reagieren, wenn der Yen über die Marke von 160 je Dollar hinaus abwertet. Kurzfristig dürften die Aktienmärkte daher sensibel auf politische Signale aus Tokio und Washington reagieren. Die erhöhte Währungsvolatilität bleibt ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor für Anleger.
Globale Yen-Bewegungen und ihre Bedeutung für Deutschland
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung des Yen vor allem über ihre indirekten Auswirkungen relevant. Eine Korrektur an den US-Börsen infolge aufgelöster Carry-Trades würde auch europäische Märkte erfassen. Zudem sind viele deutsche Industrie- und Exportunternehmen eng in globale Kapital- und Lieferketten eingebunden.
Wechselkursbewegungen beeinflussen damit Finanzierungskosten, Bewertungen und Wettbewerbsbedingungen. Der Yen ist daher kein isoliertes Thema des asiatischen Marktes. Seine Entwicklung kann zum Auslöser globaler Marktbewegungen werden, die auch für Deutschland erhebliche wirtschaftliche Bedeutung haben.


