Finanzen

Europäische Börsen und Aktienmärkte im Aufwind: Wall Street fällt trotz guter US-Konjunktur zurück

Die Weltwirtschaft zeigt sich robust und treibt die internationalen Aktienmärkte auch 2026 an. Trotz solider Konjunkturaussichten in den USA verliert die Wall Street jedoch an Attraktivität. Experten sehen den Grund vor allem in der erratischen US-Politik und einem wachsenden Vertrauensverlust der Anleger.
02.02.2026 09:33
Lesezeit: 3 min

Konjunkturaussichten zeigen sich optimistisch

Die internationalen Börsen dürften Experten zufolge auch 2026 der erratischen US-Politik trotzen. Denn die Weltwirtschaft präsentiert sich ungeachtet des Zoll-Tohuwabohus sowie der Launen des Präsidenten Donald Trump robust, und für die USA sind die Konjunkturaussichten sogar besonders erfreulich: Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem ordentlichen Wachstum von 2,4 Prozent. Trotzdem ist die Wall Street auch im gerade begonnenen Jahr nicht unbedingt die erste Wahl, zeigten sich Fachleute auf einem Branchentreffen in Mannheim überzeugt - zu groß scheint der Vertrauensverlust der Anleger zu sein.

Keine Anzeichen von Rezession: Weitere Zinssenkungen möglich

Insgesamt sind die Experten aber recht optimistisch für die internationalen Aktienmärkte. Der Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg, Holger Schmieding, verwies etwa im Gespräch auf das fundamental gute Umfeld und konstatierte: "Die üblichen Gründe für eine Rezession fehlen derzeit." So müssen die weltweit größten Notenbanken nicht mit einer Reihe von Zinserhöhungen gegen stark steigende Preise ankämpfen, was in der Regel das Wirtschaftswachstum bremst. Im Gegenteil: In den USA könnte die Fed sogar die Leitzinsen mehrmals senken. Insofern wirke die Geldpolitik mit Blick auf die globalen Börsen 2026 noch alles in allem neutral bis leicht unterstützend, sagte Schmieding.

Experte sieht Börsen im doppeltem Vorteil

Marktstratege James Ashley vom Vermögensverwalter Goldman Sachs Asset Management sieht die Börsen in diesem Jahr sogar doppelt im Vorteil: Erstmals seit Mitte der 60er-Jahre erhielten die Aktienmärkte nicht nur von der Geld-, sondern auch von der Fiskalpolitik positive Impulse, sprich: In wichtigen Industrieländern kurbeln staatliche, wenngleich schuldenfinanzierte, Investitionsprogramme zusätzlich die Konjunktur an. Zwar sei die Sorgenliste der Anleger lang - in der Ukraine herrscht weiter Krieg, und Trump geht auf Konfrontationskurs zum Iran. Doch die neuere Geschichte der Kapitalmärkte zeigt Ashley zufolge, dass die Anleger immer einen Grund finden, Aktien schlagartig zu verkaufen. Allerdings seien diese Kursrückschläge auch sehr oft schnell wieder für Käufe genutzt worden.

Künstliche Intelligenz und Rechenzentren beflügeln ebenfalls

Darüber hinaus wird wohl auch die Hoffnung auf sprudelnde Gewinne mit Künstlicher Intelligenz (KI) die Börsen weiter antreiben. Insbesondere von den vier sogenannten Hyperscalern - Alphabet , Amazon , Meta und Microsoft - wird erwartet, dass sie mit massiven Ausgaben für Rechenzentren letztlich die Aktienkurse weltweit beflügeln. Die Fallhöhe aber ist enorm: Weil diese Unternehmen in wichtigen US-Indizes stark gewichtet sind, könnten Enttäuschungen die Börsen weltweit auf Talfahrt schicken.

Experten raten zum Verfolgen von Geschäftszahlen

Aktuell sehe der Markt bei den Hyperscalern das "Glas halb voll", sagte Fondsmanager Bert Flossbach von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. Noch würden die enormen Investitionen goutiert, obwohl die Liquidität darunter stark leide. Es sollte aber auf jeden Fall genau auf negative Nachrichten zu diesen Konzernen geachtet werden, um gewappnet zu sein. Fondsmanager Jens Ehrhardt von der DJE Kapital AG riet ferner dazu, auch Geschäftszahlen von KI-Zulieferern wie dem niederländischen Halbleiterausrüster ASML zu verfolgen. Ein mögliches Warnsignal sei hier vor allem ein überraschend schwacher Auftragseingang, da dies auf erlahmende Geschäfte mit Künstlicher Intelligenz hindeuten könnte.

Worunter die Wall-Street zu leiden hat

Die starke Abhängigkeit vom Thema KI und die vergleichsweise hohe Bewertung der US-Aktien sind Gründe dafür, warum Experten den Börsen der größten Volkswirtschaft der Welt in diesem Jahr keine allzu großen Sprünge zutrauen. Erschwerend hinzu kommt der aktuelle Wertverlust des Dollar, der die Renditen von Anlegern außerhalb der USA schmälern kann. Der Greenback schwächelt nicht zuletzt deshalb, weil Trumps ständige Angriffe auf die Unabhängigkeit der Notenbank Fed die Anleger ebenso verunsichern wie seine Eingriffe in den Kapitalmarkt.

So will der US-Präsident bei Rüstungsunternehmen Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe begrenzen. Stattdessen solle der Gewinn in die Produktion gesteckt werden. Kapitalmarktstratege Carsten Roemheld von Fidelity International sieht durch solche Maßnahmen und vage Ankündigungen das Ertragspotenzial der US-Unternehmen gefährdet.

Europas Börsen und Aktienmärkte im Vorteil

Insofern spricht einiges dafür, dass auch 2026 Europas große Börsen oder die Aktienmärkte der Schwellenländer stärker als die Wall Street vom globalen Wachstum profitierten. Die Emerging Marktes etwa könnten nun ihre Kostenvorteile voll ausspielen, ohne dass sie wegen eines starken Dollars eine Kapitalflucht befürchten müssten, bemerkte Robert Halver, Kapitalmarktstratege bei der Baader Bank.

Götz Albert, der Anlagechef der Fondsgesellschaft Lupus Alpha, sieht im aktuellen Umfeld gerade auch für deutsche Firmen Chancen - nicht zuletzt wegen des staatlichen milliardenschweren Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität. Doch auch hier gibt es einen kleinen Wermutstropfen, sagte der Regierungsberater und Professor für Volkswirtschaftslehre Jens Südekum: Das Tempo, in dem die Milliarden abfließen, müsse noch zunehmen

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