Finanzen

Vom Möglichen und Wahrscheinlichen

Zwischen all den möglichen Zukunftsszenarien – Crash, Boom oder Stillstand – verliert man schnell den Überblick. Doch für Investoren zählt nicht, was denkbar ist, sondern was wahrscheinlich wird. Wie findet man Orientierung, ohne im Overthinking zu versinken?
08.02.2026 13:30
Lesezeit: 2 min
Vom Möglichen und Wahrscheinlichen
Viele Entwicklungen sind möglich – doch Investoren brauchen das Wahrscheinliche. (Foto: ChatGPT)

Holzfällen

„Möglicherweise haben Sie recht, sagte der Burgschauspieler, wahrscheinlich aber haben Sie nicht recht.“ So steht es in dem Roman „Holzfällen“ von Thomas Bernhard, ausgesprochen bei dem unvergesslichen Abendessen der Auersbergerin - und damit hat Bernhard eines der großen philosophischen Themen angeschnitten, nämlich die feine, aber bedeutende Unterscheidung zwischen dem Möglichen und dem Wahrscheinlichen.

Wer viele mögliche Entwicklungen auffächert, der weiß natürlich für seine Investment-Entscheidung noch lange nicht, was genau er jetzt tun soll. Ja, er könnte sogar in völliger Aporie stecken bleiben oder als Opfer des Overthinking das Falsche wählen. Wenn zwischen scharfer Rezession, soft-Landing und Wirtschaftswachstum alles in zig-Varianten möglich ist, was soll man dann tun?

The unknown unknowns

Und man weiß ja noch nicht mal, ob man alles erkannt hat, was möglich ist, da gibt es noch die schwarzen Schwäne, Landung von Aliens, die Singularity und Entwicklungen, die man überhaupt nicht auf dem Schirm hat, so wie der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld unerreicht bemerkt hat: "There are known knowns. These are things we know that we know. There are known unknowns. That is to say, there are things that we know we do not know. But there are also unknown unknowns. These are things we do not know we don’t know."

Letztere sind natürlich besonders heikel. Entscheidend ist für den Investor, dass er aus den vielen möglichen Zukunftsentwicklungen die wählt, die zumindest in mehr als 50% der Fälle tatsächlich eintreten. Also, die Wahrscheinlichste. Wissen kann er nichts, glauben hilft auch nicht. So, wie ich immer wieder angesprochen werde: „Glaubst du, dass es jetzt zum großen Crash kommt, dass die KI-Blase platzt?“ Und ich sage: „Was ich glaube, ist völlig irrelevant. Glauben, ist Hoffen oder Fürchten. Die Märkte interessieren sich nicht dafür, was ich hoffe oder fürchte.“

Die Erde flach?

Ein Beispiel: Es ist möglich, dass die Erde flach ist, aber es nicht sehr wahrscheinlich. Dem werden die meisten folgen können. Weiteres Beispiel: Wenn in der Corona-Epidemie in einer Schlagzeile verkündet wurde „Dreijähriges Baby an COVID-19 gestorben“, dann war ein solcher Tod natürlich eine tragische Möglichkeit, aber sehr wahrscheinlich war er nicht. Die Menschen, die das lasen, befürchteten das nun bei allen Kleinkindern und gerieten in Panik. Das menschliche Gehirn arbeitet leider in Möglichkeiten, nicht in Wahrscheinlichkeiten.

Basic probability

Wir müssen also aus allen (known) Möglichkeiten das Wahrscheinliche filtern. Aber wie tut man das? Sehr kluge Ivy League Marktanalysten, die vor lauter schlauen Einzelargumenten das Wesentliche nicht mehr sehen und die die Zukunft anhand von Formeln zu errechnen suchen, sind vielleicht nicht die besten Ratgeber. Elon Musk hat die Theorie aufgestellt, „that the most interesting outcome is the most likely“ (das interessanteste Ergebnis ist das wahrscheinlichste), darauf kam er aber nur, weil er meinte, dass wir möglicherweise in einer Simulation leben und Aliens uns wie einer Netflix Serie zuschauen. Wenn die zu langweilig wird, wird sie eingestellt.

Aber ernsthaft: zunächst einmal könnte Komplexitätsreduzierung helfen, indem man sich auf die wirklich bedeutenden Argumente konzentriert. Vielleicht braucht man dazu so etwas wie einen praktischen, gesunden Menschenverstand, Erfahrung und logisches Denken. So wie Warren Buffett einmal (angeblich) gesagt hat:

„I don't know anything. But I do know basic probability.“ Ein sehr weiser, tiefer Satz. Hat er das wirklich gesagt? Möglich ist es - und sogar sehr wahrscheinlich.

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Prof. Dr. Ulrich Seibert

                                                      ***

Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als ehemaliger Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht, Unternehmensverfassung und Corporate Governance im Bundesministerium der Justiz hat er bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet.

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