Mit Exascale-Power zum neuen Mobilfunkstandard
Am 24. März 2026 unterzeichneten Ericsson und das Forschungszentrum Jülich ein „Memorandum of Understanding“ für die gemeinsame Entwicklung von KI-Modellen für den künftigen 6G-Standard, der weltweit voraussichtlich um das Jahr 2030 kommerziell eingeführt werden soll.
Dafür bringt die Kooperation zwei Welten zusammen, die bislang kaum miteinander kooperierten: die globale Telekommunikationsindustrie und die europäische Hochleistungsrechenforschung. Als technologische Grundlage dient JUPITER, der im Jülich Supercomputing Centre betriebene Exascale-Supercomputer und derzeit leistungsstärkste Rechner Europas.
Mehr als Speed: Worum es bei 6G wirklich geht
In der öffentlichen Wahrnehmung gilt 6G meist als das, was nach 5G kommt: als schnellerer und leistungsfähigerer Funknetz-Standard. Doch die Zusammenarbeit verdeutlicht, dass die eigentliche Herausforderung eine andere ist. „Die Zukunft der Mobilfunknetze ist eng verknüpft mit künstlicher Intelligenz und dem Bedarf nach einer beispiellosen Energieeffizienz“, erklärte Nicole Dinion, Head of Architecture and Technology bei Ericsson, in der gemeinsamen Pressemitteilung.
Auch das Fachportal SDxCentral hebt hervor, Energieeffizienz sei keine nachgelagerte Größe, sondern eine fundamentale Einschränkung beim Skalieren KI-gesteuerter Netze. Wer diese Kapazitäten nicht energieeffizient bereitstellen könne, werde 6G auch nicht wirtschaftlich betreiben können. Im Rahmen der Zusammenarbeit sollen deshalb Lösungen für KI-Anwendungen in Funk- und Edge-Systemen entwickelt werden.
Dazu zählen unter anderem Verfahren zur Kanalabschätzung, also zur Messung und Vorhersage der Übertragungsqualität zwischen Antenne und Gerät, sowie Massive MIMO, eine Schlüsseltechnologie moderner Mobilfunknetze, bei der viele Geräte über viele Antennen gleichzeitig kommunizieren können.
JUPITER als Herzstück: Was Europas stärkster Rechner leisten soll
Der Exascale-Supercomputer JUPITER ist das technologische Herzstück der Kooperation. Mit mehr als einer Trillion Rechenoperationen pro Sekunde ermöglicht er Berechnungen, die auf herkömmlichen Systemen schlicht nicht durchführbar wären. Das Jülich Supercomputing Centre betreibt JUPITER im Rahmen des EuroHPC-Ökosystems, einem gemeinsamen europäischen Vorhaben zum Aufbau einer wettbewerbsfähigen Supercomputing-Infrastruktur.
Konkret sollen die Rechenressourcen von JUPITER für das Training größerer KI-Modelle genutzt werden, sofern Sicherheits- und Geschäftsbedingungen es erlauben. Darüber hinaus sollen HPC- und Cloud-Architekturen für KI weiterentwickelt werden, darunter die Modulare Supercomputing-Architektur (MSA) aus der Jülicher Forschung sowie betriebliche Strategien wie Wärmerückgewinnung zur Steigerung der Energieeffizienz.
Neuromorphes Computing: Rechnen wie das Gehirn
Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei das sogenannte Neuromorphe Computing ein, also Rechenarchitekturen, die sich an der Funktionsweise des menschlichen Gehirns orientieren. Konkret sollen dabei Ansätze auf Basis von Memristoren untersucht werden.
Memristoren sind elektronische Bauteile, die sich, ähnlich wie Synapsen im Gehirn, an frühere Zustände erinnern können und dadurch deutlich energieeffizienter arbeiten als klassische Transistoren. Sie könnten Optimierungsprozesse beschleunigen und den Energieverbrauch gegenüber klassischen Verfahren senken. Dieser Ansatz gilt in der Forschungsgemeinschaft als vielversprechend für rechenintensive Netzwerkaufgaben.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Jülich verfügen in diesem Bereich über eine ausgewiesene Expertise. Am dort angesiedelten Peter Grünberg Institut (PGI) wird seit Jahren erfolgreich an neuromorphen Bauteilen und entsprechender Software geforscht.
Die digitale Souveränität Europas als strategisches Ziel
Für das Forschungszentrum Jülich geht es somit um mehr als Grundlagenforschung für 6G. „Wir verbinden unsere Exzellenz im Höchstleistungsrechnen und unsere Forschung zu neuen, vom Gehirn inspirierten Rechenansätzen mit der Expertise von Ericsson im Telekommunikationssektor: für energieeffizientere Netzlösungen und die Stärkung einer souveränen europäischen Infrastruktur“, betont Laurens Kuipers, Mitglied des Vorstands des Forschungszentrums, in der gemeinsamen Pressemitteilung.
Europa hat in den vergangenen Jahren schmerzhaft erfahren, wie abhängig seine digitale Infrastruktur von Technologien und Anbietern außerhalb des Kontinents ist. 6G bietet die Chance, diese Abhängigkeit zu reduzieren, sofern die Grundlagenforschung und die industrielle Umsetzung in Europa stattfinden. Genau dies sei das erklärte Ziel der Partnerschaft.
Nicole Dinion, Head of Architecture and Technology bei Ericsson, gibt sich daher wenig bescheiden: „Gemeinsam werden wir Architekturen erforschen, die die nächste Generation der Telekommunikation prägen werden.“

