Künstliche Intelligenz wird Ihnen nicht zwangsläufig den Arbeitsplatz nehmen. Sie kann ihm aber Stabilität, Sinn und menschliches Maß entziehen. Das erleben Kuriere, die in Kapseln ohne Tageslicht wohnen, Berufskraftfahrer, die von Algorithmen überwacht werden, und andere Protagonisten des Buches "Młócka", über die der Journalist Marek Szymaniak berichtet. Unsere Kollegen von Puls Biznesu haben mit ihm gesprochen.
PB: Die meisten Debatten über künstliche Intelligenz drehen sich um technologische Arbeitslosigkeit. In Ihrem Buch "Młócka. Reportagen über die Arbeit der Zukunft" blicken Sie anders auf das Thema. Sie interessieren sich eher dafür, wie KI die Arbeit selbst und uns als Menschen verändert.
Marek Szymaniak: Ich habe den Eindruck, dass technologische Arbeitslosigkeit heute nicht das wichtigste Problem ist. Natürlich wird ein Teil der Berufe verschwinden oder stark eingeschränkt. Das geschieht bereits. Die Daten zeigen jedoch, dass wir in Polen deutlich häufiger mit einer Veränderung des Charakters der Arbeit zu tun haben werden als mit ihrem vollständigen Verschwinden. Mich interessierte deshalb stärker, was mit dem Menschen passiert. Wie Technologie unsere Autonomie, unser Sicherheitsgefühl, zwischenmenschliche Beziehungen und Identität beeinflusst. Es geht schließlich um mehr als das Verdienen von Geld. Es geht um Sinn, Bedeutung und die Antwort auf die Frage: Wer bin ich?
Wir leben zwischen zwei extremen Erzählungen. Die einen sagen, KI werde das Paradies auf Erden schaffen. Die anderen warnen vor einer sozialen Katastrophe.
Tatsächlich weiß niemand, wie die Zukunft aussehen wird. Das einzig Sichere ist heute die Unsicherheit. Ich mag den Gedanken von Derek Thompson aus "The Atlantic" sehr, dass es keinen von Zigarrenrauch erfüllten Raum gibt, in dem die wichtigsten Menschen der Welt sitzen und auf eine Postkarte aus der Zukunft schauen. Einen solchen Ort gibt es nicht. Niemand besitzt eine Glaskugel.
Deshalb lohnt ein kritischer Blick sowohl auf Techno-Optimismus als auch auf Techno-Pessimismus?
Große Technologiekonzerne versprechen der Welt Wohlstand, ein Leben ohne Arbeit und eine Zukunft, in der Maschinen alles für uns erledigen. Diese attraktive Erzählung zieht Investoren an und rechtfertigt, dass weitere Milliarden in die Entwicklung von KI fließen. Auf der anderen Seite steht die Warnung, künstliche Intelligenz werde allen die Arbeit wegnehmen. Auch diese Erzählung ist für Unternehmen bequem, denn ein verängstigter Arbeitnehmer kämpft seltener für eine Gehaltserhöhung, Rechte oder bessere Bedingungen.
Plattformarbeit zeigt die Schattenseite der KI-Arbeitswelt
In Ihrer "Młócka" klingt das Thema Plattformarbeit besonders stark an. Kuriere, Fahrer, Menschen, die über Apps arbeiten.
Das ist keine Zukunftsrealität mehr. Sie spielt sich direkt neben uns ab. Wir sprechen über künstliche Intelligenz und digitale Transformation, während nur wenige Straßen weiter Kuriere in Kapseln ohne Zugang zu Tageslicht wohnen. Das ist keine Dystopie. Das ist das heutige Warschau. Innovationen bringen Verbrauchern Bequemlichkeit und Unternehmen Flexibilität, entziehen Beschäftigten aber oft Sicherheit. Plattformarbeit garantiert weder stabile Einkommen noch Urlaub, bezahlte Krankheitstage oder Planbarkeit. Genau hier zeigt sich etwas sehr Wichtiges: Technologie schafft nicht nur neue Möglichkeiten, sondern drängt manche Menschen auch an den Rand. Wir nutzen ihre Arbeit täglich, doch die Beschäftigten selbst werden unsichtbar.
Das erinnert an Zygmunt Baumans Begriff der "menschlichen Abfälle".
Leider kehrt dieser Begriff im Zeitalter der künstlichen Intelligenz zurück. Bauman schrieb über Menschen, die das System als überflüssig oder leicht austauschbar betrachtet. Ich fürchte, dass neue Technologien diese Gruppe vergrößern können. Nicht unbedingt deshalb, da alle ihre Arbeit verlieren. Eher deshalb, da immer mehr Menschen unter Bedingungen arbeiten werden, die ihnen Stabilität und Sicherheitsgefühl nehmen. Man kann den ganzen Tag schuften und trotzdem nicht sicher sein, ob das Geld bis zum Monatsanfang reicht.
Ein sehr starkes Motiv in Ihrem Buch ist die permanente Optimierung des Menschen.
Ja, denn heute optimieren wir nicht mehr nur Prozesse, sondern auch Menschen. Ich habe mit einem Lkw-Fahrer gesprochen, der praktisch ständig überwacht wird. Das System prüft Fahrstil, Verbrauch, Bremsverhalten und Pausen. Einerseits verstehe ich die Argumente der Transportunternehmen. Es geht um Sicherheit, Kosten und die Begrenzung von Missbrauch. Andererseits hört dieser Mensch auf, sich als Fahrer zu fühlen. Er beginnt, sich wie ein Einsatzteil für einen Lastwagen zu fühlen. Genau darin liegt wohl das größte Risiko. Technologie kann Menschen das Gefühl von Handlungsfähigkeit und Sinn nehmen.
Das Problem besteht darin, dass Kontrolle längst nicht mehr nur von Arbeitgebern ausgeübt wird. Menschen werden zu ihren eigenen Aufsehern.
Genau. Wir brauchen nicht immer eine Kamera über dem Kopf. Wir tragen sie in uns. Das sieht man etwa auf LinkedIn. Es ist ein Raum des ständigen Nachweises der eigenen Produktivität. Zertifikate, Erfolge, weitere Projekte, neue Kompetenzen. Niemand bekommt Applaus für Erholung, sondern für Beschäftigtsein. Wir treiben uns selbst immer stärker in das Hamsterrad permanenter Weiterentwicklung.
Diese Beobachtung hindert Sie aber nicht daran, KI zu nutzen.
Natürlich nicht. Ich nutze Werkzeuge zur Transkription von Gesprächen und halte sie für eine enorme Hilfe. Jeder Journalist, der mehrstündige Interviews abgetippt hat, weiß, wie entsetzlich ermüdend diese Tätigkeit ist. Dank KI spare ich viele Stunden Arbeit. Ich versuche, diesen Gewinn sinnvoll zu nutzen. Einen Teil der Zeit verwende ich für bessere Recherche und eine ruhigere Vorbereitung des Textes, einen Teil gewinne ich einfach für mich und meine Familie zurück. Genau so sollte Technologie funktionieren. Sie sollte uns ermüdende Tätigkeiten abnehmen und mehr Zeit für wichtige Dinge geben.
KI-Arbeitswelt braucht Empathie, Vertrauen und soziale Sicherung
In der Welt der Automatisierung hören wir immer häufiger, dass soziale Kompetenzen zum größten Wert werden.
Daran ist wohl etwas dran. Es ist paradox, doch je stärker sich Technologie entwickelt, desto wichtiger kann das werden, was Algorithmen am schwersten lernen: Beziehungen, Empathie und Vertrauen. Ich sehe das auch im Journalismus. Immer mehr Inhalte entstehen für Algorithmen, SEO und Klickbarkeit. Häufig schreibt man eher für Maschinen als für Menschen. Gleichzeitig beruht wirklich wertvoller Journalismus weiterhin auf der Begegnung mit einem anderen Menschen. Auf Vertrauen. Auf Gespräch. Das lässt sich nicht leicht automatisieren.
Im Buch betonen Sie stark die Einsamkeit moderner Beschäftigter.
Arbeit atomisiert die Gesellschaft immer stärker. Früher arbeiteten Menschen gemeinsam in Fabriken, Betrieben oder Büros. Heute arbeiten viele allein, über Apps, in kurzen Aufträgen, ohne Bindung an eine Firma und ohne Beziehung zu einem Team. Das entzieht ihnen nicht nur ökonomische Sicherheit, sondern auch einen Teil ihrer Identität. Eine Protagonistin des Buches sagt offen, dass sie durch Plattformarbeit selbst nicht mehr weiß, wer sie beruflich ist. Jeden Tag erledigt sie andere Aufgaben, für andere Menschen, an anderen Orten. Das ist ein sehr trauriges Bild.
Im neunzehnten Jahrhundert zerstörten Ludditen Maschinen. Sehen Sie heute eine Chance auf eine ähnliche Rebellion?
Ich bin nicht optimistisch. Die heutigen Beschäftigten sind stark verstreut. Es fehlt an Solidarität. Gewerkschaften sind schwach, viele Menschen arbeiten allein. Unser Aufbegehren besteht heute häufiger aus einem negativen Kommentar oder einem TikTok-Video als aus echtem gemeinsamen Handeln. Natürlich gibt es auch positive Beispiele. Ich beschreibe die Geschichte von Kurieren bei Pyszne.pl, denen es gelungen ist, eine Gewerkschaft zu gründen. Das zeigt, dass man selbst in einer fragmentierten Arbeitswelt versuchen kann, gemeinsam zu handeln.
Ist der Staat auf diese Veränderungen vorbereitet?
Er reagiert zu langsam. Es wird viel über künstliche Intelligenz gesprochen, aber man sieht zu wenig konkrete Schutzmaßnahmen für Menschen, die ihr Sicherheitsgefühl verlieren könnten. Besonders fürchte ich ein Szenario: dass eine gut ausgebildete Mittelschicht plötzlich wirtschaftliche Stabilität verliert. Eine solche Angst lässt sich politisch sehr leicht nutzen. Deshalb brauchen wir nicht nur neue Technologien, sondern auch eine kluge Sozialpolitik.
Wenn Sie den Lesern nach "Młócka" einen Gedanken mitgeben müssten, welcher wäre das?
Dass diese Geschichte jeden von uns betrifft. Technologie verändert nicht nur den Arbeitsmarkt. Sie verändert auch soziale Beziehungen, unser Sicherheitsgefühl und die Art, wie wir über uns selbst und andere denken. Genau deshalb lohnt es sich, bereits heute darüber nachzudenken, welche Arbeitswelt wir wirklich wollen.

