Politik

Militärische Stärke im Ukraine-Krieg: Was Europa von Kiew lernen kann

Die Ukraine setzt im Krieg gegen Russland zunehmend auf technologische Überlegenheit, eigene Rüstungsstärke und engere europäische Rückendeckung. Kann so der Verlauf des Ukraine-Kriegs nachhaltig zugunsten der Ukraine entschieden werden?
12.05.2026 11:20
Lesezeit: 4 min
Militärische Stärke im Ukraine-Krieg: Was Europa von Kiew lernen kann
Im Ukraine-Krieg setzt Kiew auf moderne Drohnentechnologie, europäische Unterstützung und eine wachsende Rüstungsindustrie, um Russland militärisch stärker unter Druck zu setzen (Foto: dpa) Foto: Peter Dejong

Kiew sieht neue Stärke im Kampf gegen Russland

In der Ukraine weht ein neuer Wind. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass die Fähigkeit der Ukraine, russischen Angriffswellen standzuhalten und Russland schwere Verluste zuzufügen, deutlich zugenommen hat. Deshalb herrscht in der Ukraine vorsichtiger Optimismus mit Blick auf die kommenden Entwicklungen.

Die Ukrainer gehen nicht davon aus, dass sie in absehbarer Zeit Ruhe vor russischen Angriffen und dem Terrorbeschuss ihrer Städte bekommen werden. Doch die ukrainische Führung ist inzwischen grundsätzlich überzeugt, dass sie den Krieg gewinnen kann.

Vor allem drei Faktoren bilden die Grundlage für diesen vorsichtigen Optimismus. Erstens sind die Ukrainer nach eigenen Angaben inzwischen in der Lage, der russischen Armee größere Verluste zuzufügen, als diese ersetzen kann.

Zweitens hat die Ukraine ihre Fähigkeit verbessert, russische Drohnenangriffe abzuwehren. Drittens baut die Ukraine ihre Kapazitäten bei weitreichenden Waffen laufend aus, mit denen russische Versorgungslinien, Aufmarschgebiete und wichtige Einnahmequellen wie die Ölinfrastruktur getroffen werden können.

Vorsichtiger Optimismus in Kiew

Der vorsichtige Optimismus wird auch dadurch gestützt, dass es der Ukraine in den vergangenen Monaten gelungen ist, an der Frontlinie geringfügig vorzurücken. Für sich genommen ist dieser Geländegewinn jedoch nicht entscheidend.

Die entscheidende Frage lautet, ob die Ukraine ihre eigenen Verluste senken und zugleich ihre Fähigkeit ausbauen kann, Russland Verluste zuzufügen. Genau darin sieht Kiew inzwischen die strategische Wende.

"Wir haben gesehen, dass Präsident Selenskyj international selbstbewusster auftritt. Er weist Präsident Trump öffentlich zurecht und stellt Forderungen an die europäischen Länder." Es ist ein Wettlauf um Technologie und industrielle Kapazität. Russland erzielt zwar Fortschritte, doch die Ukraine verbessert sich schneller.

Ein langer Weg zum Sieg

Fragt man ukrainische Entscheidungsträger, wissen sie nicht, wie der Sieg aussehen wird oder wann er Realität werden kann. Sie sind jedoch überzeugt, dass sie über die entscheidenden Voraussetzungen verfügen, um zu gewinnen, auch wenn dieser Prozess mehrere Jahre dauern kann.

Das erklärt, weshalb Präsident Selenskyj in den vergangenen Monaten international deutlich selbstbewusster aufgetreten ist. Er widerspricht Präsident Trump öffentlich und stellt klare Forderungen an die europäischen Länder.

Die ukrainische Entwicklung läuft bereits seit einigen Jahren. Während die Ukraine militärisch in der Defensive unter Druck stand, wurde zugleich kontinuierlich und intensiv an modernen Waffen gearbeitet.

Neben ukrainischer Innovation wird diese Entwicklung durch das unterstützt, was als "dänisches Modell" bekannt ist. Gemeint ist die umfassende Unterstützung der ukrainischen Verteidigungsindustrie, bei der Dänemark voranging und die sich später in mehreren europäischen Ländern sowie in der EU verbreitete.

Eine katastrophale Übung

Bereits 2025 führte diese Entwicklung dazu, dass ein ukrainisches Drohnenteam bei einer großen gemeinsamen Übung in Estland mehrere NATO-Einheiten ausschaltete. Die Ukrainer verfügten über überlegene Technologie.

Zugleich wussten sie schlicht mehr darüber, wie moderner Krieg geführt wird, als die Übungsgegner aus der NATO. Für das Bündnis war dies ein deutlicher Hinweis darauf, wie weit die ukrainische Kriegsführung technologisch bereits fortgeschritten ist. Ein weiteres Schlüsselmoment ergab sich im Zusammenhang mit dem Krieg der USA gegen den Iran. Die Golfstaaten haben massiv in amerikanische Luftverteidigung investiert.

Diese Systeme waren jedoch nicht in der Lage, den iranischen Drohnen- und Raketenangriffen standzuhalten. Die Ukraine erkannte darin die Chance, ihre eigene Expertise bei moderner Drohnentechnologie anzubieten, die der amerikanischen überlegen ist.

Der Moment im Nahen Osten

Auf diese Weise hofft die Ukraine, diplomatische und wirtschaftliche Unterstützung von Ländern wie Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar zu erhalten. Für Kiew eröffnet sich damit ein neuer strategischer Spielraum außerhalb der klassischen westlichen Unterstützerkreise.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Konfrontationen zwischen der Trump-Regierung und den europäischen Ländern wiederholt NATO-Generalsekretär Marc Rutte immer wieder, dass die europäischen NATO-Staaten sich ohne die USA nicht selbst verteidigen können.

Das mag zutreffen, doch diese Aussage blendet zwei Punkte aus. Erstens entscheidet nicht Europa darüber, ob es angegriffen wird oder ob Trump bereit ist, Europa zu verteidigen. Die Zweifel an Trump sind in Europa inzwischen so stark, dass in mehreren Hauptstädten die Kalkulation gilt, man müsse sich im Ernstfall selbst verteidigen. Zweitens zeigen die Ukrainer, dass sie genau dazu in der Lage sind.

Europa braucht die Ukraine

"Die Ukraine wird wegen des Krieges oft als Sicherheitsrisiko gesehen, doch tatsächlich kann die Ukraine Sicherheit für Europa liefern." Wirtschaftlich und industriell ist die Ukraine weiterhin auf erhebliche Unterstützung angewiesen. Deshalb war die Erleichterung groß, als das EU-Kreditpaket über 90 Milliarden Euro zuletzt genehmigt wurde.

Militärisch liegt die Ukraine jedoch vorn. Sie verfügt über die stärkste Armee Europas und über eine Verteidigungsindustrie, die technologisch hoch leistungsfähig ist. Deshalb ist ein Punkt erreicht, an dem Partnerschaft und Zusammenarbeit mit der Ukraine nicht mehr ausreichen. Es genügt nicht mehr, zu sagen, man werde "die Ukraine unterstützen, solange Bedarf besteht".

Ein strategisches Bündnis mit Kiew

Sicherheitspolitisch und strategisch braucht Europa ein Bündnis mit der Ukraine. Militärisch müssen die europäischen Staaten noch enger an die Ukrainer heranrücken, zugleich braucht es eine geschlossene europäische Strategie, damit die Ukraine den Krieg so schnell wie möglich gewinnen kann.

Wo die NATO in dieser Frage steht, hängt von den USA ab. Bekannt ist, dass Trump die Ukraine nicht unterstützen und das Land nicht in der NATO sehen will. Bekannt ist auch, dass Trump Grönland und die Falklandinseln bedroht und Repressalien gegen mehrere NATO-Länder erwägt, unter anderem gegen Spanien. Für Europa ist diese Lage strategisch kaum noch zu ignorieren.

Deshalb müssen die europäischen Länder selbst handeln, bis die USA hoffentlich zurückkehren, dem Wortlaut des NATO-Vertrags gerecht werden und wieder für Demokratie, Frieden und Sicherheit in Europa arbeiten.

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