Finanzen

Experteninterview: Welche Finanzierungsalternativen Unternehmen kennen sollten

Für viele Mittelständler ist Finanzierung zunehmend eine strategische Herausforderung. Besonders kritisch wird es, wenn Investitionen gar nicht erst geplant werden können, weil Unternehmen mit schwierigen Bankgesprächen, höheren Sicherheiten oder längeren Prüfprozessen rechnen müssen. Doch welche Alternativen gibt es? Kai Eberhard, Geschäftsführer der DAL Deutsche Anlagen-Leasing, hat wichtige Tipps.
28.06.2026 16:00
Lesezeit: 5 min
Experteninterview: Welche Finanzierungsalternativen Unternehmen kennen sollten
Bankkredite werden schwieriger: DAL-Geschäftsführer Kai Eberhard erklärt, wie Mittelständler mit Leasing, Mietkauf und Working Capital liquide bleiben (Foto: iStock).

DWN: Herr Eberhard, viele Mittelständler berichten, dass Bankgespräche schwieriger werden. Erleben Sie tatsächlich eine Kreditklemme – oder ist das Wort zu dramatisch?

Kai Eberhard: Von einer klassischen Kreditklemme im Sinne eines vollständig ausgetrockneten Kreditmarkts würde ich nicht sprechen. Kapital ist grundsätzlich vorhanden. Was wir aber sehen, ist ein deutlich anspruchsvolleres Finanzierungsumfeld. Banken prüfen genauer, Sicherheiten werden wichtiger, Entscheidungsprozesse dauern länger und die Anforderungen an Planung, Zahlenwerk und Risikotragfähigkeit steigen. Für viele Unternehmen fühlt sich das wie eine Kreditklemme an – nicht unbedingt, weil jede Finanzierung abgelehnt wird, sondern weil Projekte später, kleiner oder gar nicht mehr angegangen werden.

DWN: Das DWN-Magazin beschreibt genau diese stille Kreditklemme: Unternehmen stellen Anträge teilweise gar nicht mehr, weil sie mit schwierigen Gesprächen rechnen. Ist dieser Investitionsverzicht aus Ihrer Sicht das größere Problem?

Kai Eberhard: Ja, das ist ein zentraler Punkt. Die gefährlichste Finanzierungslücke sieht man nicht immer in der Statistik abgelehnter Kredite. Sie entsteht dort, wo Unternehmen Investitionen gar nicht erst vorbereiten oder verschieben. Das betrifft häufig Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Automatisierung, Energieeffizienz oder neue Produktionskapazitäten. Kurzfristig erscheint das vorsichtig. Langfristig kann daraus aber ein Wettbewerbsproblem werden, weil notwendige Modernisierung ausbleibt.

DWN: Warum wird der klassische Bankkredit für Unternehmen anspruchsvoller – und welche Rolle spielt Basel IV?

Kai Eberhard: Dahinter steht ein Zusammenspiel aus schwacher Konjunktur, hoher Unsicherheit, strengeren regulatorischen Anforderungen und veränderten Risikomodellen. Dazu kommt Basel IV – beziehungsweise die finale Umsetzung des Basel-III-Reformpakets. Banken müssen für bestimmte Risiken künftig noch mehr Eigenkapital vorhalten. Deshalb wird genauer bewertet, welches Risiko ein Kredit für die Bankbilanz darstellt und wie viel Eigenkapital dafür gebunden werden muss. Für Unternehmen kann das spürbare Folgen haben. Finanzierungen werden stärker standardisiert und betriebswirtschaftlich durchleuchtet. Sicherheiten, Rating, Transparenz, Cashflow und Risikotragfähigkeit gewinnen an Bedeutung. Eine gute Historie reicht also nicht. Unternehmen müssen zeigen, wie sich eine Investition auf Liquidität, Ertrag, Bilanz und Risikoprofil auswirkt.

DWN: Was sollten Mittelständler tun, bevor sie überhaupt in ein Finanzierungsgespräch gehen?

Kai Eberhard: Unternehmen sollten ihre Investition so vorbereiten, dass ein Finanzierer das Projekt schnell verstehen und bewerten kann. Dazu gehören aktuelle Zahlen, eine belastbare Planung, Szenarien für Umsatz, Kosten und Liquidität sowie eine klare Begründung, warum die Investition wirtschaftlich sinnvoll ist. Wichtig ist auch, die passende Finanzierungsform nicht erst am Ende zu prüfen. Wer frühzeitig über Struktur, Laufzeit, Sicherheiten und Liquiditätswirkung nachdenkt, erhöht seine Chancen deutlich. Je besser ein Unternehmen seine Zahlen und sein Finanzierungskonzept vorbereitet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Projekt auch in einem anspruchsvolleren regulatorischen Umfeld finanzierbar bleibt.

DWN: Darlehen, Leasing, Mietkauf, Sale-and-lease-back: Wann passt welche Lösung?

Kai Eberhard: Das klassische Darlehen passt vor allem dann, wenn Unternehmen gezielt Eigenkapital in die Finanzierung einbringen möchten und beim Investitionsvorhaben kein werthaltiges Asset im Zentrum der Finanzierung steht.

Leasing kann sinnvoll sein, wenn ein Unternehmen ein Wirtschaftsgut nutzen möchte, ohne sofort Kapital im gleichen Umfang zu binden. Das betrifft etwa Maschinen, Fahrzeuge, IT, technische Anlagen oder größere Investitionsgüter wie z. B. Immobilien. Der Vorteil liegt in planbaren Raten und der Schonung der Liquidität. Zudem kann Leasing helfen, Investitionen besser an die wirtschaftliche Nutzungsdauer eines Assets anzupassen.

Mietkauf passt eher, wenn ein Unternehmen langfristig Eigentum erwerben möchte, den Kaufpreis aber nicht sofort vollständig finanzieren will. Beim Leasing steht häufig die Nutzung im Vordergrund, beim Mietkauf stärker der spätere Eigentumserwerb.

Sale-and-lease-back oder Sale-and-rent-back können wiederum helfen, gebundenes Kapital verfügbar zu machen. Ein Unternehmen verkauft beispielsweise ein Objekt, eine Maschine oder einen anderen Vermögenswert wie eine Betriebsimmobilie und nutzt ihn anschließend weiter über Leasing oder Miete. Dadurch kann Liquidität entstehen, ohne dass der operative Betrieb unterbrochen wird. Aber auch hier gilt: Unternehmen müssen prüfen, welche Vermögenswerte geeignet sind, welche langfristigen Verpflichtungen entstehen und ob die Struktur zum Geschäftsmodell passt.

DWN: Viele Finanzierungen hängen heute stärker am konkreten Investitionsobjekt. Was bedeutet das für Mittelständler?

Kai Eberhard: Assetbezogene Finanzierung bedeutet, dass die Finanzierung stark vom konkreten Investitionsobjekt her gedacht wird. Es steht also nicht die Bonität des Unternehmens allein im Vordergrund; vielmehr wird sie um den Wert, die Nutzbarkeit, die Laufzeit und die Verwertbarkeit des Assets ergänzt. Das kann bei Immobilien, Energieanlagen, Logistikobjekten, Maschinen, IT-Projekten oder Infrastrukturinvestitionen relevant sein. Für Unternehmen kann das zusätzliche Finanzierungsspielräume eröffnen, weil die Investition selbst stärker in die Struktur einbezogen wird. Gerade in einem Umfeld, in dem klassische Kreditprüfungen anspruchsvoller werden, kann diese Perspektive helfen.

DWN: Sind alternative Finanzierungsformen nicht häufig teurer als ein klassischer Bankkredit?

Kai Eberhard: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Ein klassischer Bankkredit kann auf den ersten Blick günstiger erscheinen, wenn man nur auf den Zinssatz schaut. Unternehmen sind aber gut beraten, wenn sie nicht allein den nominalen Finanzierungssatz vergleichen, sondern die Gesamtkosten und die Wirkung auf Liquidität, Bilanz, Sicherheiten und Handlungsspielräume betrachten. Alternative Finanzierungsformen können sinnvoll sein, wenn sie zusätzlichen Nutzen schaffen: Etwa, weil sie Liquidität schonen, Kreditlinien entlasten, Investitionen schneller ermöglichen oder Vermögenswerte gezielter in die Finanzierung einbeziehen. Dafür kann der Preis im Einzelfall höher sein als bei einem klassischen Darlehen. Eine gute Finanzierung ist deshalb nicht zwingend die billigste, sondern diejenige, die Investitionen ermöglicht, Risiken beherrschbar hält und die Liquidität des Unternehmens nicht überfordert.

DWN: Können Sie ein praktisches Beispiel nennen, wie ein mittelständisches Unternehmen durch alternative Finanzierung wieder mehr finanziellen Spielraum gewinnen kann?

Kai Eberhard: Ein praxisnahes Beispiel ist die Finanzierung von Vorräten oder Warenbeständen. Viele Unternehmen müssen heute größere Lagerbestände vorhalten, weil Lieferketten unsicherer geworden sind oder Einkaufspreise schwanken. Das bindet viel Kapital, das dann an anderer Stelle fehlt – etwa für Investitionen, Digitalisierung oder Wachstum. In solchen Fällen kann eine Working-Capital- oder Warehousing-Finanzierung helfen. Dabei wird nicht nur die Unternehmensbonität betrachtet, wie bei einem klassischen Kontokorrentkredit, sondern auch der Wert der im Vorratsvermögen gebundenen Erzeugnisse. Ein Unternehmen kann Lagerbestände langfristiger und planbarer finanzieren, statt seine Liquidität dauerhaft durch hohe Warenbestände zu belasten. Ein Beispiel aus der Praxis ist die Finanzierung von Elektroartikeln im Warenlager eines großen Handelsbetriebes. Entscheidend ist dabei der Nutzen für das Unternehmen: Es gewinnt Planungssicherheit, kann seine Liquidität schonen und bleibt trotzdem lieferfähig. Gerade für Händler, Einkaufskooperationen oder produzierende Unternehmen mit hohen Vorräten kann das ein wichtiger Baustein sein, um Finanzierung breiter aufzustellen.

DWN: Wie lassen sich Investitionen in Software, Dateninfrastruktur oder KI finanzieren, wenn klassische Sicherheiten fehlen?

Kai Eberhard: Immaterielle Investitionen sind anspruchsvoller, weil sie nicht so einfach als klassische Sicherheit dienen wie eine Maschine oder eine Immobilie. Gerade reine Entwicklungsaufwendungen, Datenprojekte oder KI-Anwendungen lassen sich häufig schwer klassisch beleihen. Trotzdem können solche Vorhaben finanzierbar werden, wenn sie sauber strukturiert und in konkrete wirtschaftliche Effekte übersetzt werden.

IT-Hardware, Server, Speicherlösungen, Rechenzentrumsinfrastruktur oder klar abgrenzbare Software- und Technologiekomponenten können je nach Projekt auch über Leasing oder eine projektbezogene Finanzierung abgebildet werden. Entscheidend ist, dass Nutzen, Kosten, Laufzeiten, Meilensteine und erwartete Produktivitätsgewinne nachvollziehbar dargestellt werden. Unternehmen sollten also nicht nur sagen: Wir investieren in KI. Sie sollten zeigen, welche Prozesse dadurch effizienter werden, welche Einsparungen oder zusätzlichen Umsätze realistisch sind und welche technischen Komponenten konkret finanziert werden sollen.

DWN: Wann würden Sie einem Unternehmen von alternativen Finanzierungsformen eher abraten?

Kai Eberhard: Abraten würde ich immer dann, wenn eine Finanzierung nur ein kurzfristiges Liquiditätsproblem überdeckt, ohne dass das Geschäftsmodell tragfähig ist. Alternative Finanzierungsformen können Spielraum schaffen, aber sie ersetzen keine wirtschaftliche Substanz. Vorsicht ist auch geboten, wenn Unternehmen die langfristigen Verpflichtungen unterschätzen. Wer heute Liquidität gewinnt, muss morgen Raten, Mieten oder Leasingzahlungen zuverlässig bedienen können. Deshalb sollten Unternehmen immer prüfen, ob die Finanzierung auch in einem konservativen Szenario tragfähig bleibt.

DWN: Welche Fehler machen Unternehmen bei der Finanzierungsvorbereitung besonders häufig – und was wäre Ihr wichtigster Rat an mittelständische Entscheider für die nächsten 12 Monate?

Kai Eberhard: Viele Unternehmen planen zuerst das Projekt und suchen erst danach nach der passenden Finanzierung. Besser ist es, Investition und Finanzierung gemeinsam zu entwickeln. Ein zweiter Fehler ist eine zu optimistische Planung ohne Szenarien. Finanzierer wollen wissen, was passiert, wenn Umsätze später kommen, Kosten steigen oder sich Märkte verändern. Gerade in der heutigen Zeit ist das ein erfolgskritischer Faktor. Drittens unterschätzen manche Unternehmen, wie wichtig Transparenz ist: Aktuelle Zahlen, saubere Unterlagen und eine klare Finanzierungsstory sind heute entscheidend.

Mein wichtigster Rat lautet: Warten Sie nicht, bis der Finanzierungsdruck akut wird. Unternehmen sollten ihre Finanzierungsstruktur frühzeitig überprüfen: Welche Investitionen stehen an? Welche Vermögenswerte binden Kapital? Wie abhängig ist das Unternehmen von der Hausbank? Welche Alternativen passen zum Geschäftsmodell? Wer Finanzierung strategisch plant, statt sie erst im Engpass zu suchen, verschafft sich mehr Handlungsspielraum.

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Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
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