Finanzen

Kospi zeigt die gefährliche Seite der KI-Euphorie

Südkoreas Börse feiert den KI-Boom, doch hinter der Rekordrally wächst ein gefährliches Muster. Privatanleger kaufen Chipwerte auf Kredit, setzen auf gehebelte ETFs und übernehmen Risiken, die ausländische Investoren bereits abbauen. Der Kospi wird damit zum Warnsignal für alle, die künstliche Intelligenz für eine Einbahnstraße nach oben halten.
01.07.2026 09:23
Lesezeit: 4 min
Kospi zeigt die gefährliche Seite der KI-Euphorie
Südkoreas Kospi zeigt die Schattenseite des KI-Booms. (Foto: dpa/SOPA Images via ZUMA Press Wire | Kim Jae-Hwan) Foto: Kim Jae-Hwan

Kospi wird zum Symbol der neuen KI-Euphorie

Südkorea gilt derzeit als einer der heißesten Aktienmärkte der Welt. Die Kurse von Speicherchip-Herstellern haben eine Euphorie ausgelöst, die inzwischen auch Privatanleger mit geliehenem Geld an die Börse treibt. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.

Laura aus Seoul hatte lange lieber in amerikanische Investmentfonds investiert als in koreanische Aktien. Der starke Anstieg am heimischen Markt verleitete sie jedoch zu einem Schritt mit erheblichem Risiko. Sie nahm einen kurzfristigen Bankkredit über rund 15 Millionen Won auf. Das entspricht nach aktuellem EZB-Referenzkurs rund 8.570 Euro. Mit dem Geld kaufte sie einen gehebelten ETF, der an die Aktie von Samsung Electronics gekoppelt ist. Zunächst stand auf dem Papier ein Gewinn von fast 20 Prozent. Kurz darauf lag Laura bereits 20 Prozent im Minus.

Gegenüber Reuters, das über ihren Fall berichtete, sagte sie anschließend: "Ich werde nichts tun. Ich werde auf eine Erholung warten, außer der Wert fällt auf die Hälfte oder etwas in der Art." Im Handel am 23. Juni verlor die Aktie weitere zwölf Prozent. Der koreanische Leitindex Kospi fiel um zehn Prozent. Der Markt ist stark konzentriert, hoch verschuldet und steht zunehmend unter Beobachtung der Aufseher. Zugleich wird über eine strengere Besteuerung von Kapitalgewinnen gesprochen. Gerade deshalb kann der Kospi als Stimmungsbarometer für Aktien gelten, die mit künstlicher Intelligenz verbunden sind.

Eine außergewöhnliche Kursrally war nicht nur in Südkorea zu beobachten. Auch in Slowenien, in Nachbarländern und an vielen anderen Märkten stiegen Aktienkurse stark. Der wichtigste Treiber ist künstliche Intelligenz.

Eine der größten Übertreibungen spielt sich jedoch in Südkorea ab. Der Kospi hat im vergangenen Jahr um außergewöhnliche 282 Prozent zugelegt. Eine solche Zahl sieht man eher bei einer explosiven oder spekulativen Einzelaktie, nicht bei einem breiten Börsenindex eines ganzen Landes. Das Börsenfieber ging so weit, dass Anleger sich Geld für Aktienkäufe nicht mehr nur bei Brokerhäusern liehen. Südkoreanische Banken begannen deshalb, die Kreditvergabe zu begrenzen.

Kospi profitiert von Samsung, SK Hynix und dem HBM-Boom

Der starke Anstieg koreanischer Aktien hat mehrere Ursachen. Schon vor der KI-Euphorie war der südkoreanische Aktienmarkt reich an Unternehmen, die direkt mit der Chipindustrie verbunden sind. Als der Preisdruck entlang der KI-Lieferkette weiterwanderte, griffen Anleger verstärkt bei koreanischen Aktien zu.

Zu den bekanntesten Namen zählen Samsung Electronics und SK Hynix. Beide Unternehmen produzieren Speicherchips. SK Hynix ist besonders stark bei HBM-Speichern, die in Servern für künstliche Intelligenz eingesetzt werden. Samsung gehört seit Jahrzehnten zu den größten Unternehmen des Landes. SK Hynix überholte den Konzern zuletzt jedoch bei der Marktkapitalisierung, getragen von seiner starken Stellung bei HBM-Speichern.

Hinzu kommen Unternehmensreformen. Neben Kimchi ist Südkorea für große familienkontrollierte Konglomerate bekannt, die Chaebols genannt werden. Diese Struktur führte lange dazu, dass viele koreanische Unternehmen niedriger bewertet wurden als vergleichbare ausländische Firmen. Investoren misstrauten der Corporate Governance.

Präsident Lee Jae Myung, der im Juni 2025 die Macht übernahm, kündigte ein Ende des "koreanischen Abschlags" an. Seine Regierung stellte Maßnahmen gegen Doppelnotierungen innerhalb von Konglomeraten in Aussicht. Zudem sollen Wirtschaftsrecht, Minderheitenschutz und Regeln für eigene Aktien verschärft werden.

Am Markt spielen auch die sogenannten Ameisen eine immer größere Rolle. So werden koreanische Privatanleger genannt. Der Begriff beschreibt ihre Lage gut: Einzelne verfügen im Vergleich zu institutionellen Investoren über relativ wenig Kapital, treten aber in großer Zahl auf.

Während ausländische Investoren nach der starken Rally laufend Gewinne mitnahmen, strömten heimische Anleger weiter in den Markt und kauften Kursrückgänge. Bis zum 10. Juni investierten Privatanleger 79 Billionen Won in den Kospi. Das entspricht rund 45,14 Milliarden Euro. Ausländische Investoren verkauften im selben Zeitraum Aktien im Wert von 124 Billionen Won, umgerechnet rund 70,86 Milliarden Euro.

Damit entstand eine gefährliche Dynamik. Ausländer reduzierten ihre Risiken während der Kursrally. Heimische Anleger übernahmen dagegen immer mehr Risiko. Der koreanische Finanzminister Koo Yun-cheol warnte in einer aktuellen Stellungnahme, dass Gewinnmitnahmen ausländischer Investoren Druck auf die Währung erzeugen.

Kospi und Deutschlandbezug durch KI-Aktien und Anlegerrisiken

Eine Grundregel der Geldanlage lautet, Aktien nicht mit geliehenem Geld zu kaufen. Wer an dieser Regel zweifelt, kann sich an Warren Buffett halten. In seinem Handbuch für Aktionäre schrieb er: "Ich habe nie daran geglaubt, das zu riskieren, was ich, meine Familie und Freunde haben und brauchen, um etwas zu jagen, das wir nicht haben und nicht brauchen."

In Südkorea haben Investoren diese Warnung bislang teilweise ignoriert. Besonders beliebt wurden gehebelte ETFs auf die größten koreanischen Speicherchip-Aktien. Sie ermöglichen Anlegern, auf verstärkte Bewegungen der Samsung-Aktie oder der SK-Hynix-Aktie zu setzen. Der Hebel wirkt jedoch auch in die andere Richtung. Wenn die Aktie fällt, wachsen die Verluste ebenfalls überproportional.

Wie groß die Euphorie wurde, zeigt ein weiteres Detail. Die Internetseite des koreanischen Verbands für Finanzinvestitionen brach bereits am ersten Tag einer verpflichtenden Schulung für den Handel mit solchen Produkten zusammen. Das berichtete Reuters.

Der monatliche Zuwachs der Haushaltskredite im gesamten Finanzsektor hat sich im Mai gegenüber April fast verdreifacht. Die südkoreanische Zentralbank brachte den Anstieg unbesicherter und anderer Kredite ausdrücklich mit stärkeren Börseninvestitionen von Privatpersonen in Verbindung.

Der Kospi zeigt, wie schnell der KI-Boom von einer fundamentalen Wachstumsstory in eine Kredit- und Spekulationsdynamik umschlagen kann. Für deutsche Anleger ist das relevant, da Samsung, SK Hynix und andere asiatische Chipwerte eng mit globalen KI-Lieferketten verbunden sind. Wer über Fonds oder ETFs in Technologie investiert, ist solchen Bewegungen oft indirekt ausgesetzt.

Besonders gefährlich wird eine Rally, wenn Kursgewinne, Kreditaufnahme und Hebelprodukte einander verstärken. Dann reichen Gewinnmitnahmen institutioneller Anleger oder regulatorische Warnungen aus, um starke Rückschläge auszulösen. Der Kospi ist damit nicht nur ein südkoreanisches Phänomen. Er ist ein Warnsignal für alle Märkte, an denen künstliche Intelligenz zur Begründung immer höherer Bewertungen wird.

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