Finanzen

Interview: Ich lebe in Japan und investiere

Dita Vārna Yoshimura lebte lange von Gehalt zu Gehalt, dann entdeckte sie durch ihren Mann die Börse. Heute investiert die Lettin aus Japan selbstständig, spricht offen über Gewinne, Fehler und darüber, warum Anfänger erfahrene Begleitung brauchen.
05.07.2026 14:11
Lesezeit: 10 min

Vom Kimono-Handel zur Börse

Dita Vārna Yoshimura lebt seit sechs Jahren in Japan, handelt mit Vintage-Kimonos, näht Kleidung auf Bestellung und investiert an der Börse. Im Interview mit unseren Bonnierkollegen vom lettischen Finanzportal „Investoru Klubs“ erzählt sie, wie sie nach Jahren ohne große Finanzbildung durch ihren Mann den Einstieg in die Welt der Aktien fand, warum sie vor allem auf Swing Trading setzt und welche Fehler sie als Anlegerin heute nicht mehr machen würde. Das Originalinterview finden Sie hier.

DWN: Bitte stellen Sie sich unseren Lesern vor.

Dita Vārna Yoshimura: Ich bin selbstständig, handle mit Vintage-Kimonos und nähe Kleidung auf Bestellung. In der Schule lag mir Wirtschaft nicht, es interessierte mich auch nicht. Viele Jahre lebte ich von Gehalt zu Gehalt, ich gab gern Geld aus, und meine Finanzbildung war unter jeder Kritik. Dann traf ich meinen Mann, der ein Enthusiast des Aktienmarktes ist. Ich lernte Swing Trading kennen und machte einen Neustart bei meinen Finanzen und in meinem Denken. Das klingt wie die Einleitung zu irgendeinem Pseudo-Finanzcoachingkurs, aber genau so war es tatsächlich.

DWN: Wie kamen Sie nach Japan, und wie unterscheidet sich das Leben dort von unserem Alltag?

Dita Vārna Yoshimura: Nach Japan brachte mich völlig ungeplant die Arbeit. Direkt vor dem Corona-Chaos flog ich mit einem der letzten Flüge nach Tokio, um bei Uniqlo zu arbeiten. Ich war Spezialistin für 3D-Visualisierungen von Kleidung. Dort arbeitete ich knapp zwei Jahre, dann heiratete ich in eine Kleinstadt in Nara.

Japan ist schön, das Klima ist sehr angenehm, sonnig, abgesehen vom wahnsinnig heißen Sommer. Dann möchte man allerdings wieder nach Europa. Wir bauen hier unseren eigenen Reis und Gemüse an, also eine richtige Kleinstadtidylle. Die Menschen sind höflich, ruhig, sie verkrampfen nicht, sie leben langsam. Viele hier praktizieren Stoizismus. Wahrscheinlich bleibt einem auch nichts anderes übrig, wenn man weiß, dass die Erde jederzeit von einem starken Erdbeben durchgeschüttelt werden kann und man unter den Trümmern des Hauses aufwachen könnte. Deshalb muss man einfach leben. Das gefällt mir an den Menschen hier am meisten: die Ruhe.

Der Einstieg in die Welt des Investierens

DWN: Wie kamen Sie zu der Entscheidung zu investieren?

Dita Vārna Yoshimura: Mein Mann machte mich mit den Möglichkeiten des Aktienmarktes bekannt. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Investieren. Vorher hatte ich keine Ahnung, was das ist und dass auch ein „normaler“ Mensch damit anfangen kann.

Ungefähr zu dieser Zeit hatte ich endlich Ersparnisse aus meiner Arbeit in Tokio. Ich erfüllte mir alle Kindheitsträume, also kaufte ich ein Klavier, einen Gaming-Computer und so weiter, und merkte, dass diese Dinge keinen wirklichen Sinn ergeben. Aber mit dem Geld sollte trotzdem etwas geschehen. Ich begann, meinen Mann auszufragen: was und wie. Nach der Hochzeit eröffnete ich ein Brokerkonto und begann unter Anleitung meines Mannes, diese Welt kennenzulernen.

Das Wissen meines Mannes ist für mich ein großer Vorteil. Deshalb gehöre ich nicht wirklich zu jener Anfängergruppe, die bei null begonnen hat und ohne große Verluste zu Erträgen kam. Ich habe gehört, dass viele Anfänger am Aktienmarkt Geld verlieren. Das ist auch meinem Mann passiert. Mir ist es nicht passiert, da er mich vor schlechten Entscheidungen bewahrte.

DWN: Seit wann investieren Sie bereits?

Dita Vārna Yoshimura: Insgesamt seit vier Jahren. Dieses Jahr ist das erste Jahr, in dem ich ohne Aufsicht meines Mannes investiere. In den ersten drei Jahren war ich eher in der Rolle einer Beifahrerin und lernte.

DWN: Welche Art von Investitionen tätigen Sie, und warum?

Dita Vārna Yoshimura: Mein Mann und ich betreiben in erster Linie Swing Trading. Uns gefällt diese Art, da nach jedem Geschäft das Geld, sozusagen, in der Tasche ist. Im Jahr tätigen wir nur einige wenige Transaktionen.

DWN: Wie wählen Sie aus, wohin Sie Ihr Geld investieren?

Dita Vārna Yoshimura: Ich verfolge Markttrends sowie technische und fundamentale Kennzahlen von Unternehmen. Dafür nutze ich die Plattform Moomoo und lese die Einschätzungen erfahrener Investoren in sozialen Netzwerken. In der Regel achte ich auf fundamental starke Unternehmen und suche bestimmte Kombinationen aus Kurschart und MACD. Außerdem schaue ich auf das Volumen.

S&P 500, japanische Aktien und kurzfristige Positionen

DWN: Welche Aktien besitzen Sie zum Beispiel?

Dita Vārna Yoshimura: Ich habe eine langfristige Anlage im S&P 500. Eine Zeit lang kaufte ich jeden Tag für einen kleinen Betrag. Derzeit pausiere ich. Außerdem habe ich eine kleine Position im japanischen Unternehmen Colowide (7616). Diese halte ich, da das Unternehmen Rabattgutscheine für lokale Restaurants ausgibt. Meine kurzfristigen Positionen sind derzeit Kobe Steel (5406) und SBI Holdings (8473).

DWN: Sie besitzen überwiegend Aktien japanischer und amerikanischer Unternehmen. Warum gerade diese Wahl?

Dita Vārna Yoshimura: Ich lebe in Japan und nutze den japanischen Broker Rakuten. Für japanische Aktiengeschäfte muss ich keine Kommission zahlen, die Steuern werden automatisch berechnet und vom Gewinn abgezogen. Dieser Broker bietet auch Zugang zur US-Börse. Gewinne kann ich in Dollar halten, deshalb gab es bisher keinen Grund, in andere Richtungen zu schauen.

DWN: Was haben Sie in diesem Jahr gekauft oder verkauft, und warum?

Dita Vārna Yoshimura: In diesem Jahr habe ich UNH, ONON, Mizuho und VEON mit Verlust verkauft. Die Pläne erfüllten sich nicht. Deshalb wollte ich Kapital freimachen.

Vor kurzem gab es ziemlich erfolgreiche kurzfristige Geschäfte mit SNOW und NOWL. Eine Zeit lang verfolgte ich SaaS-Unternehmen. Vor den Quartalszahlen von SNOW, die für den 28. Mai erwartet wurden, bemerkte ich zunehmende Aktivität. Ich ging einen Tag vor der Veröffentlichung der Ergebnisse in die Position und stieg ein paar Tage später wieder aus. Damit holte ich die diesjährigen Verluste mit einem deutlichen Plus wieder herein.

Erfolge, Verluste und Lehren

DWN: Wie läuft es insgesamt mit dem Investieren?

Dita Vārna Yoshimura: Es läuft gut. Das Startkapital von 16.000 Euro ist ungefähr auf das Vierfache gewachsen. In den ersten beiden Jahren lief es am besten. Damals kaufte und verkaufte ich unter Anleitung meines Mannes nur SOXL. Das vergangene Jahr schloss ich mit Verlusten ab, dieses Jahr ist das Ergebnis wieder positiv.

DWN: Was waren Ihre größten Fehler und Erfolge?

Dita Vārna Yoshimura: Der wohl größte Fehler war, im vergangenen Jahr dem „Hintergrundrauschen“ über ein mögliches Platzen der KI-Blase zu glauben und im April die SOXL-Position mit einem Durchschnittspreis von etwa 9 Dollar mit Verlust zu verkaufen. Mein Mann und ich hatten dort beide einen großen Teil unseres Kapitals investiert.

Ich glaube, wir hätten diese Position ohnehin nicht so lange gehalten, um einen Preis von mehr als 200 Dollar und den Millionärsstatus zu erreichen. Seitdem investieren wir keinen so großen Teil des Kapitals mehr in eine einzige Position, denn psychologisch ist das sehr schwierig. Besonders, wenn es sich um einen gehebelten ETF handelt. Und überhaupt haben wir seitdem keine Geschäfte mehr mit SOXL gemacht. Die Kursschwankungen wirken dramatischer als in den früheren Jahren.

Der größte Verlust innerhalb eines einzelnen Geschäfts lag bei mir bei etwa 3.000 Euro. Ich war zu optimistisch. Nach dem großen Erfolg mit SNOW und NOWL kaufte ich NOWL noch einmal und beachtete die 7-Prozent-Stop-Loss-Regel nicht. Hätte ich noch länger gehalten, wäre die Lage jetzt noch schmerzhafter.

Der größte Erfolg war das bereits erwähnte SNOW-Geschäft. Es war das erste Mal, dass ich mit einer einzigen Position eine so große Summe verdienen konnte: 8.000 Euro.

Worauf es bei der Auswahl von Aktien ankommt

DWN: Wie gehen Sie gedanklich vor, wenn Sie entscheiden, wohin Sie investieren oder gerade nicht investieren?

Dita Vārna Yoshimura: Ich investiere nicht in Penny Stocks und Krypto. Ich schaue stärker in Richtung stabiler Branchenführer. Wenn das Potenzial für steigende Kurse bedeutend genug erscheint, erwäge ich auch den Kauf eines gehebelten ETFs, falls es einen passenden gibt.

Auf der Plattform Moomoo sind Informationen über die amerikanischen und japanischen Märkte sehr übersichtlich. Es ist leicht zu verfolgen, in welchen Branchen Potenzial besteht. Dann wähle ich konkrete Unternehmen aus und vertiefe mich in ihre Kennzahlen und den Kurschart.

DWN: Was gibt Ihnen das Investieren insgesamt?

Dita Vārna Yoshimura: Einkommen und Zeit, die ich mit der Familie verbringen kann, da ich keiner angestellten Arbeit nachgehen muss. Theoretisch könnte auch mein Mann auf eine angestellte Arbeit verzichten, aber bislang haben wir noch kein Kapitalvolumen erreicht, mit dem wir uns ohne stabile Einnahmen zu 100 Prozent wohlfühlen würden. Ein Stück fehlt noch, aber wir sind voller Hoffnung, dass uns das in den kommenden zehn Jahren gelingt.

Warum Anfänger Unterstützung brauchen

DWN: Was würden Sie anderen raten, die erst darüber nachdenken: Warum sollte man mit dem Investieren beginnen?

Dita Vārna Yoshimura: Man sollte unbedingt anfangen, Bücher zu lesen und sich weiterzubilden. Man sollte Gleichgesinnte suchen, mit denen man offen über Ideen, Pläne und Misserfolge sprechen kann. Mein Mann spricht immer viel über Investieren. Dank dessen begannen einige seiner Freunde, sich dafür zu interessieren und langfristige Anlagen zu tätigen.

DWN: Investieren auch Menschen in Ihrem Umfeld, interessieren sie sich für aktuelle Entwicklungen in der Investmentwelt, etwa in der Familie oder im Freundeskreis? Welche Beobachtungen machen Sie?

Dita Vārna Yoshimura: In Japan investieren mehrere unserer Freunde und auch Familienmitglieder neben ihrer Hauptarbeit. Sogar der 80-jährige Großvater meines Mannes. Meistens tätigen sie langfristige Anlagen. Mein Mann hat viele Bekannte, die mit kurzfristigen Geschäften beeindruckende Summen verdient haben.

Von meiner Seite kenne ich persönlich niemanden, der oder die am Aktienmarkt investiert. Sie wissen ja, wie es mit den Europäern ist: Über Geld spricht man nicht.

Investieren in Japan

DWN: Wie wichtig ist das Thema Investieren in Japan?

Dita Vārna Yoshimura: Es ist nicht so, dass die Mehrheit das tut. Auch hier sind die Löhne recht niedrig, und die Menschen leben von Gehalt zu Gehalt, ohne Ersparnisse aufzubauen. In letzter Zeit popularisiert der Staat dieses Thema jedoch, denn eine angemessene Rente für meine Generation zu gewährleisten, könnte nach allem, wie es aussieht, schwierig werden.

Hier gibt es einige Programme. NISA zum Beispiel. Wenn man im Rahmen dieses Programms Aktien kauft, wird der Gewinn aus diesem Geschäft nicht besteuert. Es gibt Grenzen, welchen Betrag man pro Jahr und insgesamt dafür nutzen kann. Ich kaufe im Rahmen dieses Programms den S&P 500.

DWN: Wie kann man Ihrer Meinung nach fördern, dass Menschen sich dem Investieren zuwenden und sich zu diesem Thema weiterbilden?

Dita Vārna Yoshimura: Schwer zu sagen. Wahrscheinlich ist es notwendig, offen von verschiedenen Erfahrungen zu hören, guten und schlechten. Besonders von jenen, die mit kleinem Kapital begonnen haben.

Ich hätte wahrscheinlich nicht angefangen zu investieren, wenn mein Mann mich nicht damit bekannt gemacht hätte. Ich denke, für Anfänger ist Unterstützung durch erfahrene Investoren lebenswichtig, um dumme Fehler und Verluste zu vermeiden und Motivation und Hoffnung nicht zu verlieren.

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Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

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Monta Šķupele

***

Monta Šķupele arbeitet für Investoru Klubs, das lettische Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschaftsnachrichten im Bonnier-Konzern.

 
 
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