VW-Aktie vor der Wende: China, Kosten und Elektroautos belasten den Konzern
Wäre Volkswagen eine Stadt, zählte sie zu den größten Zentren Deutschlands, größer als Frankfurt am Main. Die VW-Gruppe beschäftigt rund 680.000 Mitarbeiter, betreibt mehr als 100 Produktionsstätten weltweit und vereint zehn Marken: Volkswagen, Audi, Škoda, Porsche, Lamborghini, Bentley, Ducati, Scania, MAN und Volkswagen Nutzfahrzeuge. Der Jahresumsatz der Gruppe übersteigt 320 Milliarden Euro. Das ist eine Summe, die mit dem Bruttoinlandsprodukt Finnlands vergleichbar ist, das bei rund 337 Milliarden Euro liegt. Wäre Volkswagen ein Staat, gehörte der Konzern zu den etwa 50 größten Volkswirtschaften der Welt.
Volkswagen ist längst nicht mehr nur ein Automobilunternehmen. Der Konzern ist buchstäblich eine Säule der europäischen Industrie, so das Portal Puls Biznesu in einer Analyse. Noch 2018 verkaufte die Gruppe weltweit mehr als zehn Millionen Autos und wurde globaler Marktführer vor Toyota. Heute ist Volkswagen weiterhin Europas Nummer eins und weltweit die Nummer zwei. Doch die Kräfteverhältnisse und die Perspektiven haben sich fundamental verändert. Genau dieser Wandel erklärt, warum die VW-Aktie zunehmend als Gradmesser für die Zukunft der europäischen Autoindustrie gesehen wird.
Kosten, Technologie und China setzen die VW-Aktie unter Druck
Die VW-Gruppe hat heute nicht mit einem einzelnen Problem zu tun, sondern mit der Ballung mehrerer Krisen. Das erste Problem sind die Kosten. Deutsche Fabriken gehören zu den teuersten Produktionsstandorten der Welt. Hohe Arbeitskosten, Energiepreise und eine komplexe Organisationsstruktur führen dazu, dass Volkswagen Autos teurer produziert als viele Wettbewerber.
Das zweite Problem ist die Technologie. Die Revolution der Elektroautos hat sich nicht nur als Wechsel des Antriebs erwiesen, sondern als Umbau der gesamten Automobilindustrie. Das Auto wird immer stärker zum Computer auf Rädern. Der Vorsprung hängt von Batterien, Software und der Geschwindigkeit ab, mit der neue Funktionen eingeführt werden. In diesen Bereichen stehen europäische Konzerne massiv unter Druck aus China.
Das dritte und eines der größten Probleme ist ausgerechnet China, also jener Markt, der Volkswagens Stärke aufgebaut hat und sie heute kompromisslos infrage stellt. Über mehr als vier Jahrzehnte war China der größte Erfolg des deutschen Konzerns. Volkswagen trat 1984 in diesen Markt ein und war dort jahrelang unangefochtener Marktführer. In der besten Phase verkaufte die Gruppe dort mehr als vier Millionen Autos pro Jahr, fast 40 Prozent des gesamten weltweiten Absatzes von Volkswagen. Allein die Marke Volkswagen kam in China auf einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent und galt für chinesische Kunden jahrelang als Symbol für Modernität, Qualität und westliche Technologie.
Heute verschwindet dieser Vorsprung. 2023 verkaufte Volkswagen im Reich der Mitte rund 3,2 Millionen Autos, etwa 800.000 weniger als in den besten Jahren. 2024 verschlechterte sich die Lage weiter. Die Auslieferungen der Gruppe in China sanken auf ungefähr 2,9 Millionen Fahrzeuge. In der ersten Hälfte 2026 nahm der Druck nochmals zu. Der Absatz auf dem dortigen Markt fiel um mehr als 30 Prozent im Jahresvergleich und wurde zu einem der wichtigsten Gründe für die Senkung der Prognosen der gesamten Gruppe.
Noch aussagekräftiger ist der Rückgang des Marktanteils. Der Konzern, der zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts rund 20 Prozent des chinesischen Pkw-Marktes kontrollierte, kommt heute auf etwa zehn Prozent. Für die VW-Aktie bedeutet das ein strukturelles Risiko, denn China war lange der Markt, der Wachstum, Volumen und Margen zugleich stützte.
Wie China Volkswagen bei Elektroautos überholt hat
Die größte Niederlage der VW-Gruppe betrifft jedoch Elektroautos. China wurde bereits 2024 zum größten Markt für Elektromobilität der Welt. Elektroautos und Plug-in-Hybride machten dort rund die Hälfte der Neuzulassungen aus. Genau dieses Segment, das die Zukunft von Volkswagen sein sollte, wurde vor allem von lokalen Marken übernommen.
Das beste Beispiel für die veränderten Kräfteverhältnisse ist BYD. Vor wenigen Jahren war das Unternehmen für den deutschen Riesen noch ein vergleichsweise unbedeutender Wettbewerber. Heute zählt BYD zu den größten Autoherstellern der Welt. 2025 verkaufte BYD rund 4,6 Millionen elektrifizierte Fahrzeuge, darunter rund 2,25 Millionen reine Elektroautos. Zum Vergleich verkaufte die Volkswagen Group weltweit rund neun Millionen Autos aller Typen, aber nur etwa eine Million Elektroautos. Das bedeutet, dass BYD allein mehr als doppelt so viele vollelektrische Autos verkaufte wie die Volkswagen Group.
Darin liegt der Kern des Problems. Der deutsche Konzern ist nach Gesamtproduktion und Umsatz weiterhin größer. Doch im wichtigsten Zukunftssegment, der Elektromobilität, hat er seinen Vorsprung verloren. Ein Unternehmen, das über Jahrzehnte Standards der globalen Autoindustrie setzte, muss heute Herstellern hinterherlaufen, die noch vor Kurzem nur als Nachahmer europäischer Marken galten.
Wichtig ist dabei, dass BYD, Geely, SAIC, Nio oder Xpeng längst nicht mehr nur über den Preis konkurrieren. Ihr Vorsprung beruht auf Batterien, Elektronik, Software und der Geschwindigkeit, mit der neue Modelle eingeführt werden. Chinesische Firmen können ein neues Elektroauto deutlich schneller entwickeln als traditionelle europäische Konzerne. Vor einigen Jahrzehnten war die Lage umgekehrt. Volkswagen exportierte Technologie, Know-how und Produktionserfahrung nach China. Heute muss der Konzern selbst auf Lösungen chinesischer Partner zurückgreifen, um den Abstand zur Konkurrenz nicht weiter wachsen zu lassen. China ist für Volkswagen nicht mehr nur der größte Absatzmarkt, sondern auch eine Quelle der Inspiration.
Für Anleger der VW-Aktie ist dieser Punkt entscheidend. Die Bewertung des Konzerns hängt nicht nur davon ab, wie viele Autos Volkswagen heute verkauft. Entscheidend ist, ob der Konzern im elektrischen und digitalen Automarkt der Zukunft wieder Tempo aufnehmen kann.
Rettungsplan für Volkswagen belastet die VW-Aktie
Die Antwort des von Oliver Blume geführten Vorstands auf diese Veränderungen soll die größte Restrukturierung in der Geschichte Volkswagens sein. Der Konzern erwägt, die Produktionskapazität von rund zehn auf neun Millionen Autos pro Jahr zu senken. Das bedeutet den Verzicht auf ein Produktionspotenzial, das der Aktivität eines großen globalen Herstellers entspricht. Der Plan sieht zudem den Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen vor.
Der Plan besteht nicht nur aus Kostensenkungen. Der Vorstand will die gesamte Struktur des Konzerns umbauen, von der Zahl der Fabriken über die Modellpalette bis hin zur Entwicklung neuer Technologien. Oliver Blume argumentiert, das Unternehmen müsse kleiner, schneller und flexibler werden, um mit Herstellern aus China und den USA konkurrieren zu können.
Der radikalste Teil des Plans ist die mögliche Schließung einiger Werke in Deutschland. Zu den am stärksten gefährdeten Standorten werden das Werk in Dresden, in dem der elektrische ID.3 produziert wird, sowie das Werk in Osnabrück gezählt, das sich mit Nischenmodellen und der Montage von Fahrzeugen für andere Konzernmarken beschäftigt. In Medienberichten wurde auch das Werk in Neckarsulm als Standort genannt, der von einer Restrukturierung betroffen sein könnte. Auch Änderungen in Emden, Zwickau und Wolfsburg werden erwogen. In diesen Fällen geht es jedoch vor allem um geringere Produktion, ein verändertes Tätigkeitsprofil oder die Verlagerung einzelner Modelle, nicht um Schließungen.
Könnten ähnliche Entscheidungen Wolfsburg betreffen, den historischen Sitz Volkswagens und die größte Autofabrik der Welt? Das Werk beschäftigt Zehntausende Menschen und war über Jahrzehnte ein Symbol deutscher industrieller Stärke. Deshalb hätte jeder Versuch, seine Tätigkeit stärker einzuschränken, enorme politische Bedeutung.
Der zweite Teil des Plans ist eine radikale Vereinfachung der Modellpalette. Volkswagen baute über Jahre ein sehr breites Angebot aus, um fast jedes Marktsegment abzudecken. In der neuen Realität hält der Vorstand diese Strategie für zu teuer. Jedes zusätzliche Modell bedeutet eigene Kosten für Entwicklung, Produktion, Homologation und Marketing.
Der Konzern will daher die Zahl der Varianten reduzieren und sich auf Autos mit dem größten Absatzpotenzial und der höchsten Rentabilität konzentrieren. Für die VW-Aktie kann dieser Umbau langfristig positiv sein, falls er die Margen stabilisiert. Kurzfristig erhöht er jedoch den Druck, da Restrukturierungen Kosten, Konflikte und Unsicherheit verursachen.
Volkswagen sucht Hilfe in China
Gleichzeitig beschleunigt Volkswagen die Hinwendung nach China. Das ist eines der größten Paradoxa der aktuellen Krise: Der Markt, der bis vor Kurzem Quelle deutscher Überlegenheit war, ist heute der Ort, an dem der Konzern technologische Hilfe suchen muss. Volkswagen baut die Zusammenarbeit mit Xpeng aus, um schneller neue Elektroautos zu entwickeln, vor allem für Kunden in China. Ziel ist, die Entwicklungszeit neuer Modelle von mehreren Jahren auf etwa zwei Jahre zu verkürzen, also auf das Niveau lokaler Wettbewerber. Audi arbeitet wiederum mit SAIC, einem der größten Autohersteller, an einer speziellen Plattform für den dortigen Markt.
Das ist ein grundlegender Wandel der Unternehmensphilosophie. Jahrzehntelang entwarf Volkswagen Autos in Deutschland und verkaufte sie in die Welt. Jetzt entsteht ein Teil der Technologie gemeinsam mit chinesischen Partnern, da China zu einem der wichtigsten Innovationszentren der Elektromobilität geworden ist.
Für die VW-Aktie ist diese Strategie ambivalent. Einerseits kann sie Volkswagen helfen, schneller wettbewerbsfähige Elektroautos zu entwickeln. Andererseits zeigt sie, wie stark der Konzern seine frühere technologische Führungsrolle verloren hat.
Warum die Volkswagen-Reform so schwer ist
Die Restrukturierung von Volkswagen wird schwieriger sein als bei einem typischen Privatkonzern. Der Konzern ist zugleich Industrieunternehmen und Symbol deutscher Wirtschaftspolitik. Der Vorstand muss Veränderungen in einem System durchsetzen, in dem Unternehmen, Staat und Beschäftigte seit Jahrzehnten sehr eng miteinander verbunden sind. Das erschwert und verlängert Entscheidungen, besonders die härtesten.
Eine Schlüsselrolle spielt Niedersachsen. Das Land, in dem sich die Zentrale in Wolfsburg und viele der wichtigsten Produktionsstätten befinden, ist nicht nur Beobachter der Krise. Es ist der zweitgrößte Aktionär von Volkswagen und hält 20 Prozent der Stimmrechte. Größeren Einfluss hat nur die Porsche Automobil Holding mit 53,3 Prozent der Stimmen. Der dritte große Aktionär ist Qatar Holding mit 17 Prozent.
Diese Eigentümerposition gibt Niedersachsen reale Möglichkeiten, die wichtigsten strategischen Entscheidungen zu beeinflussen. Nach der Satzung von Volkswagen hat das Land das Recht, zwei Vertreter in den Aufsichtsrat zu entsenden, solange es mindestens 15 Prozent der Stammaktien hält. Gerade der Aufsichtsrat ist der Ort, an dem die Zukunft des Restrukturierungsplans entschieden wird. Volkswagen hat einen 20-köpfigen Aufsichtsrat, der je zur Hälfte aus Vertretern der Aktionäre und der Arbeitnehmer besteht.
Das bedeutet, dass der Vorstand von Oliver Blume radikale Veränderungen nicht allein durchsetzen kann. Er braucht die Unterstützung von Politikern und Beschäftigten. Das Unternehmen muss Kosten senken, um mit Herstellern aus China konkurrieren zu können. Doch jede Werksschließung bedeutet buchstäblich einen politischen Konflikt. Gleichzeitig erwarten Investoren höhere Rentabilität. Gewerkschaften verteidigen Arbeitsplätze. Und Niedersachsen muss seine Rolle als Anteilseigner mit der politischen Verantwortung für eine Region verbinden, in der Volkswagen einer der wichtigsten Arbeitgeber ist.
Für die VW-Aktie ist diese Struktur Fluch und Schutz zugleich. Sie stabilisiert den Konzern politisch, bremst aber schnelle Anpassungen an eine radikal veränderte Weltmarktlage.
Zahlen zeigen das Risiko für die VW-Aktie
Im zweiten Quartal 2026 erzielte Volkswagen rund 82,4 Milliarden Euro Umsatz. Der operative Gewinn sank jedoch um 9,5 Prozent auf rund 3,5 Milliarden Euro. Die operative Marge lag bei etwa 4,2 Prozent. Für ein durchschnittliches Unternehmen wäre das weiterhin ein sehr gutes Ergebnis. Für Volkswagen bedeutet es jedoch ein Problem, da der Konzern Investoren über Jahre an deutlich höhere Margen gewöhnt hat.
Die jüngste Entscheidung des Vorstands zu den Prognosen war besonders aussagekräftig. Volkswagen senkte seine Erwartungen für das laufende Jahr. Bis vor Kurzem war noch ein Umsatzwachstum von bis zu drei Prozent angenommen worden. Nun bereitet die Unternehmensführung den Markt auf einen möglichen Rückgang um rund drei Prozent vor.
Bei einem Unternehmen dieser Größe ist das keine kosmetische Korrektur. Ein Rückgang um drei Prozent entspricht einer Summe, die mit den Jahreshaushalten großer europäischer Städte vergleichbar ist.
Für die VW-Aktie zählt nun, ob der Konzern trotz sinkender Prognosen, hoher Restrukturierungskosten und schwächerer China-Zahlen die operative Marge stabilisieren kann. Genau daran wird der Markt messen, ob Volkswagen den Umbau kontrolliert oder von ihm überrollt wird.
Ist das die größte Krise von Volkswagen?
Finanziell hatte Volkswagen bereits schwierigere Momente. Mehr als 30 Milliarden Euro kostete den Konzern der Dieselgate-Skandal. Es handelte sich um Strafen für die Manipulation von Abgastests. Dieselgate war eine Reputationskrise. Die aktuelle Krise ist anders. Heute betrifft das Problem das Geschäftsmodell.
Zum ersten Mal muss Volkswagen die Frage beantworten, ob die Arbeitsweise, die Deutschland ein halbes Jahrhundert lang zur Automacht gemacht hat, in einer Welt elektrischer Autos, chinesischer Konkurrenz und digitaler Technologien noch funktioniert.
Wenn Volkswagen, ein Unternehmen mit mehr als 80 Jahren Geschichte, Hunderten Milliarden Euro Umsatz und Hunderttausenden Beschäftigten, sein Geschäftsmodell umbauen muss, werden sich andere europäische Hersteller ähnliche Fragen stellen müssen. Die Krise Volkswagens ist daher nicht nur die Geschichte eines Unternehmens. Sie ist eine Frage nach der Zukunft der gesamten europäischen Industrie.
Für Anleger macht genau das die VW-Aktie so bedeutsam. Sie ist nicht nur ein Autowert, sondern ein Prüfstein für Europas industrielle Wettbewerbsfähigkeit.


