BMWs neue Elektro-Ära beginnt in Ungarn
Am Rand von Debrecen, der zweitgrößten Stadt Ungarns, erstreckt sich eine der wichtigsten Industrieinvestitionen in diesem Teil Europas. BMW hat für die Serienproduktion des iX3 eine neue Fabrik errichtet, die zugleich ein technologisches Manifest ist.
Journalisten konnten das Werk vor wenigen Tagen unter Leitung der wichtigsten Verantwortlichen besichtigen. Diese kündigen bereits den Aufbau einer dritten Schicht an. Auf mehr als 400 Hektar Fläche, auf denen zuvor Mais und Sonnenblumen wuchsen, hat BMW in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Gemeinschaft einen Industriekomplex errichtet. Dort entsteht seit November vergangenen Jahres der neue iX3, das erste Serienfahrzeug auf Basis der Plattform Neue Klasse.
Alles an einem Ort
In etwas mehr als einer Stunde lässt sich der gesamte Komplex nur mit Buggys erkunden, berichtet das Portal Casnik Finance. Sie sind auch am besten geeignet, um sich durch die streng strukturierten Industriehallen zu bewegen, in denen man ständig auf Gabelstapler trifft und Sicherheit oberste Priorität hat. Fotografieren war im Produktionsprozess nur an ausgewählten Stellen erlaubt, da BMW bestimmte Details für sich behalten will.
Praktisch alle Komponenten für die Produktion befinden sich an einem Ort. Das Werk verfügt auch über eine eigene Montage für Hochvoltbatterien. In zwei Schichten arbeiten tausend Roboter und dreitausend Beschäftigte. Die Qualitätskontrolle übernimmt künstliche Intelligenz.
Aufgrund des Nachhaltigkeitsanspruchs nutzt das Werk als einzigen Energieträger Strom aus erneuerbaren Quellen. Die Solaranlage, die mit 50 Hektar Solarpaneelen mehr Fläche beansprucht als manche Industriezone, deckt ein Viertel des gesamten Strombedarfs. Überschüssige Sonnenenergie wird in einem 1.800 Kubikmeter großen Wärmespeicher mit einer Kapazität von 130 Megawattstunden gespeichert.
Fabrik in zwei Jahren hochgefahren
BMW investierte mehr als zwei Milliarden Euro in das Projekt. Der Bau der Fabrik wurde im Oktober 2018 angekündigt, der Grundstein vier Jahre später im Juni gelegt. Zunächst wurde das Werk virtuell geplant. Der Produktionsstart wurde im März 2023 in einer virtuellen Fabrik simuliert. Erst danach wurde der digitale Plan in den physischen Raum übertragen.
Während das Talent Center im Oktober 2023 eröffnet wurde, begann die Testproduktion im Oktober 2024. Jeder Arbeitsgang, jede Roboterposition, jeder Logistikfluss und jeder Montagepunkt wurden geprüft, bevor die Produktion des iX3 im November 2025 tatsächlich startete.
In der Karosseriewerkstatt, in der fast keine Menschen arbeiten, sind tausend Roboter im Einsatz. Die Montage ist so konzipiert, dass rund 80 Prozent der Teile direkt an den passenden Punkt der Linie gelangen. In der Fabrik arbeiten Beschäftigte aus 15 Ländern, die offiziellen Sprachen des Werks sind Ungarisch und Englisch. Unter den Beschäftigten sind auch Menschen aus Nachbarländern, etwa Rumänen. Das überrascht kaum, da die Fabrik ungefähr 60 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt liegt.
BMW iX3 Werk Debrecen in Zahlen
170.000 BMW iX3 sollen bei voller Auslastung jährlich produziert werden.
400 Hektar Fläche benötigte BMW für den Fabrikkomplex, die Hälfte davon wurde begrünt.
1.000 Roboter arbeiten in der Produktion.
3.000 Beschäftigte kommen aus 15 Ländern.
Ein Drittel des Autos besteht aus Teilen aus recycelten Materialien.
Neben der Einführungsschulung für die Produktion bietet BMW den Beschäftigten auch Englischkurse an. Sie erhalten außerdem Verpflegung in drei Restaurants. Mit gezielt gestalteten Mahlzeiten erreichte das Werk vor kurzem, dass in den Restaurants möglichst wenig Lebensmittelabfall entsteht. Der Arbeitgeber organisiert zudem die Anreise zur Arbeit, entweder mit dem Zug oder mit Bussen.
Werkleiter Hans-Peter Kemser sagte, die Fabrik arbeite derzeit in zwei Schichten und produziere 30 Autos pro Stunde. Das entspricht etwa 480 Fahrzeugen pro Tag. Wenn die dritte Schicht eingeführt ist und alle Kapazitäten genutzt werden, sollen jährlich 150.000 Elektrofahrzeuge vom Band laufen.
„Die Nachfrage ist groß, deshalb arbeiten wir daran, dass die dritte Schicht möglichst schnell startet“, betonte Hans-Peter Kemser. In sechs Monaten gingen bereits mehr als 50.000 Bestellungen ein. Auf die Frage, ob die Fabrik auch eine Antwort auf die chinesische Konkurrenz sei, antwortete Kemser nicht direkt. Er scherzte jedoch, selbst die sprichwörtlich schnellen Chinesen hätten sie gelobt, da das Werk in so kurzer Zeit erfolgreich hochgefahren worden sei.
Datenfabrik statt klassische Autofabrik
Debrecen ist der erste von fünf BMW-Standorten weltweit, an dem die Serienproduktion der Batterien der Generation 6 beginnt. Die Batterien fahren anschließend mit autonomen Wagen direkt zu den Montagepunkten. Kleinere Komponenten werden in der Halle von autonomen Transportrobotern verteilt.
Auch im Inneren ist die Produktion eher ein datengetriebener als ein mechanischer Organismus. Die Plattform AIQX, die BMW intern entwickelt hat, nutzt Kameras und Sensoren für automatisierte Qualitätskontrollen. Die Daten verarbeitet künstliche Intelligenz, die den Beschäftigten laufend Rückmeldungen gibt. „Wir Beschäftigten haben alle notwendigen Daten zum Zustand der Produktion auf unseren Mobiltelefonen, deshalb können wir auf Anomalien extrem schnell reagieren“, erklärt der Werkleiter.
Habitat für Tiere entsteht
Besonders stolz ist man darauf, dass die Hälfte der gesamten Fläche begrünt wurde. Damit soll der Industriekomplex möglichst gut mit der Natur verbunden werden. Durch Wiesenpflanzen, Sträucher und Bäume, auch Obstbäume, will BMW zur Biodiversität beitragen. So entsteht ein völlig anderes Bild als vor einigen Jahren, als hier monokulturelle Landwirtschaft dominierte.
Es wurde ein Kanal angelegt, in dem Regenwasser gesammelt wird. Auf der Ebene, auf der häufig Wind weht, wurden Erhebungen geschaffen, die Wind bremsen und zugleich Staubentwicklung verhindern. Man freut sich darüber, dass sich in der Nähe der Fabrik bereits verschiedene Vogelarten angesiedelt haben. Andere kleinere Tiere suchen die Wasserstellen auf. Auch Insektenhotels wurden aufgebaut. Unter den Solarpaneelen grasen Schafe, die das Gras darunter kurz halten, sodass kein Mähen nötig ist.
Vor den Industriegebäuden stehen Jurten, traditionelle Pavillons, die angenehme Orte für Begegnung und Erholung der Beschäftigten bieten. Regenwasser wird laufend gesammelt und auch in den Sanitäranlagen genutzt. Selbst beim abschließenden Wasserdichtigkeitstest der Autos wird ausschließlich Regenwasser verwendet. Zudem besteht ein Drittel des Autos aus recycelten Materialien.
Enge Verbindung zur Universität
BMW kündigte den Bau der Fabrik offiziell im Oktober 2018 an. Wegen Corona musste der Baubeginn verschoben werden. In der Zwischenzeit sorgten die lokalen Behörden für den Ausbau der Straßen- und Eisenbahninfrastruktur. Dadurch konnte der deutsche Automobilkonzern den Bau der Fabrik im Juni 2022 ohne größere Hindernisse starten.
Die Fabrik ist neben allem Genannten auch ein großes Personalprojekt. BMW arbeitet eng mit der Universität Debrecen zusammen. Dort wurde eine externe Fakultäts- beziehungsweise Ausbildungseinheit eingerichtet, die mit der Fabrik verbunden ist. Jedes Jahr werden 100 Auszubildende in ein dreijähriges Programm aufgenommen. Die ersten 100 der derzeit 300 Eingeschriebenen haben es in diesem Jahr bereits abgeschlossen. Beschäftigte wurden innerhalb des globalen Produktionsnetzwerks auch auf Grundlage von Erfahrungen aus China, Südafrika, Mexiko, den USA und Deutschland geschult.
BMW baut mit dem Auto der neuen Generation den technologischen Sprung der kommenden Jahre. Der iX3 aus Debrecen führt eine neue elektrische Architektur, eine neue Designsprache und ein Produktionssystem ein, das bis 2027 als Vorbild für rund 40 neue Modelle und Überarbeitungen dienen soll. Deshalb hat die Fabrik eine besondere Rolle. Sie ist nicht nur ein ungarisches Werk eines deutschen Herstellers, sondern zugleich Versuch und Serienbeweis dafür, wie BMW künftig Elektroautos bauen will. Das neue Kapitel der elektrischen Ära beginnt also nicht in München, sondern in der Ebene bei Debrecen. Die Fabrik soll Modell für fünf weitere Produktionsstandorte werden.
Generell zeigt das Werk in Debrecen, wie stark sich die industrielle Landkarte der Autoindustrie verschiebt. Ein deutscher Premiumhersteller baut sein neues Elektrozeitalter nicht nur im Heimatmarkt auf, sondern in einem ungarischen Hochtechnologiewerk mit KI-gestützter Qualitätskontrolle, eigener Batteriemontage und enger Hochschulanbindung. Für deutsche Standorte steigt damit der Druck, Tempo, Kosten, Fachkräfte und digitale Produktion auf ein vergleichbares Niveau zu bringen. Und die Frage bleibt: Wer ist der nächste?
