Abnehmspritzen können enorme Gewichtsverluste ermöglichen
Ozempic und Mounjaro können zu enormen Gewichtsverlusten beitragen. Kombinieren Patienten die Medikamente jedoch nicht mit einer besseren Ernährung und ausreichender Bewegung, könnte sich ihre Gesundheit langfristig deutlich verschlechtern. Das behauptet der Arzt Jack Mosley, Sohn des bekannten 5:2-Befürworters Michael Mosley, in einem neuen Buch, so unsere Kollegen von Dagens Industri.
Viele Menschen, die mithilfe von Ozempic und Mounjaro abnehmen, berichten, dass die Medikamente ihre ständigen und häufig schambesetzten Gedanken ans Essen verstummen lassen. Dieses Phänomen wird als "Food Noise" oder "Essensrauschen" bezeichnet. Dass manche Menschen unter Essensrauschen leiden und dieses häufig zu ihrem starken Übergewicht beiträgt, ist sowohl für die Betroffenen als auch für Außenstehende eine neue Erkenntnis.
Viele Betroffene halten sich fälschlich für willensschwach
Wer sein ganzes Leben lang Essensrauschen erlebt hat, glaubt häufig, dass es allen Menschen genauso geht. Viele Betroffene halten sich lediglich für willensschwächer, weil sie dem Drang zu essen nicht widerstehen können. "Essensrauschen kann sehr unangenehm sein und viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Manche Menschen denken jede wache Minute ans Essen oder bereits während einer Mahlzeit an die nächste", sagt der britische Arzt Jack Mosley. Er hat das Buch "Food Noise" über die Vorteile und Risiken der neuen Medikamente zur Gewichtsreduktion geschrieben.
Menschen, die Essensrauschen selbst nie erlebt haben, können durch den Begriff besser verstehen, dass es sich um eine Erkrankung handeln kann, die sich teilweise der eigenen Kontrolle entzieht. "Menschen mit Adipositas leben noch immer mit einem erheblichen Stigma. Wir wissen, dass sie größere Schwierigkeiten haben, medizinische Versorgung zu erhalten, und beispielsweise im Berufsleben diskriminiert werden. Die Erkenntnis, dass nicht alle Menschen gleich sind, baut einen Teil dieses Stigmas ab. Doch der Weg ist noch lang", sagt Jack Mosley.
Mit dem Buch tritt er in die Fußstapfen seines Vaters. Michael Mosley war ausgebildeter Arzt und Journalist. Weltweit bekannt wurde er als Verfechter der 5:2-Diät. Dabei ernähren sich Menschen an fünf Tagen normal und schränken ihre Kalorienzufuhr an zwei Tagen stark ein. Diese Methode wird als intermittierendes Fasten bezeichnet. Gemeinsam mit seiner Frau, der Ärztin Clare Bailey Mosley, entwickelte er die Fast-800-Diät. Der Abnehmplan verbindet eine mediterran inspirierte Ernährung mit Fasten.
Michael Mosley stand mitten in seinem beruflichen Wirken, als er im Juni 2024 während einer Wanderung in Griechenland verschwand. Einige Tage später wurde er tot aufgefunden. Wahrscheinlich starb er an einem Hitzschlag. Neben dem Schock und der Trauer war der Tod seines Vaters für Jack Mosley ein Grund, "Food Noise" zu schreiben. Das Buch verweist häufig auf Michael Mosleys Experimente und Erkenntnisse zu Gewichtsverlust, Ernährung und Bewegung. "Ich wollte seine Arbeit fortführen, denn es war ihm ein Herzensanliegen, das Leben der Menschen durch Lebensstilmedizin zu verändern", sagt Jack Mosley.
Ozempic und Mounjaro: Patienten erhalten zu wenige Informationen
Wie viele andere Ärzte, die sich mit Diabetes und der eng damit verbundenen Adipositas beschäftigen, erkannte Jack Mosley früh, dass Ozempic und Mounjaro die Behandlung stark übergewichtiger Menschen revolutionieren könnten. "Ich habe beobachtet, wie sich diese Medikamente weltweit verbreiteten und welche Wirkung sie entfalten. Gleichzeitig hat mich immer wieder erschreckt, wie wenige Informationen die Patienten erhalten. Die Menschen werden nicht ausreichend über Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt. Sie erfahren auch zu wenig darüber, wie sie die bestmögliche Wirkung erzielen können. In Großbritannien beziehen viele Menschen die Spritzen über private Onlineapotheken. Dort herrschte teilweise Wilder Westen", sagt Jack Mosley und fährt fort: "Es erschien mir äußerst wichtig, den Menschen zu erklären, wie sie sich während der Behandlung richtig ernähren und bewegen sollten, damit sie die Wirkung bestmöglich nutzen können."
Studien zeigen, dass die Spritzen tatsächlich zu einer Mangelernährung führen können, wenn Patienten nicht genügend Eiweiß und Vitamine aufnehmen. Die Medikamente dämpfen den Appetit stark. Zudem zählt Übelkeit zu den häufigen Nebenwirkungen. "Der Sänger Robbie Williams bekam während der Anwendung der Spritzen beispielsweise Skorbut. Das ist eine Vitaminmangelerkrankung, an der Seeleute im 16. Jahrhundert litten, wenn sie monatelang keinen Zugang zu Obst und frischen Lebensmitteln hatten", sagt Jack Mosley.
Ein noch größeres und ernsteres Problem zeigen Studien, denen zufolge bis zu 40 Prozent des verlorenen Gewichts aus fettfreier Körpermasse bestehen können. Dabei handelt es sich vor allem um Muskeln. Die monatlichen Kosten für Ozempic und Mounjaro sind noch immer hoch. In Schweden beginnen sie bei umgerechnet rund 91 Euro pro Monat. Hinzu kommt, dass Übelkeit bei manchen Menschen als Nebenwirkung bestehen bleibt. Die meisten Patienten entscheiden sich deshalb dafür, die Medikamente nach Erreichen ihres Zielgewichts oder bereits früher abzusetzen.
Nach dem Ende der Behandlung nehmen die meisten Patienten schnell wieder zu. Der Körper lagert dabei überwiegend Fett und keine Muskeln ein. Zusammen mit dem vorherigen Verlust von Muskelmasse kann dies laut Jack Mosley eine potenziell lebensgefährliche Entwicklung auslösen. "Wir wissen, dass Menschen mit sehr wenig Muskelmasse ein höheres Risiko für Stürze, Herzerkrankungen und mehrere andere gesundheitliche Gefahren haben."
Fest steht: Ozempic und Mounjaro wirken nur so lange, wie Patienten sie weiter anwenden. Besonders deutlich zeigt sich das möglicherweise beim Essensrauschen. "Die Medikamente funktionieren ein wenig wie Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung. Sobald man sie aufsetzt, verschwinden die aufdringlichen Gedanken ans Essen. Doch sobald man sie wieder abnimmt, kehren die Gedanken zurück." Essensrauschen kann sich zudem sehr unterschiedlich äußern. "In einer milden Form handelt es sich um Heißhunger. Dieser unterscheidet sich vom gewöhnlichen Hunger, weil er sehr plötzlich auftreten kann. Stress, Langeweile, Niedergeschlagenheit oder Angst können das Essensrauschen auslösen. In besonders schweren Fällen beherrscht es das gesamte Leben der Betroffenen und führt zu Essanfällen."
Haben Sie selbst Essensrauschen erlebt?
"Ja. Ich bin von Natur aus schlank. Als ich jedoch anfing, als Arzt zu arbeiten, zog ich in eine andere Stadt, pendelte anderthalb Stunden und aß sowohl im Auto als auch auf der Station viele Süßigkeiten. Innerhalb eines Jahres nahm ich 15 Kilogramm zu, weil ich so gestresst und ständig von ungesundem Essen umgeben war."
Abnehmspritzen in Deutschland: Lebensstil bleibt entscheidend
Auch für Patienten in Deutschland ist eine wichtige begriffliche und medizinische Unterscheidung zu beachten: Ozempic ist in der Europäischen Union zur Behandlung von Erwachsenen mit unzureichend kontrolliertem Typ-2-Diabetes zugelassen. Für die Gewichtsregulierung ist der ebenfalls Semaglutid enthaltende Markenname Wegovy zugelassen. Mounjaro darf unter bestimmten Voraussetzungen sowohl bei Typ-2-Diabetes als auch zur Gewichtsregulierung eingesetzt werden. Maßgeblich bleiben die zugelassenen Anwendungsgebiete und eine ärztlich begleitete Behandlung.
Patienten, denen es gelingt, ihr Gewicht nach einer Behandlung mit Ozempic oder Mounjaro dauerhaft zu halten, haben laut Jack Mosley eines gemeinsam: Sie haben zusätzlich ihren Lebensstil verändert. Er nennt fünf Ratschläge für Menschen, die befürchten, nach dem Absetzen alle verlorenen Kilogramm wieder zuzunehmen: "Man muss sich darauf vorbereiten, dass das Essensrauschen zurückkehrt. Zunächst sollte man Süßigkeiten, Snacks und andere hochverarbeitete Lebensmittel aus den Küchenschränken entfernen, damit man den Versuchungen besser widerstehen kann. Zweitens sollte man die Mahlzeiten eine Woche im Voraus planen, um nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen."
Sein dritter Ratschlag lautet, gesunde und sättigende Gerichte zuzubereiten. Besonders geeignet sei eine mediterrane Ernährung mit viel Eiweiß, gesunden Fetten und Ballaststoffen. "Anschließend muss man weitere Veränderungen des Lebensstils ernsthaft angehen, etwa den Umgang mit Stress. Man sollte Krafttraining betreiben, in der Natur spazieren gehen, meditieren oder Yoga machen. Den größten Anteil am Gewichtsverlust hat die Ernährung. Bewegung ist jedoch ebenfalls wichtig, damit man leistungsfähig bleibt und sich wohlfühlt. Schließlich sollte man freundlich mit sich selbst umgehen, wenn es Phasen gibt, in denen man große Mengen ungesunder Lebensmittel isst. Wir wissen, dass Schuldgefühle mit schlechteren Ergebnissen zusammenhängen."
In diesen Medikamenten steckt also ein Widerspruch: Man nimmt ab, ohne trainieren zu müssen. Ohne Bewegung könnte sich die Situation aber verschlimmern?
"Ja. Es gibt jedoch einfache und zugleich wichtige Maßnahmen. Krafttraining spielt eine große Rolle. Dafür gibt es unkomplizierte Übungen, die man zu Hause machen kann."
Ihr Vater experimentierte gern an sich selbst. Glauben Sie, dass er die Spritzen ausprobiert hätte, wenn er noch leben würde?
"Das hätte mich nicht überrascht. Er liebte Süßigkeiten. Ich glaube allerdings, dass er sie nur getestet hätte, wenn er selbst die Voraussetzungen erfüllt hätte. Aber er liebte es, gleichzeitig Arzt, Patient und Laborratte zu sein. Für die Forschung probierte er alles aus. Also vielleicht."

