Wirtschaft

Handwerk wieder attraktiv: Steigende Ausbildungszahlen unter jungen Menschen

Ehemals starke Industriebranchen und Akademiker stecken in der Krise. Handwerksberufe und praktische Ausbildung boomen. Um so wichtiger wird die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung. Welche Gründe es noch für den Boom der klassischen Handwerksberufe in Deutschland gibt.
19.08.2026 08:49
Aktualisiert: 19.08.2026 08:54
Lesezeit: 2 min
Handwerk wieder attraktiv: Steigende Ausbildungszahlen unter jungen Menschen
Handwerk biete sichere und gute Jobs, sagte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Jörg Dittrich. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Handwerk wieder attraktiv: Steigende Ausbildungszahlen unter jungen Menschen

Im Handwerk steigen gegen den Trend in der Gesamtwirtschaft die Ausbildungszahlen. Handwerkspräsident Jörg Dittrich sprach von einem Lichtblick in einer insgesamt schwierigen Lage. "Wir steuern auf das vierte Jahr in Folge mit steigenden Neuvertragszahlen zu", sagte Dittrich der Deutschen Presse-Agentur. Zwischen Januar und Juni 2026 seien bereits knapp 67.800 neue Ausbildungsverträge in die Lehrlingsrollen eingetragen - über 3.160 Verträge beziehungsweise 4,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

"Einen so hohen Juni-Wert hatten wir zuletzt 2018. Das ist eine nachdrückliche Botschaft: Junge Menschen entscheiden sich bewusst für das Handwerk." Obwohl das Ausbildungsjahr in vielen Bundesländern bereits Anfang August beginne, sei ein Ausbildungsstart noch bis weit in den Herbst hinein möglich. "Allein über die Lehrstellenbörsen der Handwerkskammern werden derzeit noch Auszubildende für 20.460 offene Ausbildungsstellen gesucht."

Gegen den Trend

In einigen Kammerbezirken gebe es sogar zweistellige Zuwächse. Handwerk biete sichere und gute Jobs, sagte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. "Ein Beispiel ist ein Elektromeister aus Stuttgart mit einem Betrieb von 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er hatte über Jahre Schwierigkeiten, seine drei oder vier Ausbildungsplätze im Umfeld der Automobilindustrie zu besetzen. Jetzt hat er 90 Bewerbungen." Hintergrund ist, dass viele Industriebranchen in einer Krise stecken.

Dittrich nannte mehrere Gründe für die steigenden Ausbildungszahlen im Handwerk. "Erstens: KI. Junge Menschen erkennen, dass das Handwerk eine echte Alternative bietet, wenn sie einen sicheren Job haben wollen."

Zweitens seien die Imagekampagne des Handwerks und Werbebemühungen offensichtlich in der Gesellschaft angekommen. Drittens hätten sich die Verdienst- und Karrieremöglichkeiten im Handwerk verbessert. "Und viertens: Teile der Industrie haben die Zahl ihrer Ausbildungsplätze aufgrund der Weltmarktlage massiv verringert."

Mehr Geld für Bildungszentren

Die Verantwortung des Handwerks bei der Ausbildung müsse entsprechend gewürdigt werden, forderte Dittrich. Die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung müsse endlich gesetzlich verankert werden." Und sie muss an der finanziellen Ausstattung deutlich werden." Die Bildungszentren hätten erheblichen Sanierungsbedarf.

"Dieser darf nicht nur benannt, sondern muss auch finanziell hinterlegt werden. Es kann nicht sein, dass wir junge Menschen in Bildungszentren schicken, die 30, 40 oder 50 Jahre alt sind und dringend modernisiert werden müssen", sagte Dittrich. "Dieser Sanierungsstau muss genauso ernst genommen werden wie bei maroden Brücken. Die Bildungszentren müssen saniert werden und dafür ist die Ausfinanzierung bisher nicht gegeben."

Dittrich wandte sich gegen Kürzungen. So solle das Programm "Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen" Ende 2027 auslaufen. Über Jahre entstandene regionale Netzwerke dürften nicht aufs Spiel gesetzt werden.

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