Volkswagen vor Werksschließungen in Deutschland
Volkswagen hatte vor kurzem angekündigt, die Schließung von vier Werken zu prüfen. Viele glaubten jedoch, dass es dazu nicht kommen werde, da die Standorte für die lokale Gemeinschaft zu wichtig sind und Zehntausende Menschen beschäftigen. Doch wie das Handelsblatt berichtet, zeigt ein geheimes Papier für den Volkswagen-Aufsichtsrat, der sich am Wochenende trifft: Zwischen 2031 und 2034 soll die Produktion an vier deutschen Standorten gestoppt werden.
Demnach soll die Produktion in Emden und Zwickau im Jahr 2031 enden, in Hannover 2032 und in Neckarsulm 2034. Insgesamt arbeiten in den Werken 45.000 Menschen.
Die Marge reicht nicht für das langfristige Überleben
Das geht aus einem Dokument hervor, das für den Aufsichtsrat vorbereitet wurde und dem deutschen Wirtschaftsmagazin Wirtschaftswoche vorliegt. Das Papier mit dem Titel „Bericht zur Konzeptentscheidung des Aufsichtsrats“ soll als Grundlage für die Entscheidung der Volkswagen-Kontrolleure am Wochenende dienen.
Das Dokument zeigt, wie kritisch die Lage bei Volkswagen ist. „Die bestehenden Geschäftsmodelle und Strukturen reichen nicht mehr aus, um die Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität des Volkswagen-Konzerns langfristig sicherzustellen“, heißt es in dem Bericht.
Es geht auch um die Stabilisierung der Bonität des Volkswagen-Konzerns und die damit verbundenen Kapital- und Refinanzierungskosten, so das Portal finance.si. Deshalb will der Vorstand dem Aufsichtsrat einen umfassenden Sanierungsplan zur Zustimmung vorlegen. In dem Bericht heißt es, der Vorstand habe das Konzept einer ganzheitlichen Transformation des Volkswagen-Konzerns einstimmig beschlossen.
Der Volkswagen-Konzern erzielte im vergangenen Jahr 321,9 Milliarden Euro Umsatz und 6,9 Milliarden Euro Nettogewinn. Die Marge lag jedoch nur bei 2,8 Prozent. Das ist zu wenig für teure Investitionen in Forschung und Entwicklung, ohne die das Unternehmen langfristig keine Überlebenschance hat. In der ersten Hälfte dieses Jahres wurde die Marge zwar auf 3,7 Prozent erhöht. Ziel sind jedoch acht bis zehn Prozent in einigen Jahren.
Eine kleine Überlebenschance bleibt
Bekannt ist auch, wo die Autos künftig produziert werden sollen, die bisher von den Bändern der vier Werke laufen. Statt in Emden soll der Nachfolger des ID.4, der ID.Tiguan heißen soll, in Mladá Boleslav produziert werden. Aus Hannover soll die Fertigung des kommenden Modells B-Space nach Poznań verlagert werden. Statt in Zwickau soll der Nachfolger des Q4 e-tron in Bratislava gebaut werden. Der Nachfolger des A8 soll statt in Neckarsulm in Leipzig entstehen.
Die Gewerkschaft IG Metall fordert allerdings, die genannten Werke mit neuen Modellen auszulasten, statt die Produktion aufzugeben. Sie verlangt außerdem die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für diese Standorte.
Zudem weist die Gewerkschaft darauf hin, dass der Vorstand Ende 2024 eine Vereinbarung unterzeichnet habe, die einen sozialverträglichen Abbau von Beschäftigung sicherstellen sollte. Christiane Benner, Vorsitzende der größten deutschen Industriegewerkschaft, behauptet, Werksschließungen würden einen Bruch dieser Vereinbarung bedeuten.
Für die Werke ist jedoch noch nicht alles verloren. Die Volkswagen-Führung lässt ihnen eine kleine Chance, dass die Autoproduktion weitergeht. Sollten die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm ihre Produktionskosten bis Ende Juni 2027 auf ein wettbewerbsfähiges Niveau senken können, würde die Möglichkeit einer weiteren Auslastung erneut geprüft.
Alle suchen fieberhaft nach einem Kompromiss
Das wirkt jedoch fast unrealistisch. Die Produktionskosten in deutschen Werken lagen 2025 laut den Daten aus dem Papier für den Aufsichtsrat im Durchschnitt bei 6.490 Euro pro Fahrzeug. In europäischen Werken außerhalb Deutschlands betrugen sie dagegen im Durchschnitt nur 2.832 Euro pro Fahrzeug.
Zusätzlich soll ab 2030 im Porsche-Werk Zuffenhausen wegen des Auslaufens der Produktion des Taycan die Produktionskapazität um rund 30.000 Fahrzeuge pro Jahr sinken. Probleme gibt es auch in anderen Werken, unter anderem in China. Die Auslieferungen auf diesem Markt gingen um 25,9 Prozent auf 973.000 Fahrzeuge zurück. Allein im zweiten Quartal betrug der Rückgang 36,6 Prozent.
Im Konzern wird geschätzt, dass in Europa jährliche Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen abgebaut werden müssen. Einfach gesagt: Volkswagen hat mehr Werke und Produktionslinien, als es für die erwarteten Verkäufe braucht. Deshalb stellt sich logisch die Frage, warum ein teures Auto in Deutschland gebaut werden soll, wenn dasselbe Modell anderswo in Europa günstiger produziert werden kann.
Vertreter des Betriebsrats, der Gewerkschaft IG Metall und des Landes Niedersachsen stellen sich seit Monaten entschieden gegen Werksschließungen. Kurz vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung bemühen sich alle Beteiligten fieberhaft um einen Kompromiss.
Nach Angaben von Quellen sollen einige Entscheider bereit sein, den für das Überleben von Volkswagen notwendigen Sanierungsplan des Vorstands zu bestätigen, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Entscheidung über die Schließung mehrerer deutscher Werke vorerst vertagt wird.
Dabei müssen Arbeitnehmervertreter und andere Mitglieder des Aufsichtsrats dem Ende der Produktion in einem einzelnen Werk gar nicht zustimmen. Der Vorstand kann die Produktion in den Werken nämlich auch ohne Zustimmung des Aufsichtsrats stoppen.
Nach der Satzung des Konzerns gehört das Ende der Produktion nicht zu den Geschäften, für die die Zustimmung des Aufsichtsrats erforderlich ist. Dazu zählen lediglich die Gründung und die Verlagerung von Produktionsstätten.
Mehrere Kenner der Lage bestätigten diese Auslegung der Satzung.


