Ein Markt, zwei Wahrheiten
Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) legte im März 2026 eine eigene Studie vor. Für 2024 beziffert sie den Anteil des nicht regulierten Online-Glücksspiels auf 22,97 Prozent des Marktvolumens. Die Kanalisierungsquote läge damit bei 77,03 Prozent.
Die Branche hält dagegen. Der Deutsche Online Casinoverband (DOCV) bezeichnet die Zahlen als zu konservativ und verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2023. Diese ermittelte auf Basis eines Nielsen-Panels mit rund 25.000 Personen eine Kanalisierungsquote von lediglich 50,7 Prozent. Demnach entfiel fast jede zweite Nutzung auf nicht lizenzierte EU- oder Offshore-Anbieter.
Was das in Euro bedeutet
Selbst die vorsichtigere Lesart ergibt eine beträchtliche Summe. Rund ein Viertel der Online-Umsätze entspricht Schätzungen zufolge etwa 547 Millionen Euro Bruttospielertrag im unregulierten Bereich.
Für den Fiskus zählt jedoch nicht der Ertrag, sondern der Einsatz. Die Steuer auf virtuelle Automatenspiele beträgt 5,3 Prozent jedes Einsatzes. Bei einer Auszahlungsquote von rund 96 Prozent stehen hinter 547 Millionen Euro Bruttospielertrag etwa 13 Milliarden Euro an Einsätzen. Rechnerisch entgehen dem Staat damit jährlich Einnahmen im hohen dreistelligen Millionenbereich. Seit 2021 könnte sich der Ausfall auf mehrere Milliarden Euro summiert haben.
Die Steuer als Wettbewerbsnachteil
Das Paradoxe: Gerade die Einsatzsteuer kann dazu beitragen, dass Spieler auf ausländische Angebote ausweichen. Lizenzierte Anbieter müssen die Abgabe in ihrem Geschäftsmodell berücksichtigen, was sich unter anderem in niedrigeren Auszahlungsquoten widerspiegeln kann. Bei in Deutschland lizenzierten Slots liegen diese häufig zwischen 87 und 90 Prozent, während internationale Seiten teilweise mit rund 96 Prozent werben. Über Tausende Spins kann aus dieser Differenz ein spürbarer Betrag werden.
Hinzu kommen strenge Vorgaben: ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro, die Fünf-Sekunden-Pause pro Spin und das Sperrsystem OASIS. Wer online nach einem Casino ohne Lizenz in Deutschland sucht, sucht häufig gezielt nach Angeboten ohne diese Einschränkungen. Die Betreiber sitzen außerhalb der deutschen Steuerhoheit und führen hierzulande keine Einsatzsteuer ab.
Evaluierung als Weichenstellung
2026 steht der Glücksspielstaatsvertrag auf dem Prüfstand. Gutachter sollen klären, ob Vorgaben wie die Fünf-Sekunden-Regel oder das Einzahlungslimit den gewünschten Spielerschutz erreichen oder zugleich die Abwanderung zu nicht regulierten Angeboten begünstigen. Auch die durch den Schwarzmarkt entstehenden Steuerausfälle sollen genauer beziffert werden.
Für die Politik entsteht daraus ein klarer Zielkonflikt. Mehr Spielraum für legal regulierte Anbieter könnte einen größeren Teil des Marktes zurückholen, zugleich aber bestimmte Maßnahmen des Spielerschutzes abschwächen. Strengere Vorgaben können den Schutz innerhalb des regulierten Marktes erhöhen, zugleich jedoch die Attraktivität ausländischer Angebote steigern.
Fest steht: Solange Angebote außerhalb des deutschen Regulierungsrahmens für einen Teil der Spieler attraktiver bleiben, verdient der Fiskus an einem erheblichen Teil des Marktes nicht mit. Die Evaluierung wird zeigen, ob und wie sich daran künftig etwas ändert.
