Finanzen
Anzeige

Milliarden am Fiskus vorbei: Wie viel Glücksspielumsatz Deutschland an ausländische Anbieter verliert

Der deutsche Staat verdient am Online-Glücksspiel mit, aber längst nicht an jedem Euro. Ein beträchtlicher Teil der Einsätze fließt an Anbieter mit Sitz auf Malta, in Curaçao oder anderswo. Wie groß dieser Anteil tatsächlich ist, darüber gehen die Einschätzungen von Behörden und Branche deutlich auseinander.
22.09.2026 14:01
Lesezeit: 2 min
Milliarden am Fiskus vorbei: Wie viel Glücksspielumsatz Deutschland an ausländische Anbieter verliert
Glücksspiel: Warum dem Staat Milliarden entgehen (Bildquelle dpa) Foto: Malin Wunderlich

Ein Markt, zwei Wahrheiten

Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) legte im März 2026 eine eigene Studie vor. Für 2024 beziffert sie den Anteil des nicht regulierten Online-Glücksspiels auf 22,97 Prozent des Marktvolumens. Die Kanalisierungsquote läge damit bei 77,03 Prozent.

Die Branche hält dagegen. Der Deutsche Online Casinoverband (DOCV) bezeichnet die Zahlen als zu konservativ und verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2023. Diese ermittelte auf Basis eines Nielsen-Panels mit rund 25.000 Personen eine Kanalisierungsquote von lediglich 50,7 Prozent. Demnach entfiel fast jede zweite Nutzung auf nicht lizenzierte EU- oder Offshore-Anbieter.

Was das in Euro bedeutet

Selbst die vorsichtigere Lesart ergibt eine beträchtliche Summe. Rund ein Viertel der Online-Umsätze entspricht Schätzungen zufolge etwa 547 Millionen Euro Bruttospielertrag im unregulierten Bereich.

Für den Fiskus zählt jedoch nicht der Ertrag, sondern der Einsatz. Die Steuer auf virtuelle Automatenspiele beträgt 5,3 Prozent jedes Einsatzes. Bei einer Auszahlungsquote von rund 96 Prozent stehen hinter 547 Millionen Euro Bruttospielertrag etwa 13 Milliarden Euro an Einsätzen. Rechnerisch entgehen dem Staat damit jährlich Einnahmen im hohen dreistelligen Millionenbereich. Seit 2021 könnte sich der Ausfall auf mehrere Milliarden Euro summiert haben.

Die Steuer als Wettbewerbsnachteil

Das Paradoxe: Gerade die Einsatzsteuer kann dazu beitragen, dass Spieler auf ausländische Angebote ausweichen. Lizenzierte Anbieter müssen die Abgabe in ihrem Geschäftsmodell berücksichtigen, was sich unter anderem in niedrigeren Auszahlungsquoten widerspiegeln kann. Bei in Deutschland lizenzierten Slots liegen diese häufig zwischen 87 und 90 Prozent, während internationale Seiten teilweise mit rund 96 Prozent werben. Über Tausende Spins kann aus dieser Differenz ein spürbarer Betrag werden.

Hinzu kommen strenge Vorgaben: ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro, die Fünf-Sekunden-Pause pro Spin und das Sperrsystem OASIS. Wer online nach einem Casino ohne Lizenz in Deutschland sucht, sucht häufig gezielt nach Angeboten ohne diese Einschränkungen. Die Betreiber sitzen außerhalb der deutschen Steuerhoheit und führen hierzulande keine Einsatzsteuer ab.

Evaluierung als Weichenstellung

2026 steht der Glücksspielstaatsvertrag auf dem Prüfstand. Gutachter sollen klären, ob Vorgaben wie die Fünf-Sekunden-Regel oder das Einzahlungslimit den gewünschten Spielerschutz erreichen oder zugleich die Abwanderung zu nicht regulierten Angeboten begünstigen. Auch die durch den Schwarzmarkt entstehenden Steuerausfälle sollen genauer beziffert werden.

Für die Politik entsteht daraus ein klarer Zielkonflikt. Mehr Spielraum für legal regulierte Anbieter könnte einen größeren Teil des Marktes zurückholen, zugleich aber bestimmte Maßnahmen des Spielerschutzes abschwächen. Strengere Vorgaben können den Schutz innerhalb des regulierten Marktes erhöhen, zugleich jedoch die Attraktivität ausländischer Angebote steigern.

Fest steht: Solange Angebote außerhalb des deutschen Regulierungsrahmens für einen Teil der Spieler attraktiver bleiben, verdient der Fiskus an einem erheblichen Teil des Marktes nicht mit. Die Evaluierung wird zeigen, ob und wie sich daran künftig etwas ändert.

 


DWN
Politik
Politik Ehemaliger Topberater des Weißen Hauses: Trump gibt Tech-Milliardären beängstigend viel Macht
22.09.2026

Künstliche Intelligenz könnte die Welt ähnlich tiefgreifend verändern wie einst das Manhattan-Projekt. Doch diesmal liegt die...

DWN
Finanzen
Finanzen Heizkosten steigen 2026: So teuer wird das Heizen
22.09.2026

Für viele Haushalte wird das Heizen 2026 teurer – besonders bei Öl und Holzpellets. Eine neue Prognose zeigt, welche Heizarten stärker...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs springt über 85.000 Dollar. Was hat die Erholung ausgelöst?
22.09.2026

Der Bitcoin-Kurs ist wieder deutlich gestiegen und kletterte über 85.000 Dollar. Bemerkenswert ist der Rebound, da kurz zuvor zwei...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenz: So schützen Unternehmer ihr Privatvermögen
22.09.2026

Gerät die Firma ins Wanken, kann es schnell um mehr gehen als das Unternehmen. Plötzlich stehen auch Haus, Depot und Ersparnisse auf dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Benz-Aktie: Arbeitszeit in der Diskussion – Konzern setzt deutsche Werke unter Druck
22.09.2026

Mercedes hält seine deutschen Werke für zu teuer und fordert mehr Arbeit für das gleiche Geld. Um den Druck zu erhöhen, legt der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Quereinstieg wird zum Karrieremodell: Wo Quereinsteiger gefragt sind
22.09.2026

Ein neuer Job, ein anderer Berufsweg, neue Perspektiven: Für immer mehr Menschen in Deutschland ist der Quereinstieg eine attraktive...

DWN
Finanzen
Finanzen Vonovia-Aktie unter Druck: Enteignungsdebatte kehrt zurück
22.09.2026

Die Vonovia-Aktie gerät nach der Berlin-Wahl erneut unter Druck und fällt auf den niedrigsten Stand seit Sommer 2023. Der Wahlsieg der...

DWN
Technologie
Technologie Datendurst: Rechenzentren verschärfen Deutschlands Wasserproblem
22.09.2026

Deutschlands Rechenzentrumskapazitäten sollen bis 2030 massiv wachsen, sich mindestens verdoppeln – und brauchen dafür nicht nur immer...