Leben im Krieg in Israel: „Der Wahnsinn ist zur Normalität geworden“

 

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10.07.2014 22:25
Das Leben mit Fliegeralarm und Nächten in Luftschutzkellern ist in Israel zur Normalität geworden. Die Haaretz-Journalistin Lily Galili, die über Jahrzehnte in den Palästinenser-Gebieten recherchiert hat, schildert die ausweglose Lage der neuen Krise im Nahen Osten. Es gibt keine militärischen Triumphe mehr und auch kein Waterloo. Das höchste der Gefühle ist eine kurze Pause zwischen den Wellen der Gewalt. Ein Bericht aus Tel Aviv.

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Die Einblendung während der Sondersendung im Fernsehen lautet: „Ein Land unter Beschuss“. Dieses Mal kann niemand den Medien vorwerfen, Panik zu schüren: Das ganze Land steht tatsächlich unter Beschuss. Im Gegensatz zu der letzten Konfrontation mit Gaza vor eineinhalb Jahren geht es dieses Mal nicht nur um die Raketen, die in Tel-Aviv landen. Die Raketen, die jetzt aus dem Gazastreifen abgefeuert werden, haben eine viel größere Reichweite und fliegen weit über Tel-Aviv hinweg bis in den Norden des kleinen Landes Israel.

Die meisten der abgefeuerten Langstreckenraketen werden bereits in Gaza hergestellt. Seit Ägypten der Hamas alle illegalen Transportwege nach Israels versperrt hat, seit die Muslimbrüder, die größten Verbündeten der Hamas, gestürzt wurden, ist die Lieferung von Raketen in den Gazastreifen, vor allem aus dem Iran, nicht mehr möglich.

Die Hamas hat sich an die veränderte Situation angepasst, indem sie ihre eigenen Waffen produziert. Die Bewohner von Tel-Aviv, die zuvor von iranischen Fajar-Raketen angegriffen wurden, lernen nun die M75 kennen, abgefangen vom Raketen-Abwehrsystem Iron Dome. Es ist irgendwie falsch, jetzt nur auf Tel-Aviv zu schauen, das bisher nur von wenigen Raketen getroffen wurde. Zumal die Einwohner im Süden des Landes nicht selten die Bomben-Dosis, die Tel Aviv einen Tag lang terrorisiert, innerhalb einer einzigen Stunde abbekommen - und das seit nunmehr 13 Jahren. Doch es ist die Hamas selbst, die besonderen Wert auf die von ihnen abgefeuerten Raketen auf Tel Aviv legt, dieser Ort als Symbol der israelischen „Normalität“.

Am zweiten Tag der Operation „Protective Edge“ (diese seltsamen Namen werden zufällig von einem Computer ausgewählt) gibt es gute und schlechte Nachrichten. Die gute Nachricht ist, dass Israel bisher immer noch nationale und internationale Unterstützung genießt. Die Tatsache, dass Premier Benjamin Netanjahu vier Tage lang Zurückhaltung zeigte, und sich nicht sofort in Vergeltungsmaßnahmen stürzte, als Dutzende Raketen auf den Süden abgefeuert wurden, ist ein politischer Fortschritt.

Sowohl auf nationalem als auch dem internationalem Parkett erscheint Israel diesmal nicht als Provokateur, sondern als ein Land, das auf die Aggression der Hamas reagiert. Raketen auf Israel abzufeuern ist für die Hamas zu eine Möglichkeit geworden, politische Relevanz zu beweisen, zu einem Zeitpunkt, an dem die Organisation in Wirklichkeit an ihrem schwächsten Punkt ist, von ehemaligen Verbündeten verlassen. (zum wirtschaftlichen Desaster bei der Palästinenser-Führung - hier). Bisher geben sowohl die palästinensische Autonomiebehörde als auch Ägypten Israel grünes Licht, die Hamas so hart wie möglich zu treffen. Beide sehen die Hamas als Bedrohung an.

Doch Netanjahu weiß sehr gut, dass diese Unterstützung kurzlebig sein wird. Sowohl in Israel als auch außerhalb wird der Druck zunehmen. Eine Bombe an der falschen Stelle, die viele palästinensische Tote verursacht, und die Stimmung in der Öffentlichkeit kippt.

Leider bleibt es für beide Seiten ein Drahtseilakt, trotz aller Vorsichts-Maßnahmen, die die Armee bisher getroffen hat. Die Hamas ist bekannt dafür, palästinensische Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Sie hat ihr eigenes Volk als Geisel genommen. Ein gezielter Versuch, einen Erz-Terroristen zu beseitigen der sich zwischen unschuldigen Zivilpersonen versteckt, kann sich in diesem leidgeprüften Stück Land in eine menschliche Tragödie verwandeln. Die Hamas nimmt den Tod der Zivilisten bewusst in Kauf. Sie achtet das Leben der eigenen Leute nicht.

In Israel selbst ist die Lage unberechenbar. Bisher erklärt die Opposition fast einstimmige ihre Unterstützung. Auch das kann sich ändern, wenn die Operation länger dauert. Die Lage wird sich schlagartig ändern, wenn eine Entscheidung für den Einsatz von Bodentruppen fällt. Israel ist durch die Falle Gaza traumatisiert, eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. Die Israelis wollen diesen Krieg nicht. Sie wissen, dass es nur Verlierer geben kann.

Solange die israelische Reaktion auf den endlosen Raketen-Regen mit der Luftwaffe erfolgt, steht der politische Konsens. Die Zustimmung wird abrupt enden, wenn eine Bodenoffensiven auch nur in Betracht gezogen wird. Der Verlust von Soldatenleben ist ein Preis, den Israel nicht zu zahlen bereit ist. In dieser Gesellschaft wird, anders als in allen anderen, das Leben eines Soldaten mehr geschätzt als das Leben eines Zivilisten. Gaza gar zu erobern und dort zu bleiben, wie vom israelischen Außenminister Avigdor Lieberman vorgeschlagen, ist keine Idee, der die Mehrheit der Israelis zustimmt.

Premier Netanjahu weiß, dass sein Vertrauensvorschuss nicht lange halten wird. Die Folgen der jüngsten brutalen Entführung und Ermordung der drei israelischen Jugendlichen, und der unvorstellbare Mord an einem entführten palästinensische Jungen, haben seine Regierungszeit gezeichnet.

Netanjahu muss sehr vorsichtig sein, wenn er seine wackelige Koalition nicht gefährden will. Aber das ist nicht die schlechteste aller Nachrichten. Die schlimmste Nachricht ist, dass es keine Lösung für das Problem gibt. Jeder Schritt kann nur eine vorübergehende Linderung im endlosen Raketen-Regen auf Israel bringen. Doch nichts kann die Gewalt dauerhaft beenden. Anders als in einem herkömmlichen Krieg, gibt es keinen wirklichen Sieg bei dieser Konfrontation. Es gibt kein Waterloo im Kampf gegen den Terrorismus, es gibt nur Kampfpausen, Momente zum Atemholen. Alle werden verlieren.

In der Zwischenzeit sind die Israelis dazu verdammt, zu leben, während Raketen auf sie abgefeuert werden. Und sie leben. Zwischen den plötzlichen Sirenen und dem unheimlichen Lärm der Bombenanschläge geht das Leben weiter. Wenn das Ziel der Terroristen lautet, das normale Leben zu stören, dann sind sie nur begrenzt erfolgreich. Israelis sind extrem belastbar.

Der ironischste Beleg dafür zeigte sich, als eine Sirene in Tel-Aviv mitten in einer Friedenskonferenz der Zeitung Haaretz losheulte. Alle tausend Teilnehmer wurden in einen Schutzraum evakuiert - und kehrten dann umgehend wieder in die Haupthalle zurück, um über den Frieden zu diskutieren.

Und es fühlte sich normal an. Genau wie es sich normal anfühlt, bekleidet schlafen zu gehen, für den Fall dass man Nachts zu einem Schutzraum laufen muss. Es fühlt sich normal an, im Sommerlager des Kindes anzurufen um sicherzustellen, dass sie dort einen anständigen Schutzraum haben. Es fühlt sich normal an, immer nur kurz zu duschen um nicht nass erwischt zu werden. Es fühlt sich normal an, wenn das Krankenhausbett in einen geschützten Bereich verlegt wird, es fühlt sich normal an, wenn der Brutkasten ihres Frühgeborenen in den Keller verlegt wird, aus Angst vor einer Rakete. Es fühlt sich normal an, wenn eine Hochzeit wegen Raketenbeschuss abgesagt wird. Es fühlt sich sogar normal an, wenn die Sirene eine Trauergemeinde unvorbereitet bei einer Beerdigung trifft. All das läuft in Israel unter dem Titel „Es wird schon nichts passieren.“ Und später zahlt man den Preis - mental, emotional, finanziell. Bis zur nächsten Runde.


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